Geflüchtet – und doch ermordet

von Redaktion

Vor dem Krieg lebten etwa 4000 Juden in München. Zum Beispiel die Familie Neuburger. Sie flohen vor den Nazis, wähnten sich schon in Sicherheit – und wurden dann doch noch von der SS erwischt. Eine tragische Geschichte zum heutigen Holocaust- Gedenktag.

VON DIRK WALTER

München – Der Münchner Stadthistoriker Maximilian Strnad steht in der Innstraße 18 in München-Bogenhausen vor einer schmalen Metallstange und zerrt an der schwarzen Plastikverpackung. Endlich geht der Kunststoff ab – und Strnad schiebt zwei schmale Metallwinkel auf die Stange. Auf dem Metall sind, nur wenige Zentimeter groß, die Konterfeis zweier Personen zu sehen: Irene und Wilhelm Neuburger lebten einst, in den 1920er-Jahren, hier in der Villengegend. Auf einem Foto sehen wir ein mondänes Ehepaar. Ein Ehepaar mit zwei kleinen Kindern. Es ging ihnen gut – bis 1933.

Das Ende war fürchterlich. Wilhelm Neuburger starb am 22. Januar 1945 im KZ Bergen-Belsen in Niedersachsen, seine Frau schon zwei Monate vorher im selben Lager. Das Stadtarchiv schreibt, die beiden seien ermordet worden. Eigentlich war es Mord durch unterlassene Hilfeleistung. Ausgehungert und ausgezehrt, starb Wilhelm Neuburger in Bergen-Belsen an schwerstem Durchfall und Typhus. Das war am 22. Januar 1945. Schon zwei Monate hatte er seine Frau verloren. Sie hatte im KZ ramponierte Schuhe richten müssen. Vielleicht hat sie sich mit einer schmutzigen Nadel gestochen, vielleicht war es auch etwas anderes, jedenfalls zog sie sich eine Blutvergiftung zu. Und überlebte das nicht.

Am heutigen Holocaust-Gedenktag werden für die Neuburgers zwei Erinnerungszeichen eingeweiht. Die Metallwinkel. Es kommt Oberbürgermeister Dieter Reiter und es kommt aus Winterthur in der Schweiz Sonja Schneidinger, eine Enkelin des Ehepaares. Weil Wilhelm Neuburger einst ein aktives Mitglied des FC Bayern war – er spielte Tennis und war sogar bayerischer Skimeister – wird auch Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef des Vereins, die Innstraße besuchen (siehe Interview). Der FC Bayern kümmert sich seit einiger Zeit sehr um die Erinnerung an seine einstigen jüdischen Mitglieder. Er hatte ja auch einst – 1919 bis 1933 und erneut 1947 bis 1951 – einen jüdischen Präsidenten, Kurt Landauer. Wer Jude war und sportlich interessiert, der ging in den 1920er-Jahren zu den Bayern. Nicht zu den Sechzigern, die als rechtsextrem und Nazi-nah galten.

Die Geschichte des Ehepaares Neuburger ist unglaublich tragisch. Es war nicht so, dass sie die Naziverfolgung passiv ertragen hätten. Nein. Sie waren ja geflüchtet – um von ihren Verfolgern im Krieg doch noch eingeholt zu werden. 1936, als das Nazi-Regime wegen der Olympischen Spiele bei der Judenverfolgung eine gewisse Ruhephase verordnet hatte, flohen die beiden mit ihren Kindern Erica und Marion in die Niederlande. Dort hoffte Wilhelm Neuburger, der in München als Kaufmann das väterliche Textilgeschäft übernommen hatte, auf eine zweite berufliche Chance. Mit anderen Emigranten eröffnete er in Amsterdam einen Briefmarkenhandel – die Marken waren schon lange sein Hobby. Der Handel scheint floriert zu haben, es war alles gut. Bis dann am 10. Mai 1940 NS-Deutschland Holland überfiel.

Zwei Jahre mussten die Neuburgers erdulden, wie ihr Leben immer stärker beeinträchtigt wurde. Was Juden in Deutschland verboten war, wurde bald auch in Holland untersagt. Bald durften Juden in Amsterdam keine Schwimmbäder mehr besuchen, sie mussten ihre Radios abliefern, ihren Schmuck abliefern. Ein Historiker hat ausgerechnet, dass Nazideutschland das Leben der Juden mit nicht weniger als 2000 antisemitischen Einzelverordnungen verleidete – und so ähnlich kam es auch in Amsterdam.

Viel weiß man nicht über die Neuburgers in dieser Zeit. Sie sollen Anne Frank gekannt haben und sogar ein Lebensmittelpaket mit ihrer Familie geteilt haben. So erzählt man es sich in der Familie gerüchteweise. Nach dem Krieg schwiegen die beiden Töchter, die anders als ihre Eltern überlebt hatten. Ihre Großmutter riet ihnen, „die Vergangenheit ruhen zu lassen“, sagt Enkelin Sonja Schneidinger. „Darum haben meine Mutter und meine Tante nie etwas über das Erlebte, wie auch über ihre Eltern erzählt.“ Vielleicht muss man dafür auch Verständnis haben. Denn wer berichtet schon gerne über eine jahrelange Kette von Demütigungen?

So weiß man heute nur in Stichpunkten, wie es für die Neuburgers weiterging: Im Januar 1943 deportierten die Deutschen die Familie Neuburger in das Transitlager Kamp Westerbork. Wilhelm musste in die Männerbaracke, die Frauen in einen separaten Bereich. Sie hofften auf ein gutes Ende. Denn Irenes Mutter, die in der Schweiz lebte, hatte für die ganze Familie gültige Pässe für Uruguay besorgt. Aber die Nazis gaben ihre Gefangenen nicht frei. Im Februar 1944 wurde die Familie in das KZ Bergen-Belsen deportiert. Die SS wies sie in ein Austauschlager für jüdische Geiselhäftlinge ein – sie galten wegen ihrer ausländischen Pässe als „Vorzugshäftlinge“. Bergen-Belsen war das zentrale Sammellager für solche zynischen Geschäfte. Über 2500 Juden (von annähernd 14 700 Austauschhäftlingen) kamen so noch frei. Wilhelms Name und der seiner Töchter taucht sogar auf einer Austauschliste mit deutschen Kriegsgefangenen auf – doch bei ihnen kam nie zu diesem Austausch.

Die Töchter Erica und Marion überlebten mit viel Glück. Kurz vor Kriegsende steckte die SS sie in einen Todeszug – ein Zug, mit dem Häftlinge aus Bergen-Belsen evakuiert wurden, damit sie nur ja nicht von der heranrückenden britischen Armee befreit würden. Nach 13 Tagen, so weiß Enkelin Sonja Schneidinger, endete der Zug bei Tröbitz in Brandenburg. Der Zug ist als der „verlorene Zug“ bekannt, weil bei dieser apokalyptischen Irrfahrt 550 Juden starben – denn niemand hatte an Verpflegung gedacht.

Nun erhalten die Neuburgers ein Erinnerungszeichen. Für München ist das eine Alternative zu den Stolpersteinen, die in anderen Städten zur Erinnerung an die Juden in den Boden verlegt werden. München will auf Augenhöhe erinnern, mit 70 Zeichen bisher, jedes Jahr einige mehr. Damit man wenigstens weiß, wo einmal Juden lebten. Die Enkelin sagt: „Die Familie schätzt es sehr, wie sich die Stadt München hier engagiert.“ Das sei „nicht selbstverständlich“.

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