Mein Leben mit dem Brexit

von Redaktion

Das Vereinigte Königreich verlässt die EU. Die Unsicherheit für 155 000 Deutsche auf der Insel bleibt. Wir haben mit drei Bayern gesprochen.

Magdalena Wutte macht sich Sorgen

München/London – Vor knapp fünf Jahren ist Magdalena Wutte, 38, mit ihrer Familie nach Plymouth gezogen. Lange war der Rückzug aus England für die gebürtige Münchnerin keine Option – seit klar ist, dass der Brexit kommt, denkt sie anders darüber.

Demonstrationen im Land, Erfolge für die europafeindliche Brexit-Partei bei der Europawahl und dann noch im Juli die Ernennung von Boris Johnson zum Premierminister – das Brexit-Chaos hat sie verunsichert. „Auf das, was Johnson sagt, kann man sich nicht verlassen“, sagt sie. Job-Bewerbungen nach Frankreich und Deutschland sind bereits abgeschickt.

Nach dem Brexit am 31. Januar bleibt rechtlich bis Ende des Jahres erst einmal alles wie jetzt. Wutte fragt sich aber, welchen Status sie danach im Vereinigten Königreich haben wird. Im Austrittsabkommen (siehe Artikel unten) steht, dass EU-Bürger weiter im Land leben und arbeiten dürfen. Dafür musste sich die Mitarbeiterin einer Software-Firma auf einen Aufenthaltsstatus bewerben. Dieser Status soll sie nach dem Brexit vor der Abschiebung schützen. Da Wutte seit weniger als fünf Jahren in England lebt, muss sie die Prozedur nach einiger Zeit wiederholen. Als Nachweis für ihr Aufenthaltsrecht hat sie nur eine E-Mail. Ein physisches Ausweisdokument, das ihr mehr Sicherheit geben könnte, gibt es nicht. „Ich mache mir auch Sorgen um den Rechtsstatus meiner beiden Kinder“, sagt sie.

Die britische Regierung und die EU-Kommission verhandeln in den nächsten Monaten über ihre neue Beziehung. Ob sie der EU vertraue? „Nein, weil ich nicht sicher bin, inwieweit die Bürgerrechte wichtiger sind als zum Beispiel Handelsverträge.“

Ihrer Meinung nach haben die Briten Entscheidungen getroffen, die auf falschen Informationen basierten. Das mache sie traurig, sagt Magdalena Wutte. Sie glaubt nicht, dass Nationalstolz die Brexit-Befürworter antreibt, sondern die Armut im Land. „Je weiter man aus London wegkommt, desto größer wird die Kluft zwischen Arm und Reich.“ Die britische Politik und ihre Folgen seien schuld, nicht die Europäische Union, findet Wutte.

Roland Brunner ist verunsichert

Roland Brunner, 49, fliegt fast jede Woche beruflich zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Festland hin und her. Er ist selbstständiger Unternehmensberater und hat viele Aufträge in Europa. Am Wochenende genießt er seit 23 Jahren sein Multikulti-Leben in London.

Der Brexit verunsichert auch ihn. Daher hat er sich vor gut einem Jahr neben dem deutschen den britischen Pass zugelegt – als Brite fühlt er sich jedoch nicht.

„Ich muss mir jetzt überlegen, wie ich weiterhin von England aus auf dem Kontinent arbeiten kann“, sagt Brunner. Er hat Angst vor einem ungeregelten Brexit am Ende des Jahres. Sollte sich herausstellen, dass seine Geschäfte in Europa kompliziert werden, will er seine Geschäftsadresse wieder nach Ingolstadt verlegen.

Den Brexit bezeichnet Roland Brunner als „riesigen Rückschritt“. Das nationale Denken mancher Briten verstehe er nicht. Premierminister Boris Johnson sei jemand, der gerne im Mittelpunkt stehe. „Ich glaube, der will verehrt werden.“ Das wiederum macht ihm Hoffnung. „Das kriegt er nicht, wenn er den Hardline-Brexit durchzieht“, also einen endgültigen Austritt ohne weiteres Abkommen. „Ich hoffe, dass ich da Recht habe mit meiner Einschätzung.“ Immerhin, sagt Brunner, seien die Briten nun froh, dass endlich eine Entscheidung getroffen wurde. „Dieser Eiertanz vorher, das war ja auch schrecklich“, sagt er zu dem seit 2016 andauernden Brexit-Gezerre.

Spätestens am Flughafen wird Roland Brunner immer wieder an den Brexit erinnert: „Ich sehe bei der Einreise den Gang für EU-Bürger, und dann denke ich mir: Na, wie lang das Schild wohl noch bleibt?“

Thomas Wismann wartet

Abwarten und Tee trinken. Diese Grundhaltung hat Thomas Wismann, 49, verinnerlicht. Ganz besonders wartet seine Familie auf eine Nachricht von den britischen Behörden. Sein Sohn Grant, 17, hat bisher noch keine Bestätigung, dass er nach dem Brexit weiter im Vereinigten Königreich leben darf. Wismann selbst hat den Aufenthaltsstatus („settled status“) bereits. Genervt berichtet er, wie umständlich es war, den Status für seine französische Frau zu beantragen. Als Hausfrau hat sie seit über fünf Jahren nicht mehr gearbeitet. Also musste Wismann anders nachweisen, dass sie in England lebt. Er versuchte, mehrere Bankauszüge auf der Internetseite der Behörde hochzuladen. Die Seite funktionierte erst nicht, dann konnte er nicht alle Dateien anhängen. Seit über 20 Jahren ist der IT-Spezialist EU-Recht auf der Insel gewöhnt. „Wir müssen uns jetzt für etwas bewerben, das wir schon besitzen.“ Dass der Aufenthalt theoretisch verwehrt werden kann, regt den Schlierseer auf.

Laut Wahlforschern ist ein Wunsch der Brexit-Sympathisanten weniger Einwanderung. Wismann wohnt in High Wycombe westlich von London. Dort leben viele EU-Bürger. Anfeindungen hat er selbst noch nicht erlebt. Aber von Fällen gehört habe er immer mal wieder. CINDY BODEN

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