Wer leben darf – und wer nicht

von Redaktion

Wenn Intensiv-Kapazitäten knapp werden, müssen Ärzte über Leben und Tod entscheiden – ein Papier soll helfen

München – Jens Spahn wirkte unangenehm berührt, aber die Frage war unausweichlich. Aus Italien hörte man, dass Ärzte angesichts fehlender Betten und Beatmungsgeräte entscheiden mussten, welche Corona-Patienten behandelt werden und welche nicht. Ob das in Deutschland auch zu erwarten sei, wollte ein Journalist wissen. Spürbar um Zuversicht ringend, antwortete der Gesundheitsminister, genau das wolle man ja verhindern. „Aber Garantien gibt es keine.“

Vermutlich ahnte Spahn, dass die Frage ihn bald einholen würde. Heute, gut zwei Wochen später, scheint klar, dass auch hierzulande die Möglichkeiten endlich sind. Zur Stunde reicht es noch, um ein paar Corona-Infizierte etwa aus Italien zu übernehmen. Aber der große Ansturm an Covid-19-Patienten steht erst bevor. Zwar werden die Kapazitäten in Kliniken hochgefahren, so gut und schnell es eben geht – geplant ist eine Verdopplung der Intensivbetten auf 56 000. Viele Experten aber stellen sich darauf ein, dass es nicht reichen wird, um alle Patienten zu retten.

Vor allem Ärztinnen und Ärzte müssen dann eine Last tragen, die eigentlich niemandem zuzumuten ist. Sie müssen „triagieren“, also auswählen, welche Patienten behandelt werden. Das sei „unausweichlich“, aber auch eine „enorme emotionale und moralische Herausforderung“, heißt es in einem Papier, das sieben medizinische Fachgesellschaften ausgearbeitet haben. Es sind elf Seiten, gefüllt mit Handlungsempfehlungen für den Fall, dass die Kapazitäten nicht mehr ausreichen.

Wer darf leben, wer nicht? Die Autoren wissen, dass Handreichungen in einer so heiklen Frage transparent und gut begründet sein müssen. An den entscheidenden Stellen liest sich das Papier deshalb betont schonungslos und ehrlich. Wichtig ist, dass im Notfall nicht nur innerhalb der Gruppe der Covid-19-Infizierten ausgewählt wird, sondern unter allen Intensivpatienten. Etwas anderes wäre nicht vertretbar, heißt es. Auch dürften weder soziale Kriterien noch das Alter eine Rolle spielen. In Deutschland werde einem 80-Jährigen nicht von vornherein die Behandlung verweigert, sagte Uwe Janssens, der Chef der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Sie hat an dem Papier mitgearbeitet.

Wer (weiter-)behandelt wird, soll stattdessen an zwei Kriterien bemessen werden: Neben dem Patientenwillen soll die „klinische Erfolgsaussicht“ maßgebend sein. Patienten, deren „Sterbeprozess unaufhaltsam begonnen“ hat, bei denen eine Therapie als „aussichtslos“ eingeschätzt wird oder deren Überleben an einen „dauerhaften Aufenthalt auf der Intensivstation gebunden wäre“, stehen demnach auf der Prioritätenliste weit unten. Gemessen an dem, worum es geht, mag das recht kalt klingen. Am Ende zählt schlicht, wer die besseren Aussichten hat zu überleben.

Die Entscheidung darüber soll dem Papier zufolge in einem Team per „Mehr-Augen-Prinzip“ gefällt werden. Zwei intensivmedizinisch erfahrene Ärzte sollen nach Möglichkeit beteiligt sein, außerdem Vertreter des Pflegepersonals und einer anderen Abteilung. Sollten sie nicht zu einer einhelligen Entscheidung kommen, müssten sich die Kliniken Lösungsverfahren überlegen. Ausdrücklich sehen die Experten die Möglichkeit einer Neubewertung einzelner Fälle vor – je nach Situation. Besonders wichtig sei, dass alles „transparent gegenüber Patienten und Angehörigen“ kommuniziert werde.

All das ist im Moment nicht viel mehr als eine Empfehlung von Experten – sie stellen ihr Papier ausdrücklich zur Diskussion. Der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, begrüßte die Handreichung gestern. Sie könne der Öffentlichkeit Ängste nehmen. Der Chef der Berliner Charité, Heyo Kroemer, äußerte sich skeptisch. Jetzt sei nicht der richtige Zeitpunkt, darüber zu diskutieren, sagte er. „In Deutschland gilt nach wie vor das Credo, jeden Menschen nach den jeweils individuellen Möglichkeiten zu behandeln.“ Kroemer sieht „gute Chancen“, dass dies auch in der Corona-Krise zu halten ist.

Auch DIVI-Chef Janssens zeigte sich gestern vorsichtig optimistisch. Derzeit seien mehr als 5000 Intensivbetten frei. „Wir sind im Augenblick, heute, morgen und übermorgen, gut gerüstet.“ MARCUS MÄCKLER

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