Südtirol in heller Aufregung

von Redaktion

Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in die Region, dort ist man empört – stammt der Erreger in Wahrheit aus Bayern?

Rom/Meran – Brigitte Aukenthaler ist fassungslos. „Das ist erstens falsch und zweitens eine Katastrophe“, sagt die Eigentümerin des Hotel Aurora in Meran. Am Donnerstagabend stufte das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) Südtirol im Hinblick auf das Coronavirus als Risikogebiet ein. Die Region wird nun in einem Zuge mit China, Iran oder Südkorea genannt. „Alle Gäste aus Deutschland sagen ab“, sagt Aukenthaler. „Dabei sind wir von einem Notstand und der roten Zone weit entfernt.“

Südtirol ist in heller Aufregung. Erst vier Infektionen wurden in der Ferienregion festgestellt. Zwischen Sterzing und Bozen fühlte man sich wie auf einer Insel der Seligen. Dann stellten immer mehr Reisende nach der Rückkehr grippeähnliche Symptome fest. Lothar Wieler, Chef des RKI, sagte am Donnerstag, 36 Corona-Fälle in Deutschland stünden mit Südtirol in Verbindung. Am Freitag aktualisierte auch das Auswärtige Amt seine Reise- und Sicherheitshinweise für Italien: „Von nicht erforderlichen Reisen in die Regionen Lombardei und Emilia-Romagna, in die Provinz Südtirol sowie in die Stadt Vò Euganaeo in der Provinz Padua wird derzeit abgeraten.“

Die Folgen für das beliebte Ferienziel sind enorm. Dennoch reagierte die Landesregierung zurückhaltend. „Unsere Experten stufen ganz Europa derzeit als Risikogebiet ein“, sagt Elisabeth Augustin, Sprecherin von Landeshauptmann Arno Kompatscher, unserer Zeitung. Bisher gebe es erst vier bestätigte Fälle. Auf den Hinweis, dass laut Gesundheitsbehörden auch erst 28 Personen getestet worden seien und die reale Ausbreitung nicht erfasst sei, antwortet sie: „Wir kennen den Vorwurf. Die Testbedingungen müssen jetzt ausgedehnt werden.“ Bislang werden in Südtirol nur Personen getestet, die selbst in einem der Risikogebiete waren oder Kontakt dahin hatten.

Italien ist das Land in Europa mit den meisten bestätigten Ansteckungsfällen, bis Freitagnachmittag waren es mehr als 3800. Auch im Vatikan wurde der erste Fall gemeldet.

Die Tourismusbranche erwartet schwere Einbrüche. Manfred Pinzger, Präsident des Hoteliers- und Gastwirteverbandes in Südtirol, bezeichnete die Entscheidung des RKI als „Dolchstoß“. Auch die Medien reagierten mit Unverständnis. Toni Ebner, Chefredakteur der „Dolomiten“, sagte: „Das ist ein echter Witz!“ Die Gäste seien „wahrscheinlich infiziert nach Südtirol gekommen“.

In Italien findet derweil die Theorie immer mehr Anhänger, das Virus habe sich nicht von der Lombardei aus verbreitet, sondern sei über einen Patienten aus Bayern eingeschleppt worden. „Der berühmte Patient null, der unbewusst für den Ansteckungsherd in Codogno verantwortlich ist, kommt aus Deutschland“, schrieb „La Repubblica“. Die Zeitung beruft sich auf internationale Virologen, deren Genomanalysen auf einen gemeinsamen Ursprung der Erreger hindeuten.

So wird in der Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ von einem 33-jährigen Geschäftsmann aus Kaufering mit Geschäftsbeziehungen nach Wuhan in China berichtet, der bereits am 24. Januar erste Symptome zeigte. Offenbar fand die Ansteckung beim Autozulieferer Webasto in Stockdorf durch eine chinesische Mitarbeiterin statt. Webasto hat Zweigstellen auch in Norditalien. Vielleicht habe sich ein italienischer Mitarbeiter im Januar in Stockdorf angesteckt, spekuliert „La Repubblica“. Erst am 21. Februar wurden Fälle in der Lombardei entdeckt.

JULIUS MÜLLER-MEININGEN

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