Ärzte sollen zurück an die OP-Tische

von Redaktion

Münchens Kliniken wird ein gewaltiger Spagat abverlangt. Einerseits sollen sie schwer kranke Corona-Patienten retten und für eine Infektionswelle gewappnet sein. Andererseits müssen sie geplante Operationen und Behandlungen absagen. Nun will Gesundheitsminister Jens Spahn die Ärzte zurück an die OP-Tische schicken.

VON ANDREAS BEEZ

München – Das „Isar Klinikum“ an der Sonnenstraße: Normalerweise pulsiert an diesem zentralen Ort in München das Großstadtleben. Doch seit Corona steht der Alltag nahezu still, auch im Krankenhaus. „Unsere Auslastung liegt bei 20 bis 30 Prozent“, berichtet der Chefarzt der Kardiologie, Professor Dr. Alexander Leber. „Wir behandeln nur noch Covid-19-Fälle und Notfallpatienten. Alle planbaren Operationen sind abgesagt. Viele Patienten leiden sehr darunter, dass ihre Behandlungen verschoben werden. Wir hätten die Kapazität, um diesen Menschen zu helfen, können aber momentan nichts für sie tun.“

Geht es nach Jens Spahn, könnte sich das bald ändern. Ab Anfang Mai, erklärte der Bundesgesundheitsminister am Freitag, könnten die Krankenhäuser schrittweise wieder in den Regelbetrieb zurückkehren. Denn der gefürchtete Covid-19-Tsunami ist bisher ausgeblieben.

Regelbetrieb statt Ausnahmezustand. Viele Kliniken fiebern diesem Schritt entgegen. Gerade in München gibt es eine Fülle von Spezialisten für alle erdenklichen Erkrankungen. Doch in Zeiten von Corona müssen kaputte Hüftgelenke, gerissene Kreuzbänder, lädierte Schultern oder Bandscheiben erst mal warten. Die Politik hatte den Kliniken Mitte März verordnet, möglichst jede planbare Operation zu verschieben. Im Deutschen Herzzentrum an der Lazarettstraße stand Bayerns Wissenschaftsminister Bernd Sibler sogar persönlich auf der Matte, um darum zu bitten, dass sich die Klinik voll auf den Corona-Ansturm fokussiert. Jeder ambulante Termin wurde abgesagt, sofern das medizinisch zu vertreten war. Seitdem steht das Haus zu erheblichen Teilen leer – mit Ausnahme der Corona-Bereiche.

Dieses Symptom der Virus-Krise lässt sich in allen Münchner Kliniken diagnostizieren. So berichten die großen Unikliniken Großhadern und Rechts der Isar auf Anfrage, dass ihre Normalstationen derzeit gerade mal zu 50 bis 60 Prozent ausgelastet seien, die städtischen Kliniken sprechen von 60 bis 70 Prozent. Zudem würden nur etwa halb so viele Operationen durchgeführt wie vor der Pandemie. Gleichzeitig stehen auf den Intensivstationen noch ausreichend Betten für Corona-Patienten frei.

Andere Kliniken, insbesondere private, trifft der Leerstand noch schlimmer. Das liegt aber nicht nur an den Vorgaben der Politik, sondern auch an den Patienten selbst. Viele trauen sich derzeit nicht in eine Klinik. „Entweder, weil sie angesichts schwer kranker Corona-Patienten niemandem zur Last fallen wollen, oder weil sie Angst davor haben, sich selbst mit dem Virus anzustecken“, wie Professor Dr. Heribert Schunkert, Chefkardiologe des Deutschen Herzzentrums, erläutert. „Seit Beginn der Pandemie sehen wir etwa 50 Prozent weniger Notfallpatienten als im Vergleichszeitraum des Jahres“, sagt Schunkert, „dadurch gehen die Betroffenen ein hohes Risiko ein.“ Schließlich könne ein Herzinfarkt oder Schlaganfall tödlich enden.

Wie viele Menschen diese Angst das Leben kostet, dazu gibt es keine verlässlichen Zahlen. Aus New York gibt es Berichte, wonach sich die Zahl der Menschen mit einem plötzlichen Herztod dort fast verzehnfacht hat. „Wir müssen unbedingt das Vertrauen der Patienten zurückgewinnen“, sagt Herz-Professor Leber vom Isar Klinikum.

Aber wie kann das gelingen? „Zum einen durch eine bessere Informationspolitik. Wir müssen den Menschen erklären, wie hoch die Sicherheitsstandards in deutschen Krankenhäusern sind. Eine Ansteckung mit Corona in einer Klinik ist natürlich nicht ausgeschlossen, aber sehr unwahrscheinlich“, sagt Leber.

Eine Einschätzung, die sehr viele Münchner Klinikärzte teilen. „Wir müssen die Ängste der Menschen ernst nehmen und ihnen gleichzeitig Mut machen. Wir haben die Behandlung der Covid-19-Patienten in Deutschland sehr gut im Griff“, sagt Professor Dr. Rüdiger von Eisenhart-Rothe, Cheforthopäde des Uniklinikums rechts der Isar. „Gerade Menschen mit lebensbedrohlichen Erkrankungen sollten wissen, dass sie in Münchens Kliniken trotz Corona gut aufgehoben sind.“ So sollten Krebspatienten nicht zögern, ihre Behandlungstermine in den Kliniken wahrzunehmen. „Bei einigen bösartigen Tumorerkrankungen könnte ein Zeitverlust bei Diagnostik und Therapie fatale Folgen haben“, warnt von Eisenhart-Rothe.

Was aber ist mit all den Patienten, die mit weniger Bedrohlichem kämpfen, beispielsweise ein künstliches Gelenk oder einen Eingriff an der Wirbelsäule benötigen? Der Leidensdruck dieser Patienten wachse, sagt Professor Dr. Marcus Schmitt-Sody, Ärztlicher Direktor der Rehakliniken Medical Park Chiemsee. „Wir müssen lernen, mit Corona umzugehen und unsere Arbeitsweise anzupassen“, sagt Schmitt-Sody, „wir haben momentan gar keine andere Wahl.“

Axel Fischer, Geschäftsführer der städtischen München Klinik, versteht zwar den Wunsch nach mehr Operationen, warnt aber vor einem vorschnellen Regelbetrieb. Denn jeder Normalpatient kann unwissentlich auch ein Corona-Patient sein. Fischer fordert, dass alle Kliniken eine Abklärungsstation haben müssen, sprich, dass jeder Patient auf Corona getestet wird, ehe er behandelt oder operiert wird (siehe Interview rechts). In der München Klinik sei dies bereits der Fall.

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