Virus-Brennpunkt Rosenheim

von Redaktion

617 Fälle pro 100 000 Einwohner in dem oberbayerischen Landkreis – noch schlimmer ist es in Tirschenreuth

München – Corona ist ein weltweites Problem – aber längst nicht jeder ist gleich schlimm betroffen. Das hört sich nach einer Binsenweisheit an, aber es trifft den Kern des Problems. Welche politischen Maßnahmen sind sinnvoll? Ist Mundschutzpflicht großer Quatsch oder die letzte Rettung? Wie lange sollen die Schulen geschlossen bleiben?

Die Beantwortung dieser Frage fällt im Landkreis Tirschenreuth wahrscheinlich ganz anders aus als in Mecklenburg-Vorpommern. Tirschenreuth ist der deutsche Covid-19-Brennpunkt – es gibt 1365 gemeldete Fälle je 100 000 Einwohner. „Ich bin mir sicher, dass die medizinische Versorgung bei uns nicht schlechter ist“, sagte Landrat Wolfgang Lippert dem „Neuen Tag“. Die Politiker in der Oberpfalz rätseln über die Gründe der hohen Zahl an Infizierten. Eine Erklärung haben sie bisher nicht. Zum Vergleich: In Mecklenburg-Vorpommern sind gerade mal 39 je 100 000 Einwohner infiziert.

Die großen Unterschiede gehen weiter, wenn man sich die ganze Republik anschaut. Bayern ist mit insgesamt über 990 Todesfällen und 262 Infizierten je 100 000 Einwohner Spitzenreiter, gefolgt von Baden-Württemberg (230 je 100 000 Einwohner), dem Saarland (217) und Hamburg (210).

Die östlichen Bundesländer und Berlin haben längst nicht so hohe Fallzahlen. Laut dem Robert-Koch-Institut sind in Brandenburg 78 je 100 000 Einwohner betroffen, in Sachsen-Anhalt sind es 55, in Thüringen 72 und in Sachsen 94. Die Daten sind allerdings immer mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten – die Zahl der erfolgten Tests ist in den Bundesländern unterschiedlich hoch. Darauf weist auch der Landrat von Tirschenreuth hin: „Wir haben schon ab dem ersten Fall alle Kontaktpersonen ermittelt und getestet. Desto mehr ich teste, desto größere Fallzahlen habe ich“, sagt Wolfgang Lippert (Freie Wähler). In anderen Landkreisen würde nicht generell ein Test durchgeführt. Auch die 6500-Einwohner-Stadt Mitterteich liegt in der Region – Mitte März war die Zahl der Infizierten plötzlich besonders gestiegen. Als eine wesentliche Ursache wurde ein Starkbierfest vermutet. Zwischenzeitlich galt in Mitterteich die bundesweit erste Corona-Ausgangssperre.

Auch der Nachbarlandkreis Wunsiedel ist besonders betroffen. Hier gibt es 726 Fälle je 100 000 Einwohner. Auf Platz 3 der Kreise, die es besonders erwischt hat, liegen Rosenheim und Heinsberg in Nordrhein-Westfallen mit je 617 registrierten Fällen pro 100 000.

Auch hier in der Region gibt es starke Unterschiede. Die Stadt München hat 321 Infizierte je 100 000 Einwohner, also rund 0,32 Prozent. Im Kreis Garmisch-Partenkirchen sind 0,25 Prozent der Menschen betroffen, im Kreis München 0,31, in Bad Tölz-Wolfratshausen 0,27 Prozent, in Miesbach 0,47, in Mühldorf 0,34, in Weilheim-Schongau 0,24, in Starnberg 0,34, in Fürstenfeldbruck 0,31, in Dachau 0,41, in Freising 0,48, in Erding 0,37, in Ebersberg 0,25, in Landsberg am Lech 0,24 und in der Stadt Rosenheim 0,47 Prozent.

Corona ist keine Mathematik, aber es sind nun mal Zahlen, auf denen viele Entscheidungen basieren. Verdopplungszeiten, exponentielles Wachstum – auch viele Bundesbürger haben in den letzten Wochen eine mathematische Nachschulung hinter sich. Ein weiterer wichtiger Indikator ist die Sterblichkeitsrate. In Deutschland sind bisher 2,5 Prozent der Infizierten gestorben – im internationalen Vergleich ist das ein außerordentlich guter Wert. Zum Vergleich: In Belgien sterben gerade 13,4 Prozent aller gemeldeten Covid-19-Patienten, in Italien 13 und in Frankreich 12 Prozent.

In Deutschland sind bisher mehr als 131 000 Infektionen mit dem Coronavirus registriert worden. Mindestens 3553 (Vortag: 2998) mit dem Erreger Sars-CoV-2 Infizierte sind bislang bundesweit gestorben. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts haben in Deutschland 72 600 Menschen die Infektion überstanden, über 55 000 gelten derzeit als krank. 87 Prozent der Todesfälle und 18 Prozent aller Fälle hierzulande sind 70 Jahre oder älter. S. SESSLER

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