München – Wenn Stephanie Spendler an sonnigen Tagen durch ihre Hirschau schlendert, findet sie kaum ein freies Plätzchen. Menschen sitzen in dem schönen Biergarten im Englischen Garten, essen, trinken, plaudern. Auf dem Tanzboden drehen sich Paare zur Livemusik, drinnen im Festsaal feiern Gesellschaften Hochzeit oder die Kommunion ihrer Kinder. Es sind Bilder aus vergangenen Tagen. Das Coronavirus hat der Wirtin die Zapfhähne zugedreht. Nicht nur auf der Wiesn, wo die Tochter von Alt-Wiesnwirt Ludwig Hagn das Löwenbräuzelt betreibt, sondern auch im Stammbetrieb der Familie.
Nun soll es besser werden. Am 18. Mai darf der Biergarten wieder öffnen, ab 25. Mai das Restaurant. Ja, der Biergarten werde öffnen, sagt Spendler. „Wir haben eine große Fläche und können das mit der Abstandsregel handhaben.“ Von den 1800 Plätzen werden vielleicht 900 übrig bleiben. „Damit ist uns auf alle Fälle geholfen und wir freuen uns, wenigstens ein Stück weit zur Normalität zurückkehren zu können.“
Beim Restaurant ist die Euphorie weniger groß. „Das Restaurant aufzumachen ohne Veranstaltungen – da bin ich sehr skeptisch“, sagt Spendler. Bis zu 200 Menschen passen in den Festsaal im Haupthaus der Hirschau, 50 ins Restaurant. Große Gesellschaften aber bleiben verboten und im Restaurant dürfte die Hälfte der 50 Plätze den strengen Auflagen zum Opfer fallen. Der Umsatz, sagt die Wirtin, werde die Kosten für eine Vollgastronomie wohl nicht decken. Deshalb berät die Familie, ob innen überhaupt geöffnet werden soll. Spendler weiß, dass sie mit dem Biergarten noch auf der Sonnenseite steht. Für viele Kleingastronomen sei es viel schwieriger. Wenn statt 40 nur noch 20 ins Restaurant dürften, „dann brauchen viele gar nicht aufzumachen. Die können das nicht erwirtschaften, was sie an Unkosten haben.“
Dietmar Holzapfel ist Wirt und Hotelier der „Deutschen Eiche“ in der Münchner Innenstadt. Er freut sich, dass sein Haus wieder eine Perspektive hat – aber der Teufel liegt im Detail. „Vieles ist mir noch nicht so ganz klar“, sagt er. Sein Restaurant hat eine Freischankfläche vor dem Haus, auf dem sieben Tische Platz haben. „Darf ich die jetzt schon ab dem 18. Mai öffnen wie die Biergärten, oder erst später? Und wie ist das mit den Abstandsregeln? Da gehen Passanten direkt an den Tischen vorbei. Wie sollen wir damit umgehen?“
Es sind Fragen über Fragen, mit denen sich Bayerns Gastronomen gerade das Hirn zermartern. Holzapfel hat auch eine Dachterrasse mit Blick über München. Er überlegt gerade, wie sich seine Gäste dort bewegen können, damit sie nicht kreuz und quer laufen. „Das muss man jetzt alles bedenken“, sagt Holzapfel. Wahrscheinlich war es noch nie so schwer, Wirt zu sein wie in diesem verflixten Corona-Jahr. Jetzt gibt es ein bisschen Hoffnung – trotzdem begreift er viele der Regeln nicht, die die Staatsregierung aufgestellt hat. Hotels dürfen erst ab 30. Mai wieder für normale Gäste öffnen – „dabei“, sagt Holzapfel, „sind sie die sicherste Sache. Deswegen verstehe ich nicht, warum sie als Letztes drankommen. Wenn der Gast eincheckt, ist der dicke Tresen der Rezeption dazwischen – und dann ist der Gast auf seinem Zimmer. Ich sehe da schon lange keinen Sinn, dass Hotels so lange geschlossen wurden. Wahrscheinlich wollte man verhindern, dass Menschen reisen.“
Das Coronavirus hat auch psychisch Spuren hinterlassen. „Die letzten Wochen war ich wie gelähmt“, sagt Holzapfel. „Die Einnahmen sind richtig brutal weggebrochen. „Ich hab gestern die Monatsauswertung vom April gesehen – das ist zum Weinen.“ Holzapfel gehört eine der imposantesten Wohn-Immobilien am Gärtnerplatz, eine 200 Quadratmeter große Wohnung im zwölften Stock des Wohnturms „The Seven“. „Die haben wir jetzt vermietet, damit wenigstens a bisserl Geld reinkommt.“ Auch Spendlers Stimmung ist eher gedämpft. Ja, die Lockerungen würden helfen. „Aber für ein erfolgreiches Geschäftsjahr ist das keine Basis. Wir wissen auch nicht, was wir im Herbst machen sollen, wenn der Biergarten wegfällt.“ Ihre 38 Angestellten sind derzeit in Kurzarbeit.
Vielen helfen die Lockerungen noch weniger. Wellness-Hotels bleiben ihres Kerngeschäfts beraubt, denn Wellness, Sauna und Schwimmbecken sind weiter tabu. Die Therme Erding trifft es besonders. Seit der Eröffnung 1999 war sie nicht einen Tag geschlossen. Täglich kamen bis zu 11 000 Gäste. Seit Mitte März ist zu – und niemand weiß, wie lange noch. „Wir sind bei Herrn Söder wohl unter den Tisch gefallen“, sagt Prokurist Marcus Maier.
Jede Woche verliert die Therme nach eigenen Angaben knapp 750 000 Euro. Auch das Hotel mit 128 Zimmern steht leer. Für die Idee, das Hotel samt Wellenbad, exklusiv für Hotelgäste, zu öffnen, gibt es weiter keine Erlaubnis, die Hoffnung auf das Pfingstgeschäft ist damit dahin. Um nicht ganz untätig zu sein, wird die Therme gerade für über eine Million Euro saniert und erneuert. Denn irgendwann, so hofft Inhaber Jörg Wund, kommen auch wieder andere Zeiten.