Berlin – Gepökelter Krustenbraten um die Hälfte runtergesetzt, zwei Kilogramm Hähnchenschenkel für 3,99 Euro: Im Konkurrenzkampf locken Supermärkte regelmäßig mit Schnäppchenaktionen. Bauern bringt das in Rage – seit Monaten protestieren Landwirte in ganz Deutschland: Gegen zusätzliche Auflagen und Kosten beim Umwelt- und Tierschutz, und für mehr Wertschätzung für sich und ihre Produkte. Die Bundesregierung hat das Brodeln aufgenommen. Nach einem Agrargipfel lud Kanzlerin Angela Merkel (CDU) gestern auch Vertreter der großen Supermarktketten zum Lebensmittelgipfel ins Kanzleramt ein und rief den Handel zu fairen Bedingungen für Bauern auf.
Was kam bei dem Treffen heraus?
Neue Gesetze seien wie zu erwarten nicht in die Wege geleitet worden, sagte Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) nach der Runde. Sie nannte aber einige Punkte, mit denen es weitergehen soll. Etwa ein gemeinsames Treffen mit Landwirtschaft und Handel. Supermärkte seien bereit, regionale Angebote auszubauen. In einer „Beschwerdestelle“ sollten Erzeuger Fälle unfairer Praktiken melden können. Denn bisher bekämen Gemüsebauern schon mal morgens ein Fax, dass es statt 30 am Vorabend bestellter Paletten Kopfsalat nur noch 15 sein sollen. Um so etwas zu stoppen, solle eine entsprechende EU-Richtlinie rasch umgesetzt werden, sagte Klöckner. Lieferanten dürften auch nicht monatelang auf Geld warten.
Wie ist das Verhältnis zwischen Handel und Produzenten?
Die führenden Händler – Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit Lidl – kontrollieren nach Angaben des Bundeskartellamts zusammen mehr als 85 Prozent des Lebensmittelmarktes in Deutschland. Das gibt den „großen Vier“ eine gewaltige Einkaufsmacht. Klöckner sprach von einem Verhältnis wie bei David gegen Goliath: „So fühlen sich aktuell Erzeuger, wenn sie mit dem Handel verhandeln – Augenhöhe ist nicht gegeben.“ Und das schlage sich auch in den Preisen nieder. Allerdings wies Merkel beim Gipfel auch darauf hin, dass Supermärkte meist nicht direkt mit den Bauern in Kontakt stünden. Auch Verarbeiter für Fleisch oder Milch seien angesprochen.
Wie geht der Handel mit Lieferanten um?
Bei Preisverhandlungen wird oft mit harten Bandagen gekämpft. Das kann bis zum vorübergehenden Boykott bestimmter Produkte gehen, um Lieferanten unter Druck zu setzen. Das bekamen in den vergangenen Jahren sogar bekannte große Markenhersteller wie Nestlé oder Coca-Cola zu spüren. Dabei sind ihre Produkte für den Handel deutlich schwerer zu ersetzen als Angebote von Bauern und anderen kleineren Anbietern. „Ein Preisdruck des Handels zulasten von Tierschutz- und Umweltstandards ist nicht im Interesse der Verbraucher“, sagt der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller.
Wie sind die Bauern davon betroffen?
Klöckner warnt vor Dauertiefstpreisen. Wertschätzung für Produkte und Erzeuger könne beim Verbraucher nicht entstehen, wenn Fleisch, Obst und Gemüse teils verramscht würden. „Im Gegenteil: Man gewöhnt sich daran, der Handel erzieht sich seine Verbraucher.“ Leidtragende am Ende der Kette seien die Bauern, denen weniger bleibe, selbst wenn sie höhere Standards liefern müssten. Von einem Euro, den Verbraucher für Nahrung zahlen, kommen beim Erzeuger im Schnitt noch knapp 21 Cent an, wie das bundeseigene Thünen-Institut nach Daten für 2018 ermittelte. Vor 20 Jahren waren es mehr als 25 Cent. Für „faire“ Preise stehe auch der Handel ethisch und moralisch in der Pflicht, betont Klöckner.
Wie reagieren die Bauern?
Tausende aufgebrachter Landwirte haben in der Nacht auf Montag in Bayern und Baden-Württemberg protestiert. Die Landwirte blockierten zum Beispiel ab Mitternacht drei Stunden lang mit rund 120 Traktoren das Zentrallager von Edeka im Gewerbegebiet Eching-Ost – und brachten so den Warenstrom zum Erliegen. Mit den Protesten forderten die Bauern unter anderem bessere Rahmenbedingungen von der Politik. Auch in Straubing, Trostberg, Gaimersheim und Landsberg wollten die Bauern mit der Blockade von Edeka-Zentrallagern ein Zeichen setzen.
Was sagt der Handel zu den Vorwürfen?
Die Branche fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Der Handelsverband Deutschland (HDE) betonte vorab: „Lebensmittel werden hier nicht verschleudert.“ Deutschland liege bei Lebensmittelpreisen rund zwei Prozentpunkte über dem Schnitt der einst 28 EU-Staaten. Zudem gebe es „globale Preisabhängigkeiten“, die man national nicht steuern könne. Rewe-Chef Lionel Souque erinnerte auch daran, dass hierzulande rund 13 Millionen Menschen in Armut oder an der Armutsgrenze lebten. „Günstige Lebensmittelpreise ermöglichen diesen Menschen eine gesunde und sichere Ernährung.“
Warum setzen Händler auf Billig-Aktionen?
Für 65 Prozent der Bundesbürger sind Sonderangebote wichtig, wie das Marktforschungsunternehmen Nielsen berichtete. Im Wettbewerb kann sich kein Händler leisten, diese Erwartungen zu enttäuschen. Wie empfindlich viele Verbraucher beim Preis sind, erlebte vor einigen Monaten Lidl. Der Discounter wollte nur noch Bananen mit Fairtrade-Siegel verkaufen, das sollte 10 bis 20 Cent pro Kilo mehr kosten. Doch die Verbraucher kauften dann bei der Konkurrenz. Am Ende musste Lidl zurückrudern.