Kurz fährt Österreich wieder hoch

von Redaktion

Aus dem Notbetrieb soll wieder ein Normalbetrieb werden: Behutsam und schrittweise lockert Österreich seine Anti-Corona-Maßnahmen. Die Furcht schwingt mit, es könnte trotz des Etappenerfolgs noch alles schiefgehen.

VON FABIAN NITSCHMANN UND MATTHIAS RÖDER

Wien – Ihren Mundschutz nahmen Österreichs Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und drei seiner Minister nur für die Pressekonferenz ab. Hinter Schutzwänden aus Plexiglas verkündeten sie am Montag den Österreichern eine mehrteilige Botschaft geprägt von Zuversicht, Stolz und auch Sorge: Die Alpenrepublik wird nach Ostern behutsam mit dem langen Weg aus der Corona-Krise zurück in die Normalität beginnen – aber jederzeit die Notbremse ziehen, wenn sich das Virus doch wieder ausbreitet.

In Österreich sollen nach der Öffnung von kleinen Geschäften sowie Bau- und Gartenmärkten am 14. April dann ab Anfang Mai alle Geschäfte, Einkaufszentren und Friseure wieder öffnen. „Wir sind bisher besser durch die Krise gekommen als die meisten anderen Länder“, stellte Kurz fest. Jetzt will Wien auch beim Hochfahren der Wirtschaft Zeichen setzen.

Zugleich machte die Regierungsspitze überdeutlich, dass sich die Österreicher weiterhin an strenge Auflagen zum gebotenen Abstand halten müssen – die Ausgangsbeschränkungen wurden bis Ende April verlängert, die Schulen bleiben bis Mitte Mai zu. Hotels und Gaststätten dürfen auch erst ab Mitte Mai damit rechnen, dass sie wieder öffnen dürfen. Veranstaltungen sollen bis Ende Juni nicht stattfinden. So wurde das Nova Rock Festival mit zuletzt mehr als 200 000 Besuchern abgesagt. Das Tragen eines Mundschutzes wird auch in öffentlichen Verkehrsmitteln zur Pflicht.

Früher als zum Beispiel in Deutschland war Mitte März das öffentliche Leben in der gesamten Alpenrepublik auf Notbetrieb umgestellt, waren die Ausgangsbeschränkungen erlassen worden. Der Lohn: Nirgendwo in Europa sei die Zahl der Neuinfizierten derart drastisch zurückgegangen, sagte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). In Österreich werden aktuell jeden Tag mehr mit dem Coronavirus infizierte Menschen gesund, als an der Lungenkrankheit Covid-19 erkranken. Sorgen bereitet aber die Osterwoche mit den sonst üblichen Familienfeiern. Gar nicht daran denken, warnte die Regierungsspitze. „Bleiben sie zusammen mit den Menschen, mit denen Sie gemeinsam wohnen“, sagte Kurz.

Erste Ergebnisse einer repräsentativen Stichprobe unter 2000 augenscheinlich gesunden Bürgern bestätigten den von Vorsicht geprägten Kurs. Die bisher als hoch vermutete Dunkelziffer der Erkrankten liegt laut Kurz wohl unter einem Prozent. „Alle Ideen einer Herdenimmunität sind eindeutig durch diese Stichprobe widerlegt“, sagte der Regierungschef.

Österreich ist eines der ersten europäischen Länder, das im Kampf gegen das Coronavirus seine Maßnahmen nach Ostern wieder etwas lockern will. Auch in Dänemark hat Regierungschefin Mette Frederiksen angekündigt, das Land wahrscheinlich nach Ostern schrittweise wieder öffnen zu wollen. Einen genauen Plan hat sie aber noch nicht vorgelegt. In Tschechien wird aktuell über kleinere Ausnahmeregelungen für den Handel diskutiert.

Die Alpenrepublik sieht sich durch die dramatische Entwicklung in anderen Staaten in ihrer Eindämmungsstrategie, mit der unter anderem alle Gemeinden im Bundesland Tirol unter Quarantäne gestellt wurden, bestätigt. Hätte die Regierung Mitte März nicht gehandelt, wären nach einem der möglichen Szenarien 2,7 Millionen Erkrankte zu befürchten gewesen, erinnerte Anschober.

Tirol hat die Quarantäne inzwischen mit Ausnahmen wieder aufgehoben. Das teilte Landeschef Günther Platter gestern in Innsbruck mit. Die Quarantäne für alle 279 Gemeinden sollte ursprünglich bis Ostermontag gelten. Seit dem 18. März durften die Menschen in Tirol nur in Ausnahmefällen ihre Wohnorte verlassen. Von der Aufhebung nicht betroffen sind vorerst St. Anton, Sölden und das Paznauntal mit dem beliebten Wintersportort Ischgl, in dem es besonders viele Ansteckungen gab.

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