Erding – Wenn Martin Angermaier von seinem „Baby“ spricht, meint er eine Doppelhalle, in der gerade eine improvisierte Klinik entsteht. Der stellvertretende Kreisbrandrat ist als Einsatzleiter für den Aufbau des Hilfskrankenhauses auf dem Erdinger Fliegerhorstgelände verantwortlich. Das heißt, er verbringt hier gerade täglich von 7 Uhr morgens bis oft 22 Uhr seine Zeit. Denn jetzt zählt vor allem Geschwindigkeit.
160 Patienten könnten hier im Notfall unterkommen. Und weil auf dem Gelände noch fünf weitere dieser Doppelhallen stehen, wäre hier theoretisch noch viel mehr Platz. Sechs „Babys“ sozusagen – für 960 Patienten.
Doch so weit ist es zum Glück noch nicht. „Ich hoffe, dass wir sie nie brauchen“, sagt Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) schon über die ersten 160 Betten. Denn gefüllt werden sie erst, wenn die Kapazitäten der regulären Krankenhäuser nicht mehr ausreichen, um die steigenden Zahlen von Corona-Patienten zu versorgen.
Bayernweit rüsten sich die Landkreise für diesen Fall. In Ebersberg wird morgen eine Notklinik in der Dreifachturnhalle der örtlichen Realschule eröffnet. Am Landratsamt Miesbach sucht die Führungsgruppe Katastrophenschutz gerade nach Standorten, an denen Patienten vor ihrer Entlassung aus der Klinik betreut werden können. Infrage kommen zwei Hotels, zwei Reha-Kliniken und eine Schule. Für die Landkreise Starnberg, Fürstenfeldbruck, Dachau und Landsberg am Lech ist ein gemeinsamer Standort in der Region Dachau im Gespräch. Zu weiteren Standorten in Oberbayern äußerte sich das Gesundheitsministerium gestern nicht. Anfang der Woche hatte Ministerin Melanie Huml (CSU) gesagt, man arbeite an einem Konzept.
In Erding sind sie schon weiter. Auch hier haben sie zunächst darüber nachgedacht, Schulen oder Turnhallen zu Kliniken umzubauen. „Wir haben aber gemerkt, dass das organisatorisch schwierig ist“, sagt Bayerstorfer. „Deshalb haben wir beim Bund angefragt, ob wir dieses Gelände nutzen können.“ Die Zustimmung kam prompt.
Zuletzt lebten in diesen Hallen Flüchtlinge. Als „Warteraum Asyl“ diente das Gelände als Drehscheibe für die deutschlandweite Verteilung von weit über 100 000 Asylbewerbern. Bis das Bundesinnenministerium Ende 2019 die Türen schloss.
„Am Mittwoch um 16 Uhr“ haben sie vergangene Woche mit dem Umbau begonnen, sagt Einsatzleiter Angermaier. Knapp 40 Helfer von Feuerwehr und THW sowie ein paar Privatfirmen waren eingebunden. Dass im Prinzip alles noch betriebsbereit war, kam ihnen sehr entgegen. Denn falls wieder große Zahlen von Flüchtlingen nach Deutschland kommen würden, sollte die Anlage innerhalb von 48 Stunden bereit sein. Die Heizung war also schnell hochgefahren.
Wo damals zehn Asylbewerber pro Abteil Platz fanden, stehen jetzt nur vier Betten. Um jedes einzelne mit Sauerstoff versorgen zu können, wurde hinter der Halle ein 14 000-Liter-Tank installiert, von dem aus portable Geräte befüllt werden können. Nicht zu verwechseln mit Beatmungsgeräten. Wer letztere braucht, ist hier nicht richtig aufgehoben. Denn im Notfallklinikum sollen vor allem Patienten versorgt werden, die entweder noch nicht stabil genug sind, um sie nach Hause zu schicken – oder noch nicht zwingend in eine Klinik gebracht werden müssen. Sie alle haben, wenn es so weit ist, einen eigenen Alarmknopf und auch eine eigene Lampe an ihrem Bett. Überhaupt, das Licht. „Hier war ja nur eine Notbeleuchtung drin, damit die Flüchtlinge nachts auch schlafen können“, sagt Angermaier. Auch das haben sie geändert.
Neben den Hallen haben er und seine Leute zudem eine Containerstraße hergerichtet. Toiletten sind da, Duschen auch – beides sowohl für das Personal als auch für die Patienten. „Ärzte und Pflegekräfte brauchen zwei Umkleiden – eine für reine Kleidung, eine für verunreinigte“, erklärt Angermaier. Auch eine Apotheke wird es auf dem Gelände geben. „Wir wollen alles so perfekt wie möglich gestalten“, sagt Angermaier. Damit man, wenn es ernst wird, „nur noch herfahren und das Licht anschalten“ muss.
Doch was ist mit dem Personal? „Es wird über die Erdinger Klinikleitung entschieden, wer hier zum Dienst eingeteilt wird“, sagt Landrat Bayerstorfer. Das gilt sowohl für Ärzte als auch für Pflegekräfte. Stemmen kann die Klinik den zusätzlichen Personalbedarf allein aber nicht auch noch. „Es haben sich Ärzte freiwillig gemeldet, und wir bekommen auch noch Personal von der Regierung von Oberbayern“, erklärt Bayerstorfer. Der ärztliche Direktor des Klinikums Erding, Lorenz Bott-Flügel, sagt: „Es gibt durchaus Ärzte und Pflegekräfte, die das jetzt als Herausforderung sehen.“ Natürlich seien die Bedingungen nicht die selben wie in einem Krankenhaus. „Aber ich denke, man kann sich relativ gut reinfinden.“
Möglich, dass sie am Ende noch viel mehr Leute brauchen. Denn: „Die Staatsregierung überlegt, wo man noch Betten schaffen kann“, sagt Landrat Bayerstorfer. Das habe Gesundheitsstaatssekretär Gerhard Eck (CSU) ihm bereits angedeutet. Und in Erding wäre noch Platz.