Rom – Die ersten Tage im März 2020 könnten in die italienische Geschichte eingehen als die Zeit, in denen man sich zwischen Verona und Messina zuletzt mit den in Italien üblichen Wangenküssen begrüßte. Abstandhalten wird auch das Mantra bleiben, sobald die Sperrmaßnahmen in Italien gelockert werden. Wann das der Fall sein wird, steht bisher noch nicht fest. Frühestens Mitte Mai, spätestens im Sommer, lauten die Prognosen.
Seit dem 10. März herrscht im ganzen Land eine Ausgangssperre, Italien ist damit den meisten Ländern in der Entwicklung der Corona-Epidemie voraus. Welche Maßnahmen hier ergriffen werden, beobachten andere Länder mit Interesse. Das gilt auch für Entscheidungen im Hinblick auf das Ende der wirtschaftslähmenden Quarantäne. Die Zahl der Neuansteckungen mit Sars-CoV-2 nahm zwei Tage in Folge ab, die Zahl der Toten stieg gestern allerdings wieder an.
Medienberichten zufolge plant Italien bereits seit einer Woche die sogenannte „Phase zwei“. Die Quarantäne wird nicht von einem auf den anderen Tag gelockert werden, sondern Schritt für Schritt. Gesundheitsminister Roberto Speranza hat eine Taskforce eingesetzt, die „hunderte Vorschläge analysiert“ hat, wie ihr Chef Walter Ricciardi erklärte. Das Ergebnis der Beratungen ist ein Strategieplan.
Für sämtliche Bewegungen außer Haus soll weiterhin das Abstandsgebot gelten. Mundschutzmasken sollen zur Regel werden, um Ansteckungen zu vermeiden. Die Einhaltung der Abstandsregel wird darüber mitentscheiden, wie schnell Bars und Restaurants, aber auch Betriebe und Geschäfte wieder öffnen können. Das betrifft öffentliche Verkehrsmittel ebenso wie Kinos oder Theater, die wohl als Letztes in Betrieb gehen werden.
Der Gesundheitsminister plant zudem sogenannte „Covid Hospitals“, also Krankenhäuser, die nur Covid-19-Patienten aufnehmen. Denn die Neuansteckungen wurden durch die Quarantäne zwar tendenziell gebremst. Das Virus ist damit aber nicht aus der Welt. Neue Infektionsherde sind nicht ausgeschlossen, eine Impfung oder Medikamente sind nicht vor 2021 zu erwarten. Spezialteams sollen Patienten mit Symptomen zunächst zuhause untersuchen und dann über die Behandlung entscheiden.
Die derzeit am meisten diskutierten Maßnahmen betreffen Immunitäts-Tests und die Kontaktkontrolle per App. Sobald technische und datenschutzrechtliche Probleme geklärt sind, soll Letztere helfen, die Kontaktpersonen Infizierter zu erfassen, diese gegebenenfalls zu testen und so einen neuen Ausbruch einzugrenzen. Immunitäts-Tests zur Feststellung, ob Antikörper gegen Sars-CoV-2 im Blut sind, werden bereits massenhaft im Veneto und in der Emilia-Romagna durchgeführt. Wer die Antikörper im Blut hat und nicht mehr ansteckend ist, könnte dann einen Immunitäts-Pass bekommen.
Nach jetzigem Kenntnisstand gehen die Experten davon aus, dass Neuansteckungen nicht möglich sind. Im Veneto sollen zuerst Ärzte und Pfleger, aber auch Arbeiter wichtiger Branchen und Bewohner von Altenheimen auf Antikörper getestet werden. Mit flächendeckenden Immunitäts-Tests will die Regierung bald feststellen, wie weit die Immunität in der Gesamtbevölkerung fortgeschritten ist. Die Daten gelten als Grundlage für die Lockerung der Sperrmaßnahmen.
Ein weiteres wichtiges Thema ist die Wiedereröffnung der Schulen. Bildungsministerin Lucia Azzolina schloss eine Rückkehr in die Schulen erst zu Beginn des neuen Schuljahres nicht aus. Möglicherweise bleiben Schulen, Unis, Kindergärten und Kitas für das restliche Schuljahr 2019/2020 zu. Alle Schüler würden dann wohl automatisch in die nächste Klasse springen.
Der nächste Schultag, er wäre dann im Herbst. JULIUS MÜLLER-MEININGEN