München – Die LKWs stehen voll beladen im Hof, Grafiken und Plakate für Messestände sind gedruckt, Hotels und Flüge für Mitarbeiter gebucht – plötzlich kommt die Absage. Die Internationale Handwerksmesse in München, die Immobilienmesse in Cannes, die Hannover Messe: Viele Messen finden wegen des Coronavirus nicht statt oder werden verschoben. Das hat „katastrophale Auswirkungen“, sagt Barbara Rappenglitz-Lex, die die Geschäftsführerin von Rappenglitz Messebau in Maisach im Landkreis Fürstenfeldbruck ist. Ihren Mitarbeitern fehlt gerade von einem auf den anderen Tag die Arbeit.
Bei all den Vorleistungen, die Messebauer tätigen, stellt sich mit der Absage einer Messe für Rappenglitz-Lex auch die rechtliche Frage, wer nun für die Gelder aufkommt. Den Lohn der knapp 80 Mitarbeiter muss sie weiter zahlen. In der plötzlichen Leerlaufzeit feiern sie Überstunden ab, versuchen, für den Herbst vorzuarbeiten, oder erledigen ganz andere Aufträge wie Häuserstreichen oder Schreinerarbeiten.
„Die jetzige Phase ist eigentlich die mit Abstand umsatzstärkste“, sagt die Geschäftsführerin, die seit 1982 im Unternehmen tätig ist. Das Problem: Es lässt sich kaum abschätzen, wie lange das Coronavirus die Wirtschaft noch derartig stark beeinflusst. Rappenglitz-Lex fürchtet um zwei Drittel ihres Jahresumsatzes, „wenn es gut geht, nur die Hälfte“.
Seitdem die Handwerksmesse abgesagt wurde, häufen sich auch bei Hotels in der Region die Stornierungen. „Am Montag ist es losgegangen“, sagt Julia Grosse vom Hotel Blauer Bock am Viktualienmarkt in München. Insgesamt sei die Belegung wegen der Messeabsage für den Zeitraum von zwei Wochen um ein Drittel gesunken. „Alle Messegäste und Aussteller haben storniert.“ Hinzu kommen auch Stornos von Privatpersonen, die wegen Münchens Nähe zu Norditalien Angst haben anzureisen. „Finanziell ist das schwer zu stemmen“, sagt Grosse. Sie ist die Tochter des Inhabers und hofft, dass der Hotel- und Gaststättenverband eine Lösung findet, um die finanziellen Verluste abzumildern.
Die Lage ist mehr als ernst, betont Verbandspräsidentin Angela Inselkammer. Täglich erreichen sie Anrufe von verzweifelten Hoteliers und Gastronomen. Kein Betrieb könne sich Ausfälle von mehreren Wochen leisten. „Wir brauchen sofortige Maßnahmen durch die Politik“, sagt Inselkammer. Ein Beispiel wäre die bereits lange geforderte Senkung der Mehrwertsteuer auf sieben statt 19 Prozent. Auch im eigenen Betrieb merkt Inselkammer Auswirkungen durch Corona. Im Brauereigasthof Aying im Kreis München hätten sie bereits Einbußen in Höhe von 40 000 Euro verschmerzen müssen, besonders durch abgesagte Firmenveranstaltungen.
Ausfallende Tagungen kennt Maximilian Lindner vom Hotel Johannisbad in Bad Aibling im Landkreis Rosenheim auch. Er fürchtet, dass alles noch schlimmer wird. „Aufs Jahr gesehen könnten es bis zu 30 Prozent Umsatzeinbußen werden“, sagt er. Mittlerweile denkt er sogar daran, Stellen abzubauen.
Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern, fürchtet, dass es für Lebensmittelbetriebe schnell kritisch werden kann: „Wenn nur ein Corona-Fall in einer Bäckerei festgestellt wird, dann wird das ganze Geschäft in Quarantäne genommen. Das wäre natürlich ein Wahnsinnsausfall für so einen Betrieb.“ Auch er hofft auf einen Rettungsschirm für betroffene Firmen, wie es Ministerpräsident Markus Söder angekündigt hat. „Das ist in der jetzigen Zeit notwendig.“
Hofbräu München exportiert seine Biere in etwa 40 Länder. „Wir merken, dass das Konsumverhalten in den betroffenen Regionen spürbar zurückgeht“, sagt Pressesprecher Stefan Hempl. Die Dimensionen seien noch nicht wirklich abschätzbar. Das geänderte Konsumverhalten wirke sich mit Sicherheit auch zeitverzögert auf Logistikketten und Lieferstrukturen aus. Man lasse Außendienstmitarbeiter der Brauerei momentan nicht in betroffene Regionen nach Italien und Südostasien reisen.
Im Hofbräuhaus gebe es noch keinen Rückgang der Gästezahlen. Allerdings kommt es bei den Brauereiführungen zu verstärkten Absagen. „Die Chinesen und die Italiener sagen ab oder buchen um auf die Sommermonate“, sagt Hempl.
Durch die Nähe zum berühmten Schloss Neuschwanstein mit vielen ausländischen Reisegruppen ist Füssen im Allgäu besonders betroffen. Bereits nach dem Ausreiseverbot der chinesischen Regierung Ende Januar sahen sich die Hotelbetriebe mit hohen Stornierungszahlen konfrontiert. „Die Lage hat sich weiter zugespitzt“, sagt Fabian Geyer, Hoteldirektor des Europarkhotels in Füssen. Denn nun gibt es ebenso Stornierungen aus Japan und Italien. Dabei hat sich Geyers Hotel auf Touristengruppen spezialisiert, bis zu 80 Prozent ihrer Gäste kommen sonst aus Fernost. „Wir können nur abwarten und hoffen“, meint er.
Im Schloss Neuschwanstein selbst können laut einer Sprecherin Gruppenstornierungen gut durch Tagestouristen aufgefangen werden. Tatsächliche Einbrüche bei Besucherzahlen könnten aber erst am Jahresende ermittelt werden.
Eine der nächsten Großveranstaltungen Mitte März in München ist das Starkbierfest auf dem Nockherberg. Bisher sieht Wirt Christian Schottenhamel keinen Anlass für eine Absage, „weil wir der Meinung sind, dass es sich um eine rein Münchner Veranstaltung handelt“.