Himmlische Ruhe im Priental

von Redaktion

Die Grenze zu Österreich ist geschlossen und die Wanderer müssen daheim bleiben – in einem Tal im letzten Zipfel von Bayern herrscht plötzlich absolute Stille. Was macht das mit den Einheimischen? Ein Besuch.

VON STEFAN SESSLER (TEXT) UND MARCUS SCHLAF (FOTOS)

Sachrang – Das Virus. Es pflügt durch unser Land wie eine wildgewordene Wildsau. Einerseits. Andererseits hat Simon Bauer, 91, nichts mehr zum Zählen. Der Forstwirtschaftsmeister im Ruhestand, der an diesem sonnigen Vormittag Fleecejacke, Trachtenhut und Jogginghose trägt, lebt seit seiner Geburt in Stein, einem Weiler im Priental. Die Staatsstraße 2093 geht direkt an seinem Haus vorbei.

Bauer, der früher mal zweiter Bürgermeister von Sachrang war, sagt: „Wenn es besonders zugegangen ist, dann sind 15 Autos in der Minute vorbei gefahren.“ Macht 900 Autos in der Stunde, wenn man es hochrechnet. Die meisten sind Tagesausflügler. Morgens rein ins Tal, parken, wandern, Hütte, Kaiserschmarrn, leichtes Weißbier, abends wieder raus.

Bauer ist hobbymäßiger Autozähler und damit ein großer Chronist seiner Heimat – „aber im Moment“, sagt er, „bringt ma ja nix zam“. Im Priental, diesem Wanderparadies im letzten Zipfel Bayerns, ist absolute Ruhe eingekehrt. Wahrscheinlich war hier in der Steinzeit mehr los als im April 2020. Simon Bauer sagt: „I erschrick neuerdings, wenn i a Auto hör.“

Die Wanderparkplätze sind gesperrt und auch die Grenze zu Tirol ist mit einem Bauzaun verrammelt. Es gibt keine Ausflügler mehr, keine Tanktouristen, keine Pendler, die eine Abkürzung nehmen. Dafür fährt die Polizei Streife, ob nicht doch ein Münchner in verdächtiger Multifunktionsjacke die Gunst der Stunde nutzt, um den Geigelstein endlich für sich alleine zu haben. Ist aber riskant. Wer unerlaubt parkt, zahlt 30 Euro.

Das Coronavirus hat auch das langgezogene Tal hinter Aschau heimgesucht, so ist es nicht. Es gab bereits einen Todesfall. Aber es ist doch ein ganz anderes Lebensgefühl. Harald Klötzl, 45, lebt mit Frau und Kindern seit vier Jahren hier. Er hat ein altes Anwesen an der Straße gekauft. Er legt gerade eine Streuobstwiese an, einen Weiher hat er schon, bald sollen Ziegen und Hühner folgen. „Am Wochenende fährt hier eigentlich halb München durch“, sagt er. „Corona ist für die Bewohner des Tals Erholung.“

Klötzl ist selbst aus München raus gezogen, seine Design-Agentur betreibt er noch immer in der Landeshauptstadt. Er hat nichts gegen die Ausflügler. Wer an so einem begnadeten Ort lebt, der muss ihn teilen. So ist das. Am Walchensee ist das so, am Schliersee, hier. Naturschönheit produziert Stau, das ist eine einfache Rechnung. Das Coronavirus ist so was wie eine Notbremse auf Zeit. Ein Moment zum Nachdenken. „Man merkt, dass es auch anders geht“, sagt Harald Klötzl.

Es ist ein Satz, den man an diesem Tag immer wieder hört. Es. Geht. Auch. Anders.

Till Gottbrath, 59, sitzt vor seinem Haus im Weiler Huben, das 1529 erstmals urkundlich erwähnt wurde. „Es ist ein Privileg, hier zu wohnen“, sagt er. Und gerade ist es ein noch größeres Privileg. „Bei uns ist es nachts total still – und jetzt auch tagsüber.“ Irgendwas fehlt, das hat er vor ein paar Wochen gemerkt. Was, das wusste er nicht auf Anhieb. Dass es der Autolärm ist, hat er erst später entdeckt. Himmlische Ruhe im Priental. Auch daran muss man sich erst gewöhnen.

Gottbrath ist ein bekannter Gleitschirmflieger, er leitete schon Expeditionen über das Grönländische Inlandeis und den zugefrorenen Baikalsee, aber seine Liebe gehört diesem Flecken Erde im Landkreis Rosenheim. „Wir haben Angst, wenn Corona mal vorbei ist“, sagt er und muss lachen. Er weiß, dass es absurd klingt: Die Menschheit hat eine Pandemie an der Backe – und er freut sich. Aber dafür muss man kein schlechter Mensch sein.

Seit 2004 lebt der Weltenbummler hier. Er schätzt, dass sich der Verkehr seitdem verdreifacht hat. „Der Münchner Speckgürtel kriecht bis ins Priental“, sagt er. Es sind 95 Kilometer bis zum Stachus – aber durch die A 8 auch sehr schnelle 95 Kilometer. Eine Stunde Autobahn und man bekommt einen Eindruck, wie das Paradies auf Erden ausschaut.

Gottbrath geht gerne Joggen – aus Gaudi ist er zuletzt mitten auf der Hauptstraße heimgelaufen. „Das hat mich an die Ölkrise erinnert“, sagt er. „Als kleiner Junge bin ich damals mit dem Fahrrad auf der Autobahn rumgefahren.“ Es sind die kleinen Glücksmomente in Krisenzeiten, an die man sich ein Leben lang erinnert. Von den Corona-Monaten, da müssen die nachfolgende Generationen durch, werden wir noch den Urenkeln in allen Einzelheiten erzählen. Vor Gottbraths Haus plätschert ein Brunnen, Vögel zwitschern. „Jetzt“, sagt er, „ist es ein Traum.“

Ein ganzes Tal schnauft gerade durch, aber für manche ist es auch ein Alptraum. Natürlich gibt es hier auch Ferienwohnungen und Hotels. „Die Ruhe ist scho nett, aber ich verdiene nichts mehr“, sagt ein Vermieter, der drei Wohnungen im Angebot hat. Eigentlich wäre jetzt Hochsaison. Deswegen kann er dieser theoretischen Diskussion, was das Tal aus der Coronakrise lernen kann, rein gar nichts abgewinnen. „Ich darf keine Buchungen mehr annehmen.“ Und außerdem findet er es ungerecht, dass Menschen, die vor Jahren ins Tal gezogen sind, jetzt über zu viel Tourismus schimpfen. „Viele haben irgendwann ihr Herz an Aschau oder Sachrang verloren. Dann darf man den anderen auch nicht das Recht absprechen, ihrerseits das Herz ans Tal zu verlieren.“

Es ist der gleiche Streit wie andernorts, wie im Tegernseer Tal oder am Chiemsee. Wer früher kommt, kann sich länger aufregen. Er wird, da muss man kein Prophet sein, noch ein paar Jahrzehnte weiter gehen. Aber erst einmal müssen die Prientaler dringendere Probleme lösen.

Beate Schwinghammer, 52, arbeitet im Sachranger Dorfladen – und wartet auf einen Anruf. Die Grenze ist dicht, trotzdem verkaufen sie hier Tiroler Spezialitäten. Kaspressknödel, Speck, Brot, solche Sachen. „Jetzt ruft gleich die Sennerei Hatzenstädt an“, sagt sie. Die Sennerei liegt auf österreichischer Seite, vielleicht zwei Kilometer entfernt. Fast jeden Tag bringt ein Mitarbeiter Käse zur Grenze – und jemand aus dem Dorfladen fährt zeitgleich los. „An der Grenze wird drumrum gereicht“, sagt die Verkäuferin. Das ist legal – und notwendig. Denn die bayerische Kundschaft will gerade in der Corona-Krise nicht ohne ihre lieb gewonnenen Produkte sein. Corona ist schlimm. Aber Corona ohne Tiroler Kaminwurzn ist unerträglich.

Dann hält ein Auto an, das erste seit Ewigkeiten. Es gehört Erich Hofferer junior, 53. Er betreut über 200 Wohnungen. Die Menschen nennen ihn den „Hausmeister von Sachrang“. Er kümmert sich um die Gärten, ums Schneeräumen, um die Schlüssel. Vieles sind Zweitwohnsitze, die gerade nicht bewohnt werden dürfen. Eigentlich. Viele sind Hofferers Kunden, deswegen will er keine Details nennen. Lieber erzählt er vom Corona-Bußgeldkatalog. „Es kostet 5000 Euro, wenn man unerlaubt sein Wirtshaus öffnet. Da find’ ich 30 Euro fürs Parken auf dem Wanderparkplatz nicht viel.“

Will heißen: Der Eintritt ins Paradies auf Erden kostet für Auswärtige momentan 30 Euro. Viel zu billig, findet er. Aber noch wichtiger ist ihm was Anderes. „Wir müssen“, sagt er, „jetzt alle aufeinander aufpassen.“ Dann steigt er in sein Auto und fährt talauswärts. Mutterseelenallein. Man muss in diesen Tagen auf vieles achten, aber nicht auf Gegenverkehr auf der Staatsstraße 2093.

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