München – Urlaubsbilder, Fitnessvideos, Schmink-Anleitungen: Mehr als eine Milliarde Menschen treiben sich auf der Internet-Plattform Insta-gram herum. Hier teilen Nutzer ihren Alltag mit der ganzen Welt, wie in einem digitalen Bilderbuch. Einige haben eine besonders große Reichweite und bekommen tausende Likes, die zeigen, wie vielen Menschen ihr Foto gefällt. Solche Supernutzer nennt man auch Influencer: Sie werben mit ihren Bildern für Produkte und verdienen zum Teil im fünfstelligen Bereich – für nur einen Beitrag. Die Journalistin Nena Schink versuchte sich für ein Experiment selbst als Influencerin. Irgendwann aber, so erzählt sie, geriet das Ganze aus dem Ruder. Sie wurde instagramsüchtig. Jahrelang war sie in der digitalen Schein-Welt gefangen. Aber sie fand einen Weg zurück in die reale Welt. Darüber hat die 27-Jährige, die in München lebt, jetzt ein Buch geschrieben. Es heißt: „Unfollow – Wie Instagram unser Leben zerstört“ (Eden Books, 14,95 Euro).
Woran merkt man, dass man süchtig ist nach Instagram?
Das erste Anzeichen ist, dass man seine Bilder überprüft: dass man ein Bild hochlädt und sofort beginnt, die Likes nachzuzählen. Wenn die Zahl der Likes anfängt, wichtig zu werden, dann ist man definitiv süchtig nach digitaler Bestätigung. Wenn schlechte Laune dazu- kommt, weil man findet, dass man nicht genug Likes bekommen hat, oder Neid, weil andere mehr Likes bekommen, dann ist das ein Alarmzeichen. Es gibt viele Frauen, die dann Bilder löschen, nur weil sie mal weniger Likes bekommen haben. Wenn du dich nur für dich selbst interessierst und nur dafür lebst, dass andere Menschen deine Bilder liken, kann das nicht gesund sein. Das ist definitiv ein Zeichen der Sucht. Ein zweites Anzeichen ist die Zeit. Ich würde sagen: Wer zwei Stunden am Tag auf Instagram verbringt, ist süchtig.
Wann haben Sie gemerkt, dass Sie süchtig sind?
Mir ist irgendwann aufgefallen, dass es eigentlich Schwachsinn ist, zwei Stunden am Tag auf Instagram zu verbringen – auch weil meine Mutter mich damals sehr stark darauf angesprochen und kritisiert hat. Sehr heilsam waren auch die realen Begegnungen mit den Influencern und die Erkenntnis, dass sie auf Instagram cooler wirken als im echten Leben. Da habe ich mich schon gefragt, warum ich eine Stunde am Tag damit verbringe, das Leben dieser Mädchen zu verfolgen. Aber ich habe erst mal trotzdem weitergemacht. Auch ein Zeichen dieser Sucht. Der absolute Tiefpunkt war, als ich meine Schwester im Kroatien-Urlaub dazu verdonnert habe, Fotos von mir in einem knallroten Bikini auf einer Wassermelonen-Luftmatratze zu machen. Sich als Wirtschaftsjournalistin so fotografieren zu lassen, ist ziemlich dämlich. Ich glaube, das war der Tiefpunkt, weil ich immer schon feministisch angehaucht und eigentlich dagegen war, dass Frauen sich sexualisieren.
Dass der Wunsch nach Bestätigung einen gewissen Reiz und ein Suchtpotenzial hat, leuchtet von außen betrachtet noch ein. Aber warum konnten Sie es nicht lassen, fremde Menschen zu beobachten?
Ich glaube, das ist Voyeurismus: Man wird süchtig danach, jede Einzelheit aus deren Leben zu kennen. Das ist so ähnlich wie beim Dschungelcamp. Das schaue ich zwar nicht, aber ich denke, man kann das vergleichen. Und dazu kommt dann bei Insta-gram, dass die Influencer ein Leben präsentieren, das glamouröser ist als das der meisten Mädchen. Die fliegen um die Welt und tragen teure Marken, während man im normalen Leben nur einen Schulabschluss macht. Ein Traum wird vorgelebt – und das gepaart mit Voyeurismus, das ist das Perfide an dieser Sache. Nicht umsonst heißt es, dass Instagram süchtiger macht als Alkohol und Zigaretten. Das ist gefährlich für die Psyche von sehr vielen Menschen.
Sie sind kein Einzelfall?
Natürlich nicht. Ich glaube, dass in meinem Freundeskreis ein großer Teil insta-gramsüchtig ist. Wenn ein Mädchen sich 83 Mal fotografieren lässt, um ein perfektes Bild zu haben, dann ist es eine Sucht. Wenn junge Mädchen 80 Bikini-Bilder von sich machen lassen, weil fremde Menschen sich die Bilder anschauen sollen, dann stimmt doch etwas nicht.
Warum ist Instagram aus Ihrer Sicht gefährlicher als andere Plattformen?
Facebook wurde gegründet, um mit Freunden in Verbindung bleiben zu können, LinkedIn, um beruflich voranzukommen. Aber auf Instagram gibt es nichts anderes, als die Aufmerksamkeit der anderen zu gewinnen. Da geht es den Menschen um nichts anderes als um soziale Angeberei. Und was noch ein Problem ist: Das Frauenbild ist entsetzlich. Wenn man einen guten Text schreibt über Politik und Wirtschaft, erzielt das Bild im Vergleich zu einem Bikini-Bild gerade mal 20 Prozent der Likes. Wenn ein Mädchen mitteilt, dass es seinen Doktor gemacht hat, gibt das weniger Likes als wenn es im Brautkleid dasteht oder einen Verlobungsring in die Kamera hält. Die Frauen auf Instagram zeigen sich nicht in einem progressiven Rollenbild, sondern sie zeigen sich zu Hause. Sie dekorieren die Wohnung, das Schlafzimmer. Sie definieren sich als „wifey of“ (deutsch: Frauchen von), sind für den Mann da, sie sind für die Kinder da. Da werden doch furchtbare Rollenklischees verbreitet.
Interview: Britta Schultejans