Banges Warten auf die Covid-Welle

von Redaktion

Die Zahl der Covid-19-Erkrankten steigt auch in Deutschland rasant. Über 40 000 sind es bereits. Noch haben Oberbayerns Kliniken genug Kapazitäten, um Intensivpatienten zu betreuen. Ob das so bleibt, ist die Frage. Denn offenbar steht die große Welle erst noch bevor.

VON WOLFGANG HAUSKRECHT UND AUSSENREDAKTIONEN

München – Axel Fischer, 51, kommt derzeit kaum zum Durchatmen. Der Chef der städtischen München Klinik eilt im Kampf gegen das Coronavirus von Gespräch zu Gespräch. Gerade hat er eine eineinhalbstündige Videokonferenz hinter sich. Mit den Chefs anderer großer bayerischer Kliniken und Markus Söder. Der Ministerpräsident hat sich gestern Vormittag informiert, was auf den Freistaat zukommt in den nächsten Wochen und ob die Kliniken gerüstet sind für den Ernstfall. Der wirkliche Ernstfall – er steht offenbar noch aus. Und Fischer glaubt, dass es heftig wird.

Italien, Spanien, Frankreich. In vielen Ländern bricht die Intensivversorgung zusammen. Kranke können nicht mehr beatmet werden, Menschen sterben. Im Elsass werden über 80-Jährige mit Opiaten in den Tod begleitet. In Deutschland ist es noch nicht so weit. Stattdessen kommen Diskussionen über eine Lockerung der Beschränkungen auf. Fischer weiß, dass diese Frage irgendwann kommen muss. Aber bitte nicht jetzt. „Das wäre der falsche Zeitpunkt und würde uns in der Patientenversorgung völlig aus der Bahn werfen“, warnt er.

An der München Klinik, zu der die Kliniken Bogenhausen, Harlaching, Neuperlach und Schwabing gehören, herrscht Ausnahmezustand. Etwa die Hälfte der Betten wurde freigeräumt. Intensivbetten werden aufgebaut, Ärzte und Pfleger aus dem Ruhestand geholt. Auf einen Aufruf hätten sich 3000 Freiwillige gemeldet, sagt Fischer. Helfer, die er vielleicht schon bald braucht.

Noch ist die Lage unter Kontrolle. Die München Klinik versorgt derzeit 18 Intensivpatienten, weitere 50 sind auf Station. Dazu kommen 40 bis 50 Verdachtsfälle. Dem stehen über 100 Intensivbetten gegenüber. Das TU-Klinikum rechts der Isar hat 88 Intensivbetten bei derzeit gut 60 Covid-19-Fällen, wovon aber nur ein Teil intensiv behandelt werden muss. Auch das LMU-Klinikum mit seinen rund 50 Intensivbetten und 200 Beatmungsgeräten ist noch im grünen Bereich. Knapp 50 Covid-19-Patienten gab es dort gestern, 13 auf der Intensivstation. Drei Tote hat München bisher zu vermelden. Für eine 1,5-Millionen-Metropole quasi nichts. Aber all das könnte nur ein erster Vorbote sein. In Italien, wo die Zahlen früher in die Höhe schnellten, vergingen bei den dann Verstorbenen vom Zeitpunkt der ersten Symptome bis zur Verlegung in die Klinik im Schnitt vier Tage, nach im Schnitt weiteren vier Tagen künstlicher Beatmung starben die Patienten.

„Wir sind erst am Anfang. Die große Welle kommt noch, da sind wir uns sicher“, sagt Fischer. Wann die große Welle komme und wie heftig, sei schwer zu sagen. „Aber wir wissen definitiv, dass der April und der Mai schwer werden.“ Es könne sein, dass die Zahlen wegen der Beschränkungen erst einmal sinken, aber wegen der hohen Dunkelziffer bereits Infizierter werde „eine Welle kommen, die man nicht mehr stoppen kann“.

Dass die Intensivbetten nicht reichen, ist laut Fischer nicht auszuschließen. Entscheidend sei, dass alle Kliniken sich gut vernetzen, statt Kapazitäten abzubauen. „Wenn jetzt alle mitmachen, haben wir eine gute Chance, das abzufedern.“

Es gilt auch, die Belegschaft vorzubereiten. „Wenn wir jetzt weniger operieren, verbrauchen wir auch weniger knappes Material und können unsere Leute schulen“, sagt Fischer. „Das kostet alles Zeit. Wir haben dafür Konzepte entwickelt. Alle anderen Projekte sind weitgehend eingestellt.“ Notwendige Operationen würden natürlich weiter durchgeführt.

Für Fischer ist klar: Es ist ein Kampf gegen die Zeit. Ein Impfstoff ist nicht in Sicht. Ob Deutschland italienische Verhältnisse drohen? „Wir sind definitiv besser vorbereitet. Italien hat mit dieser Welle überhaupt nicht gerechnet.“ Entscheidend sei, ob man genügend Personal und Geräte habe. So habe man vom Freistaat gerade sechs Beatmungsgeräte bekommen, weitere sollen im April folgen.

Auch auf den schlimmsten Fall bereitet sich Fischer vor. Den Fall, dass nicht mehr alle versorgt werden können. „Sich mit so etwas zu beschäftigen, fällt einem sehr schwer“, sagt er. Ein internes Ethikkomitee hat ein Papier erstellt, die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hat ebenfalls Empfehlungen herausgegeben (siehe unten). Konzepte für die psychosoziale Unterstützung von Ärzten, Pflegern und betroffenen Patienten sind in Arbeit. „Wir bereiten uns auf einen Fall vor, den wir alle noch nie erlebt haben.“

In ganz Oberbayern kämpfen Landkreise und Kliniken gegen das Virus – und versuchen, so gut es geht für die anstehende Infektionswelle vorzusorgen. Regelmäßig tagen Krisenstäbe, Bettenkapazitäten werden erweitert, Operationen verschoben, reguläre Stationen in Isolierbereiche umgebaut. Im Kreis Ebersberg soll sogar eine Behelfsklinik entstehen, wie Landrat Robert Niedergesäß (CSU) sagte – in der Dreifachhalle der Realschule. Im Kreis Miesbach denkt man über Ähnliches nach. Die Fallzahlen steigen überall, und es gibt weitere Todesfälle.

In einem Pflegeheim in Ismaning (Kreis München) starb gestern ein Bewohner an den Folgen der Infektion. Laut Landrat Christoph Göbel (CSU) fehlt es an Schutzkleidung. „Die Lage ist dramatisch.“ Auch im Kreis Fürstenfeldbruck starb ein Corona-Patient. Der 87-Jährige hatte offenbar mehrere Vorerkrankungen. In den Reha-Kliniken des Medical Parks Bad Wiessee (Kreis Miesbach) sollen sich gleich mehrere Patienten und Angestellte mit dem Virus infiziert haben. Es wurde spontan eine Isolierstation errichtet.

Im Kreis Freising, wo sich das Virus besonders schnell verbreitet hat (326 Fälle, sieben Tote), ärgert man sich derweil über Behauptungen aus dem Nachbar-Landkreis. Erdings Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) hatte behauptet, das Freisinger Klinikum komme an seine Belastungsgrenzen, weshalb man einspringen müsse. Geschäftsführer Andreas Holzner wies das scharf zurück. Man habe sich „schon sehr früh“ mit nötigen Maßnahmen befasst. „Dies infrage zu stellen und von erschöpften Kapazitäten zu sprechen, verunsichert die Bevölkerung und entspricht nicht den Tatsachen.“

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