München – Wie gut ist Bayern wirklich auf eine weitere Verschärfung der Corona-Krise vorbereitet? Diese Schlüsselfrage können selbst Experten nicht beantworten – weil niemand weiß, in welcher Geschwindigkeit sich das Virus ausbreiten wird. „Wir versuchen, das Infektionsgeschehen in Bayern zu verlangsamen, damit wir Zeit gewinnen, um einen Impfstoff zu entwickeln und die Infektionsrate niedrig zu halten“, sagte gestern der Präsident des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), Andreas Zapf. Ob diese Ausbrems-Strategie funktioniert, muss sich erst noch zeigen. Seit Donnerstag haben sich im Freistaat 42 Menschen mit dem Erreger angesteckt, in ganz Deutschland gibt es inzwischen 240 bestätigte Fälle, es kommen allerdings nahezu stündlich neue dazu.
Gestern erklärten LGL-Chef Zapf und weitere Spezialisten ihre Strategie im Kampf gegen den unsichtbaren Feind. Wie wichtig es ist, möglichst alle Kontaktpersonen von Corona-Patienten ausfindig zu machen, zeigt ein Fall aus Südbayern. Hier lebt ein Mann, der sich im nordrhein-westfälischen Heinsberg mit dem Erreger infiziert hatte. „Allein dieser Patient hat elf andere Menschen angesteckt“, erläutert Zapf. Deshalb werden alle Kontaktpersonen in häusliche Quarantäne gestellt. Derzeit seien davon in Bayern mehrere hundert Personen betroffen.
Noch werden infizierte Patienten in Bayern in Krankenhäusern betreut. „Es ist allerdings die Frage, ob diese Strategie vor dem Hintergrund steigender Fälle zu halten sein wird“, räumt Zapf ein. „Wir arbeiten bereits an einem Kriterienkatalog, in welchen Fällen auch eine häusliche Isolation vertretbar wäre. Der Katalog soll uns helfen, künftig stärker zu differenzieren. Dabei fließt auch die Einschätzung über die Zuverlässigkeit des Patienten ein.“ Sprich: Ist er so vernünftig, dass er auch wirklich zu Hause im Bett bleibt?
Um die Patienten so schnell wie möglich zu erkennen, sind immer mehr Tests erforderlich. Dabei wird ein Abstrich aus dem Rachen genommen und im Labor untersucht. Dieser Prozess dauere etwa fünf bis sechs Stunden, erklärt der Chef-Virologe des LGL, Dr. Nikolaus Ackermann. Derzeit sind in Bayern 2500 solcher Tests täglich möglich, etwa 160 davon beim LGL in Oberschleißheim. „Auch die privaten Labors arbeiten mit Hochdruck daran, ihre Kapazitäten zu erhöhen“, berichtet Ackermann. Eine Art Schnelltest wäre zwar wünschenswert, so der Virologe weiter, aber derzeit stehe noch kein ähnlich verlässliches Verfahren wie die herkömmlichen Tests zur Verfügung.
Bis ein Impfstoff entwickelt ist, wird noch einige Zeit vergehen, bis dahin heißt es: improvisieren. Der Freistaat hat gerade eine Million Schutzmasken bestellt. „Wir haben eine Firma gefunden, die eine entsprechende Bestellung angenommen hat“, berichtet Andreas Zapf. ANDREAS BEEZ