Bamberg – Wie wichtig Werner Bätzing, 71, ein Thema ist, verrät sein Bart. Spricht der Alpenexperte und emeritierte Professor für Kulturgeografie einen Punkt an, der ihm besonders am Herzen liegt, streicht er dabei die Rauschehaare unter seinem Kinn. Ein Thema, bei dem der Bamberger besonders häufig zum Bart greift, ist das Landleben. Er hat gerade ein Buch darüber geschrieben. Es heißt: „Das Landleben: Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform“ (C.H.Beck, 302 Seiten, 26 Euro). Bätzing ist sich sicher: Wir müssen das Dorf unter einem völlig neuen Blickwinkel betrachten. Denn das Dorf ist Rettung. Nicht das Problem.
Herr Bätzing, ist für Sie das Landleben die Idylle, die die Welt vor dem Wahnsinn der Stadt rettet?
Nein, solche totalen Gegensätze sind realitätsfremd. Das Leben auf dem Land und in der Stadt sind sehr unterschiedlich, aber gleichwertig. Für ein gutes Leben braucht es beides. Das Land und die Stadt brauchen sich gegenseitig. Und: Das Land ist keine Idylle. Auch dort gibt es Streit mit dem Nachbarn, mit der Dorfgemeinschaft. Das ist aber der Grund, warum das Land für die Stadt so wichtig ist.
Wieso?
In der Stadt leben viele Menschen auf kleinstem Raum. Deswegen gibt es dort Spezialisierungen, die auf dem Land nicht umsetzbar sind. Das bringt große Vorteile, aber auch die große Gefahr, dass diese extrem spezialisierte Welt auseinanderfällt – in tausend kleinste Interessengruppen, in denen jeder nur noch mit den Leuten spricht, mit denen er einer Meinung ist. So eine Gesellschaft ist politisch nicht zu gestalten. Die Einzelteile stehen beliebig nebeneinander oder bekriegen sich.
Und auf dem Land ist das anders?
Ja. Dort hat jeder mit Menschen Kontakt, die man nicht unbedingt sympathisch findet. Der Nachbar ist der Nachbar. Ob man ihn mag oder nicht, man braucht ihn. Die Menschen wissen: Sie müssen sich trotzdem austauschen. Wenn sie sich zerstreiten, läuft gar nichts. Das ist ein Aspekt, den die Stadt vom Land lernen kann.
Welchen noch?
Die Stadt ist der Fortschrittsmotor der Welt. Deswegen denkt sie: Je mehr Arbeitsteilung, je mehr Technik, je mehr Spezialisierung, desto besser ist die Welt. Das führt in die Selbstzerstörung, weil die Menschen die unendlichen Wechselwirkungen nicht mehr im Griff haben. Bestes Beispiel sind die Klimaerwärmung und der Plastikmüll. Ursache und Wirkung – hier die Umweltverschmutzung, da die Zerstörung – sind nicht mehr erkennbar.
Das Land zeigt diese Beziehung auf?
Genau. Das Land gibt dem Fortschritt der Stadt die Bodenhaftung. Auf dem Land leben die Menschen sehr nahe an der Natur. Die Natur ist aber keine Wildnis, wie die Städter sich das vorstellen. Sie ist immer menschlich verändert. Die Menschen auf dem Land wissen, dass sie sie pflegen müssen. In der Stadt ist das verloren gegangen. Man hat das Gefühl, man könne die Natur als Material behandeln, alles mit Technik lösen. Das Landleben weiß: Das ist eine Illusion. So kann man mit Natur nicht umgehen. Der Mensch ist nur ein Teil des Ganzen.
Brauche ich dazu das Land? Kann ich das rein theoretisch nicht in der Schule lernen oder beim Ausflug ins Grüne?
Auch. Aber dazu braucht es ein Landleben. Wenn die Stadt alleine übrig bleibt und das Landleben verstädtert oder verschwindet, kann ich das nicht mehr lernen. Dann besteht die große Gefahr, dass sich die städtische Sichtweise auf die Welt durchsetzt. Und dann entstehen selbstzerstörerische Prozesse.
Passiert das gerade? Die Dörfer in Franken sterben mancherorts aus, die in Oberbayern verstädtern.
Ja. Die Städte boomen, weil sie wirtschaftlich und kulturell immer attraktiver werden. Das Land verliert. Diese gegensätzliche Entwicklung kann nicht mehr so weiter gehen. Die Städte kollabieren wegen Übernutzung, der ländliche Raum durch Entsiedlung.
Wie kann die Politik das verhindern?
Es gibt keine Patentrezepte, aber Ansätze. Der erste Ansatz: Die Politik muss das Landleben als ein Leben wahrnehmen, das anders als in der Stadt ist. Hier treten dezentrale, enge Vernetzungen zwischen Wirtschaft-Gesellschaft-Umwelt an die Stelle von Spezialisierungen. Das ist nicht schlechter oder rückständiger als die Stadt. Es ist anders, und diese Andersartigkeit muss sie fördern.
Wie?
Wir brauchen eine besondere Form des ländlichen Wirtschaftens. Das Land wird nicht aufgewertet, indem man globalisierte Betriebe dort ansiedelt. Ländliches Wirtschaften ist am stärksten, wenn es aus lokalen Ressourcen regionale Qualitätsprodukte herstellt, auf umwelt- und sozial verträgliche Weise. Dieses Wirtschaften ist nicht hoch spezialisiert, wie das städtische, aber eng mit Umwelt und Kultur verbunden. Beide Formen haben Stärken und Schwächen. Sie ergänzen sich. Wichtig ist, dass die Politik das ländliche Wirtschaften als eigenes Modell wahrnimmt, mit eigenen Qualitäten.
Also machen ländliche Räume alles richtig, wenn sie auf Handwerk, Qualitätsprodukte und Bio-Landwirtschaft setzen?
Genau. Das handgemachte Dirndl der Dorfschneiderin ist keine Folklore. Es ist eine andere Form des Wirtschaftens – eine nicht-globalisierte. Die globalisierte Wirtschaft produziert mit extrem viel Verkehr Produkte auf dem ganzen Globus. Diese sind ortlos und austauschbar wie Waschmittel oder Computerbildschirme. Landprodukte leben dagegen von ihrer Region – ob der Apfel vom Oberland oder Unterland kommt, schmeckt man.
Glauben Sie, dass die Politik die Rettung des Landlebens schafft?
Es besteht Hoffnung. Die Welt braucht das Land zum Überleben. Städte verlassen sich auf das Umland für Energie, Erholung und Wasser. Die Politik muss dort also ansetzen. Auch die Wahrnehmung hat sich bereits ein wenig gewandelt: Vor 15 Jahren hat sich noch niemand für das Dorf interessiert. Heute ist es zumindest ein Thema.
Was können die Menschen auf dem Land tun, um ihre Dörfer zu erhalten?
Ein Dorf ist nur dann Heimat, wenn die Tradition eine Zukunft besitzt, also nicht museal versteinert. Das heißt auch, Zugereiste und Heimkehrer in die Dorfgemeinschaft zu integrieren. Diese Menschen bringen einen neuen Blickwinkel mit. Wer schon immer in einem Dorf gelebt hat, nimmt alles als selbstverständlich hin und übersieht viele Möglichkeiten. Neuankömmlinge können helfen, dass ein Dorf seinen Platz in der globalisierten Welt findet.
Das Interview führte: Christian Masengarb