Zwei Wochen, die über Leben und Tod entscheiden

von Redaktion

Ein historisches Beispiel: Während der Spanische-Grippe-Pandemie 1918 reagierte St. Louis sofort, Philadelphia nicht

München – Alle Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern wurden in Bayern untersagt. Manch einer mag anhand solcher Maßnahmen die Augen verdrehen – aber ein Blick in die Geschichte gibt den strikten Konsequenzen durchaus recht.

Die letzte echte Pandemie begann am Ende des Ersten Weltkrieges 1918. Binnen weniger Monate umrundete die Spanische Grippe damals die Erde. Innerhalb von nur einem Jahr starben allein in Europa mehr als zwei Millionen Menschen an den Folgen. Auch in amerikanischen Städten wütete die Grippe. Um eine weitere Ausbreitung zumindest zu verlangsamen, wurden auch hier Maßnahmen getroffen, wie Isolationsmaßnahmen, Schließungen von Schulen, Kirchen und Veranstaltungsorten und Verbote öffentlicher Versammlungen. Jedoch nicht überall sofort und nicht immer konsequent – mit katastrophalen Folgen.

Eine Studie aus dem Jahr 2007 hat die Auswirkungen der Maßnahmen in verschiedenen US-Städten verglichen. Besonders zwischen den Städten Philadelphia und St. Louis zeigt sich ein frappierender Unterschied. In Philadelphia wurde der erste Fall am 17. September 1918 gemeldet, bereits am nächsten Tag gab es 500 Infizierte. Doch die Behörden spielten die Lage herunter und trafen zehn Tage später eine fatale Entscheidung: Sie hielten trotz der vielen Krankheitsfälle eine geplante Parade in der Stadt ab.

Rund 200 000 Menschen kamen dafür zusammen. Ein Verbot für öffentliche Versammlungen und die Schließung von Schulen folgten erst am 3. Oktober – 16 Tage nach dem ersten Fall. Da hatte sich die Grippe schon weiter verbreitet, Krankenhäuser und medizinisches Personal waren völlig überlastet. Allein am 4. Oktober wurden 634 neue Infizierte und 139 Todesfälle gemeldet.

Anders reagierte St. Louis. Hier wurde der erste Fall am 5. Oktober gemeldet. Nur zwei Tage später traten entsprechende Maßnahmen in Kraft. Der Effekt war beträchtlich. Erst als etwa einen Monat später die Restriktionen gelockert wurden, stieg die Zahl der Toten auch hier leicht an.

Philadelphia reagierte 14 Tage später als St. Louis. Das führte dazu, dass sich die Grippe-Fälle in Philadelphia drei bis fünfmal so schnell verdoppelt haben. Hier gab es wöchentlich bis zu 257 Todesfälle je 100 000 Einwohnern, in St. Louis waren es wöchentlich „nur“ 31 Fälle je 100 000 Einwohnern. L. BIRNBECK

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