Die stillen Opfer der Corona-Krise

von Redaktion

Kliniken rüsten sich für eine Welle an CoronaPatienten. Doch andere Erkrankungen und vor allem Notfälle machen in der Krise keine Pause. Die Betroffenen werden zwar in Krankenhäusern weiter behandelt. Nur: Die meisten wagen sich gar nicht mehr dorthin – und bringen sich somit selbst in massive Gefahr.

VON ANDREA EPPNER

„Ich habe gedacht, im Krankenhaus werden nur noch Corona-Patienten behandelt.“ Als Prof. Chris Lohmann diesen Satz zum ersten Mal von einer Patientin hört, wird ihm klar, dass gerade etwas richtig schief läuft. Lohmann ist Direktor der Augenklinik am Klinikum rechts der Isar in München. Während sich seine Kollegen auf der Infektiologie auf weitere Corona-Patienten vorbereiten, ist es in seiner Sprechstunde recht ruhig geworden.

Es ist eine trügerische Ruhe. Denn während das Virus immer neue Opfer findet, ist der Rest der Münchner nicht gesünder geworden. Im Gegenteil! Oft würden Patienten akute Beschwerden sehr lang verschleppen, sagt Lohmann – und erzählt von einer Frau mit starken Augenschmerzen, die er behandelt habe. Zehn Tage lang hatte sie bei mehreren Praxen versucht, Hilfe zu bekommen: Vergeblich, alle geschlossen. Doch in Corona-Zeiten in die Klinik? Erst nach zwölf Tagen, als es gar nicht mehr ging, konnte sie sich dazu durchringen.

Dabei drängt auch bei Augenerkrankungen manchmal die Zeit. Lässt sich eine Operation bei Grauem Star problemlos verschieben, ist eine Netzhautablösung dagegen ein echter Notfall. Nicht oder zu spät behandelt kann sie zum Erblinden führen.

Wer akute Beschwerden hat, sollte sich nicht scheuen, auch weiter in Praxen oder Krankenhäuser zu gehen, warnt Lohmann. Anders als viele Patienten glauben, laufe der normale Klinikbetrieb weiter – nur eben mit einigen Einschränkungen. „Per Gesetz muss alles aufgeschoben werden, was nicht sehr dringlich ist“, sagt Prof. Christian Stief, Direktor der Urologie am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Die Behandlung starker Schmerzen oder von aggressivem Krebs ist freilich nicht verschiebar. Stief klagt: „Covid-19 hat sich so weit in den Vordergrund gedrängt, dass viele andere Kranke nicht oder nicht mehr richtig behandelt werden.“

An einem Beispiel beschreibt er, welche Folgen das haben kann. Er erzählt von einem Patienten mit einer gutartigen, aber ausgeprägten Vergrößerung der Prostata. Da diese Drüse die Harnröhre umschließt, konnte der Patient irgendwann nicht mehr Wasserlassen – ein gefährlicher Rückstau des Urins bis hinauf in die Nieren drohte. Um das zu verhindern, bekam der Patient wie üblich in solchen Fällen einen Katheter in die Harnröhre gelegt.

Doch: Damit war aus dem Notfallpatienten einer geworden, der erst mal warten kann. Normalerweise folge zügig eine Operation an der Prostata, erklärt Stief. Doch solche Eingriffe sind vorerst verschoben – und der Patient müsse womöglich mehrere Monate lang mit Katheter leben. Das ist nicht nur unangenehm. Es kann sogar gefährlich werden. Je länger der Katheter liegt, desto höher wird das Risiko eines Harnwegsinfekts – davon ausgehend könne sich eine lebensgefährliche „Blutvergiftung“, eine „Urosepsis“, entwickeln.

So könnte die Sorge um das Leben Covid-19-Kranker bald die Gesundheit anderer Patienten gefährden. Manchmal ist es allerdings gar nicht das neue Gesetz, das andere Patienten in Gefahr bringt – sondern: Unwissenheit und übertriebene Angst vor dem neuen Virus. So trauen sich manche Patienten nicht einmal mehr im äußersten Notfall, den Notruf 112 zu wählen. Etwa bei Verdacht auf einen Schlaganfall. Oder: wenn die Luft plötzlich wegbleibt und es sich anfühlt, als stecke die Brust in einem Schraubstock – beides Anzeichen eines Herzinfarkts.

„In den Zentren der aktuellen Covid-19-Pandemie sei aufgefallen, dass sich deutlich weniger Patienten mit Herzinfarkt in den Notaufnahmen vorstellen“, warnen etwa das Deutsche Herzzentrum in München und die Deutsche Herzstiftung in einer gemeinsamen Erklärung.

Doch Herzinfarkte gibt es natürlich trotzdem. „Das kann nur heißen, dass viele Patienten zu Hause sterben“, sagt Lohmann. „Nicht nur der wirtschaftliche – auch der medizinische Kollateralschaden der aktuellen Panik ist riesig.“ Von den „stillen Opfern“ der Krise ist in Expertenkreisen bereits die Rede.

Dass diese Sorge begründet ist, zeigen Erfahrungsberichte von Ärzten in Italien und Spanien: „Es mehren sich Hinweise, dass sich schwere Komplikationen bei Infarktpatienten im Zuge der Corona-Pandemie häufen.“ Dies berichten etwa Dott. Gabriele Gasparini aus Mailand und Prof. Hector Bueno aus Madrid. Auch Kardiologen in deutschen Herzzentren gehen davon aus, dass viele aus Angst vor einer Corona-Infektion nicht einmal mehr im Notfall ins Krankenhaus gehen. „Möglicherweise liegt es auch daran, dass die Patienten das medizinische Personal zur Behandlung von Covid-19 nicht ,belästigen’ möchten“, vermutet Dott. Salvatore Cassese vom Deutschen Herzzentrum in München.

Dabei müssten Symptome wie akute Brustschmerzen und Luftnot dringend abgeklärt werden, warnt Prof. Heribert Schunkert, Direktor der Klinik für Herz- und Kreislauf-Erkrankungen am Deutschen Herzzentrum München. Ein Herzinfarkt sei lebensbedrohlich, eine Zeitverzögerung könne schwere Folgen haben – von einer Herzschwäche über Herzrhythmusstörungen bis hin zum Tod. Darum stünden „Chest-Pain-Units“, also Brustschmerzambulanzen, auch weiterhin für alle Notfälle offen. Und, ganz wichtig: Dort herrschten „höchste hygienische Standards zur Vermeidung einer Covid-19 Erkrankung im Krankenhaus.“

Manche Spätfolgen der Krise werden sich wohl erst in einigen Wochen oder Monaten zeigen. Lohmanns Kollegen rechnen bereits damit, dass es dann mehr und fortgeschrittenere Krebserkrankungen geben könnte – weil Untersuchungen zur Vorsorge und Früherkennung derzeit oft unterbleiben. „Wenn Vorsorge entfällt, werden Krebserkrankungen nicht mehr frühzeitig entdeckt“, sagt auch Urologe Stief – und warnt: „Auch ‚gutartige’ Erkrankungen sind Krankheiten, die die Lebensqualität stark beeinträchtigen.“

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