Gemeinsam durch die Krise

von Redaktion

Das Coronavirus lässt die Bayern zusammenrücken. An vielen Orten gründen sich Hilfsinitiativen, denn vor allem Senioren brauchen nun Unterstützung. Aber nicht nur. Auch die Kunstszene leidet unter den Einschränkungen – und hilft sich selbst.

München – Auf Abstand gehen und möglichst daheim bleiben: Für ältere Menschen ist das gerade besonders wichtig – beim Einkaufen aber leider nicht so einfach. Mary Walsh bleibt das erspart. Die 62-Jährige nahm gestern eine Kiste voller Lebensmittel in Empfang, an ihrer Wohnungstür. Eine Mitarbeiterin des Vereins „Lichtblick Seniorenhilfe“ hat sie ihr vorbeigebracht.

„Alle wichtigen Sachen“ seien darin gewesen, erzählte Walsh unserer Zeitung per Telefon: Gemüse, Obst, Mehl und Tee. „Sogar Schokolade“, sagt sie und lacht. Das ist ein kleines Extra in dieser ohnehin schwierigen Zeit. Walsh nennt es „Nervenfutter“. Gute Nerven braucht sie gerade. Denn Walsh muss zwar auch sonst sparsam leben und auf vieles verzichten. Daher bekommt sie seit einigen Jahren Unterstützung durch Lichtblick Seniorenhilfe.

Jetzt fallen auch noch die sozialen Kontakte weg: Für Walsh, die gern unter Leute geht, ist das doppelt hart. „Aber man muss vernünftig sein“, sagt sie entschieden. Walsh geht „nur für das Allernötigste“ raus, zur Krankengymnastik oder einen kurzen Spaziergang. „Bewegung und frische Luft sind auch wichtig, um gesund zu bleiben“, sagt sie – und kommt dabei anderen nicht zu nah. Muss sie sich unterwegs mal abstützen, schützt sie sich mit einem Gummihandschuh.

Den hatte sie auch gestern übergezogen, als ihr Sabrina Witte von Lichtblick Seniorenhilfe die Kiste übergab. Ein kurzer Kontakt nur, der für Walsh aber doppelt zählt. „Ich bin sehr, sehr dankbar“, sagt sie. „Lichtblick ist mein Halt in dieser schweren Zeit.“ Auch von anderen Seiten bekommt sie Unterstützung. „Ich bin froh, dass es so viele Menschen gibt, die ihre Zeit geben.“ So könnte aus der Coronakrise etwas Positives für die Zukunft wachsen. Die schwere Zeit zwinge die Menschen nämlich zum Entschleunigen, sagt Walsh. Viele würden dadurch aufmerksamer für die Bedürfnisse anderer – und nehmen vielleicht auch künftig mehr Rücksicht auf andere.

Auch viele Privatleute und Vereine helfen. Beim TSV Steinhöring (Landkreis Ebersberg) hat sich in Windeseile ein Helferkreis gebildet. „Mir ist das in den Kopf geschossen, weil ich so Hilfsaktionen auf Facebook gesehen habe“, erzählt Jugendleiter Rainer Huber (30). „Meine Trainer waren sofort dabei.“ Aber nicht nur die. Die Resonanz sei gewaltig gewesen, sagt Huber. „Wir sind über 20 Leute, können sofort starten.“ Nicht nur Sportler vom TSV, auch andere aus dem Ort haben sich angeschlossen. „Das ist phänomenal und zeigt den Zusammenhalt. Das ist ein schönes Gefühl.“

Was noch fehlt, sind Hilfsbedürftige. Der TSV ist gerade dabei, sein Angebot zu bewerben. Über soziale Netzwerke, das Gemeindeblatt, Mundpropaganda. „Ich bin überzeugt, dass es bald anläuft“, sagt Huber. „Egal, wie viele anrufen: wir können jedem helfen.“ Einkäufe, Medikamente, Bank. „Alles, was im Rahmen des Möglichen ist“, sagt Huber. Kostenlos.

Überall in Oberbayern mobilisieren sich die Helfer. Die Freisingerinnen Melanie Wolf und Monika Thalhammer haben die Facebook-Gruppe „Nachbarschaftshilfe Stadt und Landkreis Freising!“ ins Leben gerufen. Dort finden Interessierte Unterstützung und Austausch. Innerhalb von wenigen Tagen hat die Gruppe bereits über 300 Mitglieder. In Bad Tölz hat der 20-jährige Aaron Bigos Zettel aufgehängt und bietet sich als Einkaufshilfe an. Die Idee kam ihm wegen der Hochwasser-Katastrophe vor ein paar Jahren. Damals half ein Freund mit seinem Mini-Bagger. „Das fand ich berührend“, sagt Bigos. Die Nachbarschaftshilfe Hallbergmoos hat einen Dienst organisiert, bei dem Ehrenamtliche Lebensmittel, Drogerieartikel und Medikamente für Menschen, die nicht mehr aus dem Haus können, besorgen. Im Landkreis Dachau bietet die Nachbarschaftshilfe Hebertshausen den selben Dienst an, so wie viele Nachbarschaftshilfen in Bayern.

Im Landkreis Miesbach wird die Gemeinde aktiv und will einen Gratis-Lieferdienst für Einkäufe und bestelltes Essen anbieten. Das soll so funktionieren: Bürger bestellen per Telefon bei den teilnehmenden Betrieben, die übermitteln die Daten ans Rathaus, wo die Route geplant wird. Der E-Bus soll dann zweimal täglich die Waren ausliefern. Auch die Ettaler Klosterbrauerei liefert bis vorerst 19. April Getränke frei Haus. Bestellt werden müssen mindestens zwei Kästen, beliefert wird der Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Die Rechnung wandert in den Briefkasten.

All das ist im Sinne des Freistaats, der mit der neuen Kampagne „Unser Soziales Bayern: Wir helfen zusammen!“ versuchen will, die vielen Hilfsangebote zu vernetzen. Gefordert sind vor allem die Kommunen, die zentraler Ansprechpartner vor Ort sein sollen (siehe Interview unten).

Der Ausnahmezustand betrifft auch die Berufstätigen. Überall droht Kurzarbeit, Geschäfte sind existenziell bedroht. In der Kunstszene versucht Moses Wolff, sich und anderen Freischaffenden zu helfen. Der 50-jährige Schauspieler und Kabarettist tritt normalerweise regelmäßig mit den „Schwabinger Schaumschlägern“ auf der Kleinkunstbühne im Vereinsheim in München-Schwabing auf. Derzeit geht nichts. Corona-Auszeit für die Bühne.

Aus der Not heraus ist die Kunst ins Internet abgewandert. „Wir machen jetzt jede Woche eine Geister-Show, die per Livestream auf der Facebook-Seite vom Vereinsheim übertragen wird.“ Dort trifft man auch auf eine Spendenkontonummer. „Das gespendete Geld wird unter den Künstlern geteilt“, sagt Moses Wolff. „Wir haben ja keine Ahnung, ob wirklich Gelder vom Staat kommen für freie Künstler. Uns gehen im Moment viele Gagen verloren.“

Wolff hat noch mehr Aktionen angeleiert. Mit Künstlern wie André Hartmann und Chris Kolonko dreht er Youtube-Videos, auf Instagram hat er soeben die Serie „Neues aus dem Zwangsurlaub“ gestartet, Buchvorstellungen von Kollegen laufen virensicher übers Netz. „Wir Künstler müssen jetzt sehen, wie wir im Geschäft bleiben.“ Für die schweren Einschränkungen hat Wolff Verständnis entwickelt. „Man kann nicht einfach tollkühn sagen, das wird schon werden.“ Dass die Bühnen schnell wieder öffnen, glaubt er nicht. „Ich gehe davon aus, dass das mindestens bis Ende Mai geht.“

ANDREA EPPNER, LISA-MARIE BIRNBECK, W. HAUSKRECHT UND LOKALREDAKTIONEN

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