Sie nennen ihn den Schneeflüsterer von Kitz. Peter Obernauer, Jahrgang 1944, war jahrelang der Rennleiter des Hahnenkamm-Rennens.
Wann sind Sie zuletzt die Original-Streif gefahren?
Wir Kitzbüheler fahren die Streif regelmäßig, alleine schon, weil wir diese Abfahrt brauchen, um nach einem Skitag wieder nach Hause zu kommen. Solange die Rennstrecke nicht gesperrt ist, wähle ich freilich die Original-Streif und bewältige sie in etwas mehr als drei Minuten.
Sie gelten als die „Seele vom Hahnenkamm“.
Von 1990 bis 2015 war ich für die Hahnenkamm-Rennen mitverantwortlich. 14 Jahre als Gesamt-Pistenchef, später als Rennleiter. Ich war rein für den Sport zuständig, nicht etwa für VIP-Zelte, Tribünen, Shuttles oder gar Promi-Einladungen. Meine Verantwortungsbereiche waren die Rennpisten, ihre Präparierung, ihre Absicherung und die Koordination der Rutschkommandos.
Wie viele Leute arbeiten zum Höhepunkt an der Strecke?
Bei Schneefall kommen 600 Menschen zum Einsatz. Im Normalfall etwa 300.
Wo verbringen Sie heute die Renntage?
Ein endgültiger Hahnenkamm-Ruhestand kam für mich bisher nicht infrage. Dafür liebe ich diese Rennen zu sehr. Mittlerweile bin ich für die Betreuung der Ehrengäste mitverantwortlich. Zudem leite ich während der Renntage täglich um 7.30 Uhr eine exklusive Führung über die Streif für spezielle Sponsoren und auserwählte VIPs, die das unbedingt mal erleben möchten. Auf der Rennstrecke ist dann allerdings allerhöchste Vorsicht geboten. Jeder Teilnehmer muss sich am Vortag die Kanten schleifen lassen, die Mausefalle umfahren wir trotzdem. Sonst überleben die das nicht!
Uns wurde zugetragen, dass Sie in den 1970ern als Vorläufer einmal die inoffiziell zweitbeste Zeit auf der Streif ins Ziel gebracht haben. Wie sehr wurmt es Sie, nicht auf der Startliste gestanden zu haben?
(Lacht) Mir genügt es, dass die Zeit offiziell gemessen wurde.
Versuchen Sie bitte, einem Laien die Streif zu erklären.
Die Streif ist die schwerste Abfahrt der Welt. Extrem steil, extrem schnell, extreme Kurven, extreme Fliehkräfte. Auch wenn es nicht alle Athleten zugeben, aber kurz vor dem Start macht sich jeder in die Hose. Sobald du das Starthaus verlässt, hast du keine Zeit mehr zum Nachdenken, dann regiert pure Konzentration, dann geht’s gnadenlos nach unten.
Gibt’s Streif-Siege, die sich bei Ihnen ins Gedächtnis eingebrannt haben?
Ein toller Sieg war sicherlich jener von Stephan Eberhardter, der 2004 mit Startnummer 30 von oben bis unten Bestzeit gefahren ist. Unvergessen auch der Triumph von Franz Klammer 1975 – mit einem Vorsprung von drei Tausendstel vor Gustav Thöni. Kristian Ghedina hat mit seiner irren Grätsche beim Sprung im Zielschuss 2004 sicherlich auch Hahnenkamm-Geschichte geschrieben.
Interview. Johanna Stöckl