München – Welche Rolle spielen Kinder bei der Ausbreitung des Coronavirus? Die Antwort auf diese Frage ist wegweisend in der Debatte um Schul- und Kita-Öffnungen. Noch fällt sie nicht eindeutig aus, aber immer mehr deute darauf hin, dass Kinder „die Viren wahrscheinlich eher selten verbreiten“, wie Professor Johannes Hübner, Infektiologe an der Kinderklinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, sagt. Die wichtigsten Fakten.
Was ist bekannt über den Verlauf einer Sars-CoV-2-Infektion bei Kindern?
Bislang zu wenig. Datenanalysen weisen jedoch darauf hin, dass Kinder sehr viel weniger betroffen sind als Erwachsene – und wenn, dann erkranken sie kaum, haben in der Regel sehr milde Verläufe, oft keine Symptome. Bereits im März hatte es bei der Weltgesundheitsorganisation WHO geheißen, dass Kinder bei der Corona-Pandemie – anders als bei der Grippe – wohl keine bedeutsamen Treiber für Übertragungen seien. Vorläufige Daten ließen seinerzeit darauf schließen, dass Kinder sich vor allem bei Erwachsenen ansteckten; viel seltener würden Kinder Erwachsene infizieren. Hübner sagt: „Ich vermute, dass Kinder bei dieser Erkrankung weniger ein Reservoir für neue Infektionen darstellen als bei anderen Atemwegserkrankungen.“ Kitas und Grundschulen vorsichtig zu öffnen, sei nach jetzigem Wissensstand sinnvoll. Zu diesem Ergebnis kommt auch das University College London, das 16 Studien zu Coronavirus-Ausbrüchen in der Vergangenheit analysiert hat. Schulschließungen, so die Forscher, hätten nur einen geringen Einfluss auf die Ausbreitung. Die sozialen und psychischen Kollateralschäden seien indes hoch. Beim Robert-Koch-Institut ist man vorsichtiger: „Aufgrund der hohen Übertragungsfähigkeit des Virus, dem engen Kontakt zwischen Kindern und Jugendlichen und dem häufigeren Verlauf ohne Symptome erscheint es plausibel, dass Übertragungen stattfinden.“
Warum setzt das neuartige Virus ausgerechnet Kindern so wenig zu?
Wissenschaftlich Fundiertes gibt es dazu noch nicht. Fest steht: Selbst die Kleinsten können massiv erkranken, jedoch ist das höchst selten der Fall. „Schwere Verläufe und Todesfälle sind im Kindesalter absolute Ausnahmen“, sagt Hübner. Deutschlandweit würden derzeit knapp 70 Kinder stationär behandelt; ein gutes Zehntel auf der Intensivstation. „Interessant ist, dass es bisher auch keinerlei Hinweise darauf gibt, dass bestimmte Risikogruppen – etwa Kinder mit onkologischen Erkrankungen oder mit angeborenen Immundefekten – besonders gefährdet sind.“ Warum sich Kinder so selten infizieren? Eine Erklärung lautet, dass sie sich häufiger mit anderen Coronaviren infizieren und damit über kreuzreaktive Antikörper verfügen. Eine andere: Auf den Erstkontakt mit neuen Keimen ist das kindliche Immunsystem besser eingestellt, weil es sich in jungen Jahren ständig damit auseinandersetzen muss. Vereinfacht ausgedrückt: Es verhält sich auch beim neuartigen Coronavirus schnell und effektiv, mit keiner Überreaktion. Das ist bei Älteren anders; hier baut das Immunsystem eher auf „Erfahrungswerte“ – und die hat es nicht bei Sars-CoV-2. Deshalb setzt es, um die Viren zu bekämpfen, eine starke Entzündungsreaktion in Gang.
Kinder haben teils keine oder andere Symptome – sind ihre Infektionswege etwa ganz anders?
„Wahrscheinlich sind die Infektionswege bei Kindern die gleichen wie bei Erwachsenen: also hauptsächlich über Tröpfcheninfektionen und über respiratorische, also die Atmung betreffende Sekrete“, sagt Hübner. Besonders auffallend: Bei Kindern habe man häufig und über längere Zeiträume die sogenannte Virus-RNA im Stuhl nachweisen können – aber bisher in keinem Fall vermehrungsfähige Viren. „Wir vermuten, dass das Virus vor allem bei Kindern auch den Darm befallen und damit Magen-Darm-Symptome wie Übelkeit und Erbrechen verursachen kann.“ Das wiederum scheint aber nach derzeitigem Wissen nicht mit einer Übertragbarkeit der Erkrankung über den Stuhl einherzugehen.
Übertragen Kinder das Virus tatsächlich seltener?
Hier herrscht noch Unsicherheit. Zwar sind sich auch Epidemiologen weitgehend einig: „Wenn Kinder eine wichtige Rolle bei der Übertragung spielen würden, hätte man das schon lange gesehen.“ Aber: Eindeutig belegt ist das nicht. Hübner sagt: Anders als Erwachsene könnten Kinder länger Träger des Virus sein. Infektiös seien sie „wahrscheinlich“ dennoch nicht. „Doch ganz sicher kann man das natürlich nicht sagen.“
Zusammengefasst von Barbara Nazarewska