München – Herbert Grieser hatte am Dienstag schon frei. Die KZ-Gedenkstätte Dachau, bei der er angestellt ist, war geschlossen. „Dann haben sie mich angerufen und gemeint, ich solle doch kommen“, sagt der freundliche ältere Herr. Er steht auf dem riesigen leeren Parkplatz und beschreibt seine Aufgabe: „Wenn doch einer kommt, ihm sagen, dass zu ist. Aber Sie sind bisher der Einzige.“
Wenn man am Dienstag googelte, fand man als Information: „Geöffnet. Schließt um 17 Uhr.“ Das stimmte so nicht mehr, denn auch Museen trifft die Stilllegung des öffentlichen Lebens. Herbert Grieser will seine Erfahrungen vom Dienstag den Chefs mitteilen. Seine Schlussfolgerung lautet, „dass am Mittwoch hier niemand mehr stehen muss“. Er ist ein Opa, als solcher hat er frei, er lächelt: „Das ist mal gar nicht so schlecht.“ Was er tun will in einer Zeit, in der es für ihn nichts zu tun gibt? „Angeln. Egal, ob ich was fange oder nicht.“
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Die Reise durch einen Teil Bayerns, um herauszufinden, was vom Alltag noch übrig ist, führt nach Neusäß, einer 20 000-Einwohner-Stadt im Landkreis Augsburg. Sie hat sich den Slogan gegeben, sie liege „Mitten im Schönen“. Das trifft definitiv zu auf den neuen Waldspielplatz, den die Gemeinde angelegt hat. Es ist der perfekte Spielplatz: Alles aus Holz, kein Plastik, Kinder können klettern, die Erwachsenen auf Bänken sitzen und gleichzeitig mit den Füßen ein kleines Rad bewegen. Die Temperaturen sind angenehm, die Kinder haben keine Schule, es müsste voll sein hier. Es ist leer. Es kam überall im Radio, im Fernsehen, es braucht keine Schilder: Spielplätze sind gesperrt.
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Jettingen-Scheppach ist ein Ort, an dem die A 8 nur so vorbeirauscht. Viele sehen aber die Lockschilder der Outlets und fahren runter von der Autobahn. Nike ist der Ankermieter. Doch vor dem Store ein Gitter – und ein Zettel im Fenster: „Die Gesundheit von Athletinnen und Athleten weltweit ist unsere höchste Priorität . . . Bitte nutzt unsere Trainings-Apps.“ Die anderen Läden waren gestern noch offen. Vorerst letztmals. Das komplette Outlet-Center fährt auf null. Viel los war noch im Schokoladengeschäft, denn Schokolade macht glücklich, wenig bei „Kneipp“, wo es Essenzen für ein Leben in Wellness gibt. Martina Strak, die die Kasse macht, hätte ohnehin zwei Wochen Urlaub. Ihr Programm: „Gartenstuhl.“ Letzter Einkauf: Magnesium, Kräutertee „Lebensfreude“, Cremedusche „Kurzurlaub“. Für die Freizeit daheim.
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Werden die Leute in Zeiten der Not religiöser? Autobahn „Maria Schutz der Reisenden“ in Adelsried zwischen Ulm und München. Auf dem Parkplatz ein schnittiger Mercedes, der Fahrer hat ihn nicht längs in der Bucht eingeparkt, sondern quer gestellt. Stört keinen. Das Paar sitzt in der Kapelle. Sie holt ein Opferlicht (1 Euro), zündet es an, kniet, betet. „Wir hatten geschäftlich in München zu tun, sind unterwegs nach Hause ins Saarland. Wir kehren hier immer ein – zur Entschleunigung“, sagt er.
Es liegt ein Buch aus in der Kapelle, man kann hineinschreiben, wonach einem ist. Corona hat die Menschen auf dieser Ebene noch nicht erreicht, die Krankheit ist bislang ein erahntes, kaum ein erfahrenes Leid. „Lieber Gott, danke von Herzen, dass Du uns am 10.03.2020 eine gesunde Enkelin geschenkt hast.“ „Liebe Muttergottes, bitte hilf mir, dass ich eine Wohnung mit meinem Sohn finde und meine Scheidung gut verläuft.“
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Der „Bauernmarkt Dasing“ wirbt für sich damit, dass er an 364 Tagen im Jahr geöffnet hat. Er ist eine Verkaufsplattform von Landwirten aus Oberbayern und Schwaben, eine Bastion der Einkaufs-Vergesslichen, eine Zuflucht der Koch-Unkundigen. Das SB-Restaurant ist beliebt, es gibt Brätspätzlesuppe, Kalbsgeschnetzeltes, gebackene Champignonköpfe. Auf der Hälfte der Tische stehen Stühle. Eine Mahnung zur Distanz. Im angeschlossenen kleinen Supermarkt wird eine neue Kassierin angelernt. Ändert sich was an den Öffnungszeiten? „Bis jetzt nicht“, sagt die Stammkassierin.
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München-Obermenzing, Autobahnende, Rastplatz Pippinger Flur. Vor allem eine Truckeranlaufstelle, daher verwundert das auf ein urbanes Publikum zugeschnittene Café „Coffeefellows“; Vorgänger „Starbucks“ hat sich nicht lange gehalten. Ein Pärchen sitzt drin, es dudelt laute Musik, fünf Minuten warten, kein Barista zu sehen. Dann kein Kaffee, weiter.
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Der Wertstoffhof Allach ist ein Recycling-Wunderland. Riesengroß, hochmodern, man würde sich nicht wundern, hingen über den Tonnen und Containern Monitore, die die Ansage treffen, was wo reinmuss. Die Autos, die noch was loswerden wollen, stehen weit hinaus bis auf die Straße, sie verursachen einen Stau. Jeder will noch was wegwerfen, entrümpeln. Es findet das Gegenteil statt von etwas hamstern: Enthamstern.
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Am Montag noch die Mail bekommen: „Bis zum 30.03. geht’s in allen Media-Märkten richtig rund.“ Also zu einem hin. Am Eingang ein großer Aufsteller: „Wir haben nur noch heute geöffnet, Wir schließen am 18.03.2020.“ Es geht nicht mehr rund. Allenfalls online. Nicht weit weg: ein Ikea. „Einrichtungshaus bis auf Weiteres geschlossen.“ Dabei hat dieses Möbelhaus doch eine Lebensmittelabteilung, und ein Billy-Regal ist Gegenstand der Grundversorgung.
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Zum Lungenarzt. Als Asthmatiker sollte man das Spray, das man erst im April braucht, besser jetzt schon im Haus haben. Die Praxis ist im Augsburger Diakonissenhaus, einem Spital in der Innenstadt. Der Pförtner will wissen: „Wohin?“ Die Flure sind leer. In der Praxis rot-weiße Markierungen wie an einem Tatort, die Patienten und Personal auf Abstand zueinander halten, die Versichertenkarte geht nicht mehr von Hand zu Hand, sondern muss direkt ins Lesegerät gesteckt werden. Alle sind still, jedes Husten weckt Misstrauen.
Alles ist anders, und es ist vielleicht erst der Anfang.