Freising – Auf Stefan Friedrich, 43, regnete es neulich rosafarbenes Konfetti. Kurz nach Ostern war das, am Geburtstag seines Sohnes Simeon. Eigentlich sollten Freunde aus dem Kindergarten kommen, der Opa aus dem Allgäu, die Patin aus München, Simeon freute sich wie verrückt. Aber es kam niemand. Seine Eltern hatten ihm die Sache mit dem Virus schon Tage zuvor erklärt. Nur was helfen Erklärungen gegen die Enttäuschung eines Vierjährigen?
Zum Glück schickte die Patin ein Überraschungspaket, randvoll mit Konfetti und einer genauen Anleitung. Simeon befolgte sie Schritt für Schritt, nahm das Paket, versteckte sich hinter dem Sofa und wartete auf Papa Stefan. Dann, zack, flogen die rosa Schnipsel durch die Luft, Simeon tobte vor Freude. „Das Konfetti liegt jetzt noch hier rum“, sagt Mama Melanie, 37. Weil es ihren Sohn an den schönen Moment erinnert.
Die Kleinigkeiten zählen, jetzt, da alles anders ist, nicht nur für Familie Friedrich in Freising. Überall in Deutschland zwingt das Coronavirus Eltern, ihren Alltag neu zu organisieren. Sie arbeiten von zu Hause aus und kümmern sich nebenbei um die Kinder – große, kleine und sehr kleine. Während aber der Schulunterricht bald wieder losgeht, bleiben Kitas und Kindergärten geschlossen. Bis Juni? Bis August? Kann im Moment niemand sagen.
Friedrich ist Optimistin, das hört man gleich. Sie jammert nicht, sie sagt wieder und wieder, wie gut es ihnen trotz allem geht. Im Moment ist sie mit der kleinen Tochter Marlene, 1, in Elternzeit, was ein Glück ist, weil so nur Mann Stefan arbeiten muss. Friedrich sagt: „Es ist mir ein Rätsel, wie das Eltern machen, die beide berufstätig sind.“
Dabei ist ihr neuer Alltag auch nicht ohne. Er sieht so aus: Morgens frühstücken die vier zusammen, dann geht Papa Stefan in sein Büro. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU München, Fachgebiet Forstwirtschaft. Das Homeoffice läuft gut. Aber wenn Stefans Bürotür zugeht, muss Melanie eine große Leere füllen. „Im Grunde passiert den ganzen Tag nichts“, sagt sie. Zwei kleine Kinder den ganzen Tag lang daheim bespaßen – das ist die gar nicht mal kleine Herausforderung.
Immerhin haben sie hinter ihrer Wohnung einen kleinen Garten, in dem die Kinder spielen können. Simeon gräbt täglich neue Beete, man könnte auch sagen: Er pflügt den Garten um. Die Wohnung ist inzwischen ein einziger Indoor-Spielplatz. Irgendwo ist immer ein Seil gespannt, Bücher und Spielzeug liegen herum. „Gerade wuchtet Simeon sein Bobbycar aufs Sofa“, sagt Melanie Friedrich am Telefon. Warum nicht? Die Krise macht großzügig.
Viele Kitas und Kindergärten haben zwar Notgruppen. Die dürfen aber nur Familien in Anspruch nehmen, in denen mindestens ein Elternteil einen systemrelevanten Beruf hat. Gemeint sind zum Beispiel Ärzte, Pflegerinnen, Polizisten oder Busfahrerinnen. Lehrerinnen in Elternzeit oder Wissenschaftliche Mitarbeiter nicht.
Es ist nicht so, dass Simeon gar nicht verstünde, was los ist. „Er weiß, dass man gewisse Dinge gerade nicht darf“, sagt Friedrich. Auf den Spielplatz gehen, Freunde einladen, den Opa besuchen – vor allem ihn nicht. Als Melanie und Stefan Friedrich ihrem Sohn zu erklären versuchten, warum gerade alles anders ist, sagten sie, es gebe da eine Krankheit, die für den Opa gefährlich sei. Seither weiß der Kleine, wie man Videoanrufe macht. Auch die Patentante ruft er an. Die Menschen, die ihm am meisten bedeuten.
Nicht alles an dieser Situation ist von Nachteil. Die gemeinsame Zeit mit den Kindern ist schön, sagt Friedrich, einerseits. Andererseits ist schon was dran, wenn Experten sagen, dass den Kindern die sozialen Kontakte fehlen. Neuerdings sitzen immer ein paar Kindergartenfreunde mit am Mittagstisch. „Simeon fantasiert sie herbei und ich koche für sie mit“, sagt Friedrich und lacht. Manchmal hilft Fantasie gegen die Sehnsucht nach anderen, manchmal auch abwarten. Kürzlich stand Simeon draußen im Garten vor der meterhohen Hecke und versuchte, Kontakt zu den Nachbarn aufzunehmen. Das hatte er vorher nie gemacht.
Es ist diese Hecke, an der die Freiheit der Familie derzeit endet. Manchmal fährt Melanie Friedrich mit den Kleinen zur Isar, manchmal zum Bäcker, meist sind sie zu Hause. Sie fragt sich oft, was das mit ihren Kindern macht und wie lange sie die Leere der Tage noch füllen kann. Die Notfallspielzeugbox, die für die akuten Fälle von Langeweile gedacht ist, verliert langsam, aber sicher ihren Reiz. Friedrichs haben viel Verständnis für die harten Corona-Maßnahmen. Die Frage ist: Hat die Politik auch Verständnis für ihre Situation?
Es gibt da noch etwas, das die Sache erschwert: Bald will die Familie umziehen, ins Unterallgäu. Jetzt fehlen die Helfer für die Renovierung. Immerhin ist das Umzugsunternehmen nicht abgesprungen, noch nicht. „Das ist alles machbar“, sagt Melanie. Aber dann ist da noch die Sache mit Simeon: Die Kindergartenfreunde, die er am Geburtstag so vermisste, wird er womöglich gar nicht mehr sehen. Es könnte ein Abschied ohne Abschied werden.
Vor ein paar Tagen haben sie eine Karte gebastelt und beim Kindergarten eingeworfen. Mama Melanie hat die ganze Situation erklärt, Simeon hat einen Regenbogen dazu gemalt. Nach dem Umzug kommt er in einen neuen Kindergarten, vielleicht im Sommer, hat ihm seine Mama erklärt. Ob das klappt, kann nicht mal die Politik sagen.
Die Kleinigkeiten zählen, jetzt, da alles anders ist
Die Eltern sagten: Corona ist vor allem für Opa gefährlich
Für Simeon könnte es ein Abschied ohne Abschied sein