Bergamo – Erstmals in der Vereinsgeschichte erreichte Atalanta Bergamo am Dienstag das Viertelfinale der Champions League. Doch zum Feiern ist in der Stadt in der Lombardei niemandem zumute. Die Krankenhäuser gelangen an die Grenze ihrer Kapazitäten. „Heute ist das Drama, dass wir die 80-Jährigen nicht mehr versorgen können. Aber in zehn, 20 Tagen besteht die Gefahr, dass auch für die Jüngeren nicht mehr genügend Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen“, sagt Bürgermeister Giorgio Gori.
Alleine in der Lombardei wurden zuletzt knapp 5800 Ansteckungen gemeldet, davon 1245 im Landkreis Bergamo. Dort sind die Fallzahlen landesweit am höchsten. Bürgermeister Gori hat zu Beginn der Epidemie die Bürger noch aufgerufen, ihr Sozialleben nicht einzuschränken. „Wie andere auch habe ich die Dramatik der Situation nicht erfasst“, sagt Gori. Heute wisse er, dass frühere Quarantäne-Maßnahmen wichtig gewesen wären. „Wir hätten heute weniger Todesopfer, und die Krankenhäuser wären in der Lage, die Epidemie besser zu bewältigen“, sagt er.
Inzwischen schlagen Mediziner in der Region Alarm. In manchen Kliniken ist man schon zur Triage übergegangen. Das ist ein Verfahren, das eigentlich nur in Kriegszeiten oder extremen Katastrophenlagen vorgesehen ist. Es bedeutet, dass nur die Patienten intensiv betreut werden, die eine gute Überlebenschance haben. Der Anästhesist Christian Salaroli aus Bergamo beschreibt die Situation so: „Wir entscheiden nach Alter und dem allgemeinen Zustand, wie in jeder Kriegssituation.“ Wenn es sich um einen Covid-19-Patienten im Alter zwischen 80 und 95 mit schwerem Lungenversagen handelt, sagt er, würden höchstwahrscheinlich keine Rettungsmaßnahmen mehr ergriffen.
Daniele Macchini ist Assistenzarzt in der Chirurgie des Krankenhauses „Humanitas Gavazzeni“ in Bergamo. Er hat auf Facebook einen Text verfasst, der gerade ganz Italien aufwühlt. Wir dokumentieren ihn hier in Auszügen:
„Nachdem ich lange darüber nachgedacht habe, ob ich darüber schreiben soll, was mit uns geschieht, fühlte ich, dass Schweigen überhaupt nicht mehr verantwortlich ist. Ich werde versuchen, den Menschen zu vermitteln, was wir in Bergamo in diesen Tagen der Pandemie erleben.
Ich finde es erschreckend, dass viele sich der Lage noch nicht bewusst sind. Ich selbst habe mit Erstaunen die Umstrukturierungen des gesamten Krankenhauses beobachtet, als unser Feind noch im Schatten stand. Die Stationen wurden buchstäblich geleert, um in den Intensivstation so viele Betten wie möglich zu schaffen. Es wurden Container vor der Notaufnahme aufgebaut, um jede Ansteckung zu vermeiden. All diese Veränderungen verursachten Stille und eine surreale Leere in den Gängen des Krankenhauses, die wir noch nicht verstanden, während wir auf einen Krieg warteten, der noch nicht begonnen hatte. Es war ein Krieg, von dem viele, einschließlich mir, nicht so sicher waren, dass er jemals mit einer solchen Wucht auf uns zukommen würde. All dies geschah in Stille, ohne Öffentlichkeit.
Ich erinnere mich noch an meinen Nachtdienst vor einer Woche. Ich wartete auf das Ergebnis eines Abstriches des ersten verdächtigen Patienten in unserem Krankenhaus. Wenn ich noch einmal nachdenke, erscheint meine Aufregung für nur einen möglichen Corona-Fall, jetzt, da ich gesehen habe, was geschieht, fast lächerlich.
Der Krieg ist inzwischen ausgebrochen, die Schlachten gehen Tag und Nacht ununterbrochen weiter. Ein Kranker nach dem anderen kommt. In meinen zwei Jahren hier habe ich gelernt, dass die Einheimischen nicht umsonst in die Notaufnahme kommen. Aber jetzt können sie es nicht mehr aushalten. Sie atmen nicht mehr genug, sie brauchen Sauerstoff.
Es gibt nur wenige Therapien. Der Verlauf hängt hauptsächlich vom eigenen Organismus ab. Wir können ihn nur unterstützen. Wir hoffen, dass der Körper das Virus alleine bekämpfen kann.
Eine Station nach der anderen füllt sich in beeindruckender Geschwindigkeit. Kein Grippevirus verursacht so ein schnelles Drama. COVID-19 verursacht eine normale Grippe bei vielen jungen Menschen, aber bei vielen älteren Menschen eine echte SARS, weil sie direkt die Lungen infiziert. Die daraus resultierende Ateminsuffizienz ist oft schwerwiegend und nach ein paar Tagen Krankenhaus reicht der einfache Sauerstoff, der auf einer Station verabreicht werden kann, möglicherweise nicht mehr aus.
Es beruhigt keineswegs, dass der schwere Verlauf hauptsächlich ältere Menschen mit Vorerkrankungen trifft. Die ältere Bevölkerungsgruppe ist die größte in Italien. Ich versichere Ihnen, wenn Sie junge Menschen sehen, die auf der Intensivstation landen, intubiert oder schlimmer, am ECMO angeschlossen (einer Maschine für die schlimmsten Fälle, die das Blut extrahiert, es wieder mit Sauerstoff versorgt und es dem Körper zurückgibt) – wenn Sie das sehen, ist Ihre Ruhe angesichts Ihres eigenen, jungen Alters vorbei. Und während es immer noch Menschen in den sozialen Medien gibt, die damit prahlen, keine Angst zu haben, geht die epidemiologische Katastrophe weiter.
Es gibt keine Chirurgen, Urologen und Orthopäden mehr: Wir sind nur noch Ärzte, die plötzlich Teil eines Teams werden, um mit diesem Tsunami fertig zu werden, der uns überwältigt hat. Die Fälle vervielfachen sich mit 15 bis 20 Aufnahmen pro Tag, immer aus demselben Grund. Die Ergebnisse der Abstriche kommen nun nacheinander: positiv, positiv, positiv. Plötzlich bricht die Notaufnahme zusammen. Es werden Notfallbestimmungen erlassen: Erste Hilfe ist erforderlich. Ein schnelles Treffen, um zu erfahren, wie die Software in der Notaufnahme funktioniert und ein paar Minuten später sind Sie bereits unten, neben den Kriegern an der Kriegsfront.
Ich finde es unglaublich, wie wir es geschafft haben, in so kurzer Zeit, etwas so Effizientes zu errichten. Die Stationen, die vor Kurzem noch leer waren, sind jetzt überfüllt. Das Personal ist erschöpft. Ich sehe, wie das Pflegepersonal Überstunden macht. Ich sehe Krankenschwestern mit Tränen in den Augen, weil wir nicht alle retten können. Das gesellschaftliche Leben ist für uns ausgesetzt. Seit zwei Woche sehe ich meinen Sohn nicht mehr – freiwillig. Ich begnüge mich mit ein paar Fotos von ihm. Seien Sie also auch geduldig, wenn sie nicht ins Theater, ins Museum oder ins Fitnessstudio gehen können. Versuchen Sie, Mitgefühl für die unzähligen alten Menschen zu haben, die an der Krankheit sterben könnten.
Es mag wie eine Übertreibung erscheinen, wenn man weit von der Epidemie entfernt ist, aber bitte hören Sie uns zu: Versuchen Sie, nur für unentbehrliche Dinge aus dem Haus zu gehen. Vermeiden Sie Menschenmassen. Sagen Sie älteren Familienmitgliedern, dass sie drinnen bleiben sollen. Bitte teilen Sie die Nachricht! Wir müssen die Nachricht verbreiten, um zu verhindern, dass das, was hier passiert, in ganz Italien passiert.“ jmm/sts