Virologe: Die Sterblichkeitsrate wird steigen

von Redaktion

Christian Drosten sieht Deutschland in einer neuen Phase der Epidemie – und droht mit dem medialen Rückzug

München – Christian Drosten ist in der Corona-Krise einer der wichtigsten Berater der Bundesregierung. Und ein begehrter Interviewpartner. In seinem NDR-Podcast klärt er das Land über das Virus auf, das bis gestern Abend rund 700 Menschen in Deutschland das Leben kostete. Der Leiter der Virologie in der Berliner Charité ist quasi über Nacht eines der bekanntesten Gesichter der Republik geworden. Drosten rechnet mit einer steigenden Sterblichkeitsrate – und warnt davor, die Wissenschaft in eine politische Rolle zu drängen.

Wie ein Schwamm saugt Deutschland auf, was Virologen und Epidemiologen über das Virus zu sagen haben. Dabei geht es auch um die Frage, wann die Beschränkungen gelockert oder ob sie gar verschärft werden müssen. Drosten betrachtet das mit Skepsis. In seinem Podcast warnte er am Montag eindringlich davor, die Wissenschaft in eine Rolle zu drängen, die ihr nicht zustehe und die sie auch nicht wolle. Die Wissenschaft sei dazu da, um zu beobachten, Daten zu sammeln und auszuwerten, der Öffentlichkeit Dinge zu erklären und der Politik zu helfen, Entscheidungen vorzubereiten – nicht aber dazu, politische Entscheidungen zu treffen. Die Wissenschaft habe kein politisches Mandat, betonte Drosten. Sie dürfe politische Entscheidungen auch nicht nachträglich als richtig oder falsch kritisieren oder politische Entscheidungen fordern. „Das hören Sie von keinem seriösen Wissenschaftler.“

Drosten kritisierte den Teil der Medien, die versuchten, Forscher als Entscheidungsträger darzustellen oder Konflikte zwischen Wissenschaftlern zu schüren. Das habe weitreichende Folgen. So habe er eine E-Mail bekommen, in der er persönlich für den Tod des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer verantwortlich gemacht werde. Damit sei eine Grenze überschritten. Wenn das nicht ende, müssten er und auch andere Wissenschaftler den medialen Rückzug antreten.

Die zentrale Rolle Drostens in der Corona-Krise ist seiner enormen Expertise geschuldet. Während der Sars-Epidemie 2003 mit damals weltweit knapp 800 Toten entwickelte er als Erster ein Testverfahren für das Virus. Dazu kommt seine Fähigkeit, Dinge öffentlich verständlich zu erklären. Epidemische Coronaviren seien „exakt sein Gebiet“, sagt Drosten über sich selbst. Nur deshalb äußere er sich so häufig öffentlich.

In dem Podcast vom Montag erklärt Drosten auch die stark steigende Zahl von Toten in Deutschland. „Wir sehen jetzt in diesen Tagen die Eintragungen zum Beispiel in Seniorenpflegeheime.“ Drosten geht von einer neuen Phase der Corona-Pandemie aus und rechnet mit steigenden Sterblichkeitsraten. Allein gestern gab es mehr als 4000 neue Fälle. Bisher habe Deutschland bei den Infektionsketten Glück gehabt. Infiziert hätten sich zunächst vor allem jüngere, sportliche Leute wie Skifahrer und Karnevalsflüchter, die das Virus aus dem Urlaub eingeschleppt und in ihren ungefähr gleichaltrigen Netzwerken verbreitet hätten. Diese Menschen erlebten großteils milde Krankheitsverläufe. Jetzt seien vermehrt ältere Menschen in Alten- und Pflegeheimen betroffen.

Ein Ansteigen der Fallsterblichkeit lasse sich bereits beobachten, so Drosten. Sie liege nicht mehr bei 0,2 bis 0,4, sondern im Bereich 0,8 Prozent. Bei der Diagnostik komme man einer exponentiellen Entwicklung der Infektionen nicht mehr hinterher. „Ich glaube nicht, dass wir unsere jetzige Testkapazität realistischerweise noch deutlich steigern können.“ Es werde deshalb wichtiger, die richtigen Gruppen zu testen. wha

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