Kitzbühel – Signe Reisch, 63, ist ein Kitzbühel-Original, eine geschäftstüchtige und einflussreiche Frau. Ihr Traditionshaus, der Rasmushof, liegt gerade im Epizentrum der Skiwelt: im Zielraum der legendären Streif, wo am heutigen Samstag die weltbesten und mutigsten Abfahrer um die Wette hangabwärts rasen.
Die Suite de Luxe gibt’s bei Reisch ab 759 Euro die Nacht, Hunde kosten 22 Euro am Tag, ohne Futter. Und die Sechs-Liter-Flasche Schampus, man gönnt sich ja sonst nichts, 1320 Euro. Wem das zu wenig ist, dem sei ein Rotwein aus dem Burgenland in der 18-Liter-Flasche ans Herz gelegt, 2950 Euro. „Es ist ja bekannt, dass Arnold Schwarzenegger schon mehrmals bei uns übernachtet hat“, sagt Reisch, die im Winter eine Machtfülle hat, die selbst den österreichischen Kanzler mit Neid erfüllen dürfte. Die Frau ist gleichzeitig Tourismus-Chefin des sagenhaften Skiorts in Tirol.
Aber sie ist noch mehr – sie ist die Nachfahrin jenes Mannes, der geholfen hat, Kitzbühel weltberühmt zu machen. Ihr Uropa hieß Franz Reisch, er war ein Skipionier. Mit einem aus Norwegen mitgebrachtem Paar Ski hat er vor 130 Jahren den Wintersport in der Kleinstadt in den Alpen begründet. 1893 gelang ihm die erste Winterbesteigung des Kitzbüheler Horns mit anschließender Abfahrt. Reisch initiierte den Aufbau einer Skischule, er ließ erste Hütten und Hotels errichten. 1920 verstarb er bei einer Abfahrt vom Hahnenkamm, Todesursache: Herzversagen.
So hat alles angefangen. Später kamen König Edward VIII., Soraya, Prinzessinnen, der Jetset, Gunter Sachs, Robert Redford, Boris Becker, Andreas Gabalier und tausend andere Superstars, Möchtegerns und Adabeis. Es wurde gefeiert, geflirtet und getrunken. Kritiker nannten den Ort: Alpen-Gomorrha. So einen Ruf muss man sich erst einmal erarbeiten – und das machen sie hier seit vielen Jahrzehnten mit Bienenfleiß. Tourismus-Chefin Reisch sagt: „Der Mythos Streif ist keine Legende, sondern gelebte Tradition. Daran halten wir natürlich fest.“ Das Renn- und High-Society-Spektakel ist eine Goldgrube für den Ort. Den Kosten von etwa acht Millionen Euro, die die mehrtägige Veranstaltung verschlingt, steht eine Gesamtwertschöpfung von etwa 47 Millionen Euro gegenüber.
Der Abfahrts-Weltcup auf der legendären Strecke gilt als härtestes Skirennen der Welt. Mausefalle, Steilhang, Hausbergkante, Traverse. Keine andere Strecke hat so viele bekannte Abschnitte wie die 3,3 Kilometer lange Streif, die die Profis in weniger als zwei Minuten abfahren. Das gefährliche Spektakel lockt jedes Jahr tausende Fans an. Im Rekordjahr 1999 waren es über das Wochenende verteilt rund 100 000 – also ein Vielfaches der Kitzbüheler Bevölkerung von 8000 Menschen. Die 290 Beherbergungsbetriebe vor Ort bieten 5777 Betten an. Ein Ort an der Belastungsgrenze – zumindest für ein paar Tage.
Mit dabei sein wird heuer auch einer der bekanntesten Einheimischen und bisher der letzte Kitzbüheler, der ein Hahnenkamm-Rennen gewonnen hat. 1974 siegte der damals 19 Jahre alte Hansi Hinterseer im Slalom. „Es hat schöne Siege gegeben, aber daheim, auf dem Berg, auf dem man Skifahren gelernt hat, das ist schon was sehr Besonderes“, erinnert sich der 65-Jährige, der 1994 seine Karriere als Volksmusiker startete.
Eigentlich soll der Sport im Mittelpunkt stehen – das betonen sie hier alle. Tatsächlich werden Streif-Sieger gefeiert wie Helden. „Es ist schon etwas schade, dass es für gewisse Leute sicher mehr ums Feiern geht als um den Sport“, sagt Hinterseer. „Letztlich ist aber der Athlet derjenige, der die Show macht, die jungen Burschen, die sich da runterhauen.“
Erstmals veranstaltet wurden die Hahnenkamm-Rennen 1931, die Streif hinunter ging es erstmals 1937. In den 1950er-Jahren begeisterten die Österreicher Toni Sailer und Andreas Molterer, Letzterer stand über drei Disziplinen hinweg (Abfahrt, Slalom, Kombi) neun Mal bei Hahnenkamm-Rennen ganz oben auf dem Podest. In den 1970ern sorgte vor allem Franz Klammer mit seinen wilden Ritten für Aufsehen. 1997 zimmerte Fritz Strobl den bis heute gültigen Streckenrekord bei einer Streif-Abfahrt in den Schnee: Nach 1:51,58 Minuten und mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 107 Stundenkilometern erreichte der Österreicher das Ziel. „Die Sportler sind schon die letzten 30 Sekunden für die Zuschauer sichtbar, das macht es so interessant, so spannend – und einmalig“, sagt Hinterseer.
Aus Deutschland siegten zuletzt Thomas Dreßen (Abfahrt, 2018) und Felix Neureuther (Slalom, 2010 und 2014). Es sind Siege für die Ewigkeit, die natürlich ausgiebig begossen werden müssen. Wo? Natürlich im Revier der Tourismus-Chefin. Als Neureuther im Rasmushof seinen ersten Slalomsieg feierte, ging bei der Party die gläserne Gams-Trophäe zu Bruch. Signe Reisch organisierte innerhalb weniger Stunden Ersatz: „Wir konnten den Felix doch nicht ohne Preis nach Hause fahren lassen“, sagt sie. Ehrensache.
Auch Arnold Schwarzenegger wird heuer wieder dabei sein, er hat sogar schon vorgefeiert. Bei einer Charity-Auktion im Ort hat er gerade eine Million Euro für Klimaschutz-Projekte eingesammelt. Bei der Versteigerung konnte man für eine Terminator-Büste bieten, für eine Komparsenrolle für Arnies nächsten Film, für ein Bild von Freund und Hobbymaler Sylvester Stallone und sogar für ein Conan-Schwert.
Man könnte fast vergessen, dass es hier in Kitzbühel um Skisport der Extraklasse geht. Aber nur fast: Am heutigen Samstag, 11.30 Uhr, beginnt die legendäre Abfahrt. Spätestens dann sausen die wahren Stars des Tages auf ihren Skiern den Berg herab. Sie heißen nicht DJ Ötzi, Klitschko oder Schuhbeck – sondern Dreßen, Feuz und Kilde. Auch mal schön.