„Ab 1947 kamen die Floristen-Verbände ins Spiel“

von Redaktion

INTERVIEW Eine Kulturwissenschaftlerin erklärt, warum der Valentinstag erst in letzter Zeit Karriere gemacht hat

München – Annegret Braun ist Kulturwissenschaftlerin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Expertin in Sachen Glück, Familie, Frauen und Brauchtum. Wir haben mit ihr über all den Trubel rund um den Valentinstag gesprochen.

Hat der Valentinstag von heute überhaupt etwas mit einem Valentinstag von einst zu tun?

Ja, schon, der Valentinstag ist ein Tag der Liebenden und steht somit auch in dieser Tradition. Früher hieß er in Deutschland einmal „Vielliebchen-Tag“, in England „Love Day“. Im Mittelalter etwa hat man an diesem Tag Karten oder Liebesbriefe oder Gedichte geschrieben, die man dann verschenkt hat. Aber: nur in höfischen Kreisen. In der „normalen“ Bevölkerung hat der Valentinstag gar keine Rolle gespielt.

Also gibt es zu diesem Tag im Volksbrauchtum in Bayern gar keine Tradition?

Nein, gar nichts. Auch der Tag des „heiligen Valentins“ ist schwierig: Die Kirche kann zwar auf mehrere heilige Valentins zurückschauen, mit einigen Erzählungen, doch die sind alle nicht hieb- und stichfest. Es gibt zum Beispiel einen Valentin, der der Helfer für die „Fallsüchtigen“ war, also für die Epileptiker; eine andere Legende dagegen besagt, dass ein Mönch namens Valentin Liebenden Blumen geschenkt hat. Aber für all das gibt es keine Belege – es sind einfach nur Legenden.

Wie ist der Valentinstag dann wieder bei uns aufgetaucht?

Der Brauch hat sich irgendwann von England nach Amerika ausgebreitet – als Tag der Freundschaft. Und mit dem Zweiten Weltkrieg ist er mit den US-Amerikanern wieder nach Europa zurückgekommen – als Tag der Liebenden. Dann kamen die Floristen-Verbände ins Spiel: Ab 1947 haben sie dafür Werbung gemacht, dass man an diesem Tag Blumen schenkt. Dann kam die Süßwarenindustrie hinzu, schließlich auch das Essengehen – und so hat sich der Tag immer weiter ausgebreitet.

Und nun ist er auch bei uns recht beliebt.

Ja. Mein Mann zum Beispiel hat am Valentinstag Geburtstag. Wenn wir an diesem Tag als Familie Essen gehen wollen, dann bekommen wir erstens gar nicht so leicht einen Tisch, und zweitens fühlen wir uns fast seltsam, dass wir zu viert zwischen all den romantischen Paaren sitzen. Oder auch in den Schulen: Dort können die Schüler rote Rosen bestellen, für die, die man besonders mag. Diese werden am Valentinstag im Klassenzimmer überreicht. Man sieht: Der Tag nimmt mittlerweile einen festen Platz bei uns ein.

Es gib also eine Art Druck, dabei mitzumachen?

Ja, und der hat sich erst in den letzten 20 Jahren so stark entwickelt. Der Tag ist zu einer Art Pflichtveranstaltung geworden. Man ist fast schon gezwungen, seinem Partner was zu schenken, denn wenn jeder in seinem Freundeskreis Blumen geschenkt bekommt oder zum Essen eingeladen wird und man selber nicht, dann ist die Enttäuschung eventuell groß. Auch in der Schule gibt es einen hohen Druck: Es ist doch schlimm für jeden Einzelnen, wenn er oder sie gar keine Rose geschenkt bekommt.

Interview: Nina Praun

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