Vom Krisenzentrum zum weltweiten Vorbild

von Redaktion

Im Kampf gegen Corona hält Südkoreas Bevölkerung solidarisch zusammen – Hamstern ist verpönt

Seoul – Als Hyomin Han (29) davon hörte, dass jetzt in anderen Ländern Klopapier und Seife aus sind, wollte sie zuerst ihren Ohren nicht trauen. Dann stieß sie online auf Artikel aus Japan, Europa und den USA – Ländern also, die man in Südkorea die wichtigsten Partner nennt. Plötzlich kamen ihr diese Nationen fremd vor. „Ich kann es nicht glauben, dass man so etwas tut. Was soll das?“

Dabei geht es Hyomin Hans Heimat Südkorea auf den ersten Blick nicht viel besser. Derzeit zählt das Land insgesamt 8400 Infektionsfälle des Virus Covid-19. Es gibt Grund zur Sorge, dass es zuerst noch mehr werden, ehe der Wert irgendwann wieder abnimmt, wie überall sonst auch. Zugleich aber wird im Land kaum von Hamsterkäufen berichtet. Der reduzierte Alltag läuft weitgehend geordnet ab.

Tatsächlich mausert sich das ostasiatische Land gerade zu einem internationalen Vorbild. Noch Ende Februar hatte die Welt eher mit Schaudern nach Südkorea gesehen, nachdem sich die Infektionszahlen dort innerhalb von gut zwei Wochen von 28 auf über 6000 multipliziert hatten. Mittlerweile aber hat es die Politik zunächst erreicht, eine weitere Ausbreitung von Covid-19 weitgehend einzudämmen. Am Sonntag gab es nur noch 64 neue Fälle – der geringste Tagesanstieg seit Ende Februar. Der Ansatz der Regierung besteht unter anderem aus der Desinfektion öffentlicher Orte, breit durchgeführten Tests an der Bevölkerung durch Drive-in-Einrichtungen sowie regelmäßigen, detaillierten Informationen zu den Aufenthaltsorten der zuletzt bekannt gewordenen Infizierten. In einer internationalen Telefonkonferenz hat Südkoreas Außenministerin dieses Vorgehen auch den Regierungen anderer Länder, unter anderem Deutschland, vorgestellt und empfohlen.

Dabei wäre dieses System, das Südkorea maßgeblich in Reaktion auf die vorigen Epidemien Sars und Mers entwickelt hat, nur wenig wert ohne eine Bevölkerung, die aktiv kooperiert. Die Zeitung „Hankyoreh“ berichtete, dass diejenigen Bevölkerungsgruppen, für die das Einkaufen von Gesichtsmasken derzeit besonders schwierig ist, häufig Masken und andere Hygieneartikel von Mitmenschen geschenkt bekommen. Vor allem Taxifahrer, Sicherheitskräfte und ältere Menschen zählten zu den Glücklichen. Laut Medien werden Masken derzeit auch als eine Art Friedenspfeife eingesetzt – man schenkt sie demjenigen, mit dem man einen Konflikt beilegen will.

Kindergärten und Schulen, die in Südkorea geöffnet bleiben, freuen sich über Sammel- und Spendenaktionen rund um Masken oder Desinfektionsspray. Schlagzeilen machte vergangene Woche eine ältere Frau, die sich bei der Polizei als Straßenverkäuferin vorstellte und dort eine Tüte mit 40 Gesichtsmasken und einer Million Won (rund 750 Euro) in bar abgab. Die Polizei möge diese Gaben für Notdürftige verwenden.

Es sind Anekdoten, die sich in Südkorea zu einem sozialen Notfallsystem zusammenfügen. Insbesondere in Krisenzeiten fällt in dem Land immer wieder eine enorme Hilfsbereitschaft auf. So etwa im Jahr 2014, als das Passagierschiff Sewol mit rund 300 Schulkindern an Bord untergegangen war, von denen man lange Zeit nicht wusste, ob sie noch lebten. Kurz nachdem die Eltern der Kinder ans nächste Ufer gereist waren, um dort auf Rettungen oder Bergungen zu warten, hatte sich für deren Aufenthalt schon ein Versorgungsdorf etabliert. Zahlreiche Freiwillige kochten den bangenden und trauernden Eltern Suppe, boten ihnen Zelte, Massagen und Kuchen.

In Südkorea gilt kollektive Solidarität als Gebot in schwierigen Zeiten. „In Ausnahmesituationen muss man sich doch helfen“, sagt Hyomin Han. „Indem man alles für sich kauft, hilft man niemandem, nicht mal sich selbst.“ FELIX LILL

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