„Man sollte am Anfang nicht zu streng mit sich sein“

von Redaktion

INTERVIEW Experte: Warum uns Fasten aus Zwängen befreit und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten steigert

München – Fasten ist mehr als eine Diät. Es geht um Verzicht und die Konzentration auf uns selbst. Aber wie schaffen wir es, die Fastenzeit durchzustehen? Dranzubleiben? Und danach neu zu starten? Das erklärt Alexander Heuberger, Psychotherapeut aus München.

Warum wird Fasten für Menschen wichtiger?

Wir leben in einer Überflussgesellschaft, in der sehr viel möglich ist – und in der wir schon mal den Überblick und die Kontrolle über Teilbereiche unseres Lebens verlieren. In der Fastenzeit können wir uns mit unangenehmen Themen achtsam auseinandersetzen. Das Fasten birgt die Chance, innerlich zu reifen, unseren „echten“ Bedürfnissen nachzuspüren – uns letztlich mehr auf uns selbst zu konzentrieren.

Am Ende geht es also vor allem um Gefühle?

Um eine ganze Gefühlspalette, würde ich sogar sagen. Wer erfolgreich fastet, entwickelt im Lauf der Zeit viele positive Gefühle. Und genau dadurch wird das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gestärkt!

Für viele ist Fasten nicht nur ein Nahrungs-, sondern vor allem ein Genussmittelverzicht …

Das ist auch völlig legitim! Man sollte jedoch erkennen, dass beim Fasten nicht nur die Kilos purzeln sollten, sondern dass sich langfristig auch die innere Einstellung ändern sollte. Es geht im Kern darum, sich aus Zwängen zu befreien. Ein konkretes Beispiel: Braucht man den Kaffee am Morgen unbedingt? Und wenn ja – vielleicht dann ohne Zucker? Das ist nicht nur gesünder, wir haben auch das Gefühl: Es geht gut mit weniger – und wir behalten die Kontrolle.

Gilt das auch bei anderen Lastern?

Durchaus. Eine Smartphone-Abstinenz würde vermutlich den meisten von uns guttun. Nur: Wenn wir für einige Zeit das Smartphone weglegen, kommt bald die Angst, etwas zu versäumen. Auf diese Angst müssen wir vorbereitet sein – und dann versuchen, sie auszuhalten und dabei nicht gleich einzuknicken. Gelingt das immer öfter, kommen positive Gefühle auf – etwa eine steigende Zufriedenheit über unsere gewachsene Willensstärke und eine innere Mäßigung.

Gibt es Tricks, um seinen Vorsätzen treu zu bleiben?

Durchhalten ist schwer, klar. Aber oft geht es zum Beispiel in der Gruppe einfacher – da gibt es Gleichgesinnte, man tauscht sich aus, motiviert sich, beglückwünscht sich zu Erfolgen. Auch ein Coach kann hilfreich sein, weil er konkrete und realistische Tagesziele gemeinsam mit den Betroffenen definieren kann. Auftretende Schwierigkeiten können lösungsorientiert besprochen werden. Achtsamkeit ist dabei ein weiterer wichtiger Therapieinhalt.

Was, wenn man doch mal schwach wird?

Dann ist das zunächst einmal menschlich! Man sollte vor allem am Anfang der Fastenzeit nicht zu streng mit sich selbst sein – und auch versuchen, typische Stressfaktoren im Alltag zu meiden. Das macht es nämlich insgesamt leichter! Die Angst vorm Scheitern muss man aber ernst nehmen, bloß nicht ignorieren. Denn diese Angst bietet uns auch etwas, nämlich: dass wir uns auf die Sache fokussieren, um unser Ziel zu erreichen. Mit kleinen Schritten, womöglich aber auch mit dem einen oder anderen Rückschlag – der uns allerdings nicht aus der Bahn wirft! Zumal jeder Erfolg uns zugleich positive Gefühle beschert, die uns wiederum weitermachen lassen.

Wie sieht denn so ein Schritt-für-Schritt-Vorankommen aus?

Nehmen wir noch einmal an, wir wollen die Nutzung unseres Smartphones reduzieren. Wir können Tag um Tag die Zeiten unserer Abstinenz schrittweise ausdehnen. Wenn dieser Prozess erfolgreich voranschreitet, kann es im Idealfall dazu führen, dass wir nur mehr feste Nutzungszeiten festlegen. Wichtig ist es, darauf zu achten, welche positiven Aspekte und Veränderungen dadurch neu spürbar werden …

Dass wir uns freier fühlen, mehr Zeit haben?

Zum Beispiel, ja.

Sind wir am Ende der Fastenzeit dann geläutert?

Sagen wir so: Wenn wir uns dauerhaft die richtige Balance zwischen unseren Ängsten und Emotionen bewahren können, dann haben wir eine Menge erreicht. So werden etwa unsere Bedürfnisse nach Ruhe, Ungestörtsein und Autonomie regelrecht erlebbar. Wir sollten uns das bewahren – es wäre ja schade, wenn es wieder verloren geht!

Interview: Barbara Nazarewska

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