Peking/München – Trotz drastischer Maßnahmen steigt in China die Zahl der Patienten mit der neuen Lungenkrankheit weiter deutlich an. Innerhalb eines Tages kletterte sie dort bis gestern um 1459 bekannte Fälle. Damit sind weltweit mehr als 6000 Patienten registriert. Die Gesamtzahl der Todesfälle in China stieg um 26 auf 132.
Mindestens 600 EU-Bürger wollen nach Angaben der EU-Kommission aus der vom Coronavirus betroffenen chinesischen Metropole Wuhan ausreisen. 14 EU-Länder, darunter Deutschland, hätten der Kommission bislang die Zahl ihrer ausreisewilligen Staatsangehörigen mitgeteilt, sagte EU-Katastrophenschutz-Kommissar Janez Lenarcic. In einer ersten europäisch organisierten Rückholaktion sollten gestern 250 französische Staatsangehörige ausgeflogen werden. Nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn werden etwa hundert Deutsche in den nächsten Tagen folgen. Japan und die USA flogen als erste Länder bereits eigene Staatsbürger aus der abgeriegelten Millionenstadt Wuhan aus.
Die vor einer Rückholaktion stehenden Deutschen sollen wahrscheinlich zwei Wochen in Quarantäne genommen werden. Das entspricht der Inkubationszeit. Der Rückflug soll nach Angaben des Auswärtigen Amtes in den nächsten Tagen als Sonderflug mit einem Flugzeug der Luftwaffe stattfinden. Es müssten aber noch letzte Fragen geklärt werden, dazu gehöre auch ein enger Austausch mit der chinesischen Seite. Nach einem Bericht des „Spiegel“ soll die Rückholaktion am Samstag stattfinden, eigentlich sei sie bereits für gestern angedacht gewesen. Es gibt jedoch mehrere Stolpersteine. So seien die Verantwortlichen in China gegen eine Landung der Bundeswehr, weil die eigene Bevölkerung sonst Angst bekommen könnte, dass die Situation noch dramatischer ist als angenommen. Möglicherweise wird deshalb von der Lufthansa ein Jet gechartert.
Die Epidemie wird nach Einschätzung eines führenden chinesischen Lungenexperten erst in sieben bis zehn Tagen einen Höhepunkt erreichen. Wie der Chef des Expertenteams im Kampf gegen das Virus, Zhong Nanshan, sagte, sind „frühe Entdeckung und frühe Isolation“ entscheidend, um das Virus in den Griff zu bekommen. Die Entwicklung eines Impfstoffes wird aus seiner Sicht noch drei bis vier Monate oder länger dauern. Auch EU-Katastrophenschutz-Kommissar Lenarcic warnte vor Optimismus: „Die Situation wird sich wahrscheinlich verschlechtern, bevor sie besser wird“, sagte der Slowene.
Aber es gibt auch positive Nachrichten: Australische Wissenschaftler haben im Labor das tödliche Coronavirus nachgezüchtet. Das teilte das Peter Doherty Institut für Infektionen und Immunität in Melbourne gestern mit. Das Virus sei von einem infizierten Patienten entnommen und erfolgreich nachgezüchtet worden. Nunmehr könne an einem Gegenmittel gearbeitet werden.
Unterdessen warnte Gesundheitsminister Spahn vor Verschwörungstheorien. „Gerade in sozialen Medien sind viele mit ganz eigenen Interessen unterwegs, die Bürgerinnen und Bürger verunsichern wollen“, sagte Spahn bei RTL und n-tv. Er habe den Eindruck, dass diese von außen oder innen „uns in unserer Debatte, in der Gesellschaft zersetzen wollen“. In Deutschland verbreiten Nutzer anonym etwa erfundene Berichte über Krankheitsfälle. Ein Video war dabei, das angeblich mit dem Coronavirus infizierte Menschen in China zeigt, die einfach umfallen. Auch dieser Nutzer veröffentlichte sein Video anonym, ohne Nachweis der Herkunft seiner Bilder.