München – Wie gefährlich ist die Krankheit Covid-19 wirklich? Diese Frage treibt gerade Forscher und Politiker in aller Welt um. Um Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie auch mit dem richtigen Augenmaß treffen zu können, wäre eine verlässliche Antwort darauf äußerst wichtig.
Das Problem: Die gemeldeten Infektionszahlen geben nur an, wie viele Menschen positiv getestet wurden. Wie viele Menschen sich wirklich angesteckt haben, weiß indes niemand genau. Expertenschätzungen zur Dunkelziffer „variieren extrem“, sagte Prof. Gerd Antes, renommierter Medizinstatistiker und ehemals Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums in einem Interview dem „Spiegel“ – „ein sicheres Zeichen, dass niemand auch nur ungefähr weiß, wo die Wahrheit liegt“. Für „einigermaßen sichere Entscheidungen“ brauche man dringend verlässliche Daten.
Die bislang besten dazu kommen jetzt vom Londoner Imperial College: Ein Forscherteam um Dr. Robert Verity hat die Ergebnisse seiner Analyse im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht. Die Wissenschaftler haben einen Weg gefunden, die Dunkelziffer besser einschätzen zu können. So haben sie nicht nur Daten von mehr als 70 000 Covid-19-Patienten in China sowie aller infizierten Passagiere des Kreuzfahrtschiffes „Diamond Princess“ in ihre Berechnungen einbezogen. Um auch den Anteil der Infizierten einschätzen zu können, die keine Symptome hatten, nutzten sie außerdem Daten von fast 700 Menschen, die aus Wuhan ausgeflogen worden waren.
Das Ergebnis: Bezieht man diese Abschätzung der Dunkelziffer mit ein, sterben den Forschern zufolge im Schnitt 0,66 Prozent der Infizierten an dem neuen Coronavirus. Das sind deutlich weniger als die 1,38 Prozent, die die Wissenschaftler zuvor nur auf Basis der gemeldeten Fallzahlen ermittelt hatten.
Das ändert aber nichts daran, dass das Risiko eines tödlichen Verlaufs der Krankheit mit dem Alter stetig ansteigt – der Studie zufolge bis auf 7,8 Prozent in der Gruppe der über 80-Jährigen. In allen Altersgruppen erhöhen zudem Vorerkrankungen das Risiko eines schweren oder tödlichen Verlaufs.
Bei Kindern und Teenagern verläuft die Infektion dagegen in aller Regel glimpflich. Auch in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen sind Todesfälle selten. Doch obwohl Covid-19 für jüngere Menschen selten tödlich verläuft: Auch sie sollten eine Infektion mit dem neuen Coronavirus keinesfalls unterschätzen, wie die Studie des Imperial College ebenfalls zeigt: Demnach ist das Risiko, an dieser Atemwegserkrankung zu sterben, für Menschen in den Zwanzigern 33 mal so hoch wie bei Patienten, die an einer Influenza, also einer echten Grippe, erkrankt sind.
In der Politik und im Gesundheitswesen dürfte man sich noch für ein anderes Detail der Studie interessieren. So liefern die Londoner Forscher auch Daten dazu, wie viele Patienten im Krankenhaus behandelt werden müssen – und das ist ganz entscheidend, um die benötigten Kapazitäten an Krankenhausbetten und Personal für Covid-19-Patienten besser einschätzen zu können. Der Analyse aus London zufolge werden im Durchschnitt acht Prozent der Infizierten so krank, dass sie in einer Klinik behandelt werden müssen.
Was wiederum auch viele Laien für ihre persönliche Risikoeinschätzung interessieren dürfte: Das Risiko für eine Krankenhausbehandlung steigt schon ab einem Alter von etwa 50 Jahren stark an. In der Altersgruppe der über 80-Jährigen musste demnach sogar jeder fünfte Patient ins Krankenhaus.
Diese Schätzungen, die auf Daten aus China beruhen, seien den Autoren zufolge auch auf andere Länder übertragbar, wie Professorin Azra Ghani sagte, die ebenfalls an der Studie mitgearbeitet hatte. Sie könnten dabei helfen, „die bestmöglichen Entscheidungen für die Eindämmung von Covid-19 zu treffen“.
ANDREA EPPNER