Athen – Griechenland hängt wie kein anderes Land in Euro vom Tourismus ab. Im Vorjahr reisten 34 Millionen Urlauber aus dem Ausland nach Griechenland ein – eine historische Rekordmarke. Doch dieses Jahr ist alles anders: Mancher Grieche will nicht, dass auch nur ein Tourist das Land betritt. Wie eine Umfrage der staatlichen Universität von Makedonien ergab, erklärten 21 Prozent der Befragten auf die Frage „Soll Griechenland seine Grenzen in diesem Sommer für alle ausländischen Urlauber öffnen?“ mit einem kategorischen „Ich bin absolut dagegen“. Weitere 28,4 Prozent der Befragten gaben an, sie seien „dagegen“. Nur 4,3 Prozent der Griechen sagten, sie seien „absolut für“ eine Grenzöffnung für Touristen.
Auf die Frage, ob Touristen speziell aus Ländern mit wenigen registrierten Corona-Fällen nach Griechenland einreisen sollten, erklärten allerdings 31,9 Prozent der Befragten, sie fänden diese Corona-Strategie „richtig“.
Das Gros der Griechen fordert, dass auch selektive Grenzöffnungen an strenge Bedingungen geknüpft sein sollten. Konkret sprachen sich 93,7 Prozent der Befragten für strenge Kontrollen auf Covid-19 an den Flughäfen und an allen Landesgrenzen aus. Obendrein plädierten 74,2 Prozent der Befragten dafür, dass alle einreisenden Touristen eine Bestätigung darüber mit sich führen sollten, wonach sie Covid-frei seien (siehe Kasten oben).
Der Tourismussektor ist für das nach seinem Beinahe-Staatsbankrott im Frühjahr 2010 fast ununterbrochen im Krisenmodus befindliche Euro-Land der ultimative Wachstumsmotor. Die Reisebranche trug 2019 laut griechischem Touristikverband knapp ein Drittel zur jährlichen Wirtschaftsleistung bei. Davon entfielen 18,18 Milliarden Euro auf Direkterlöse. Nach dem Ausbruch der Corona-Krise droht dem Griechenland-Tourismus der totale Absturz. Trotz aller Einschränkungen hat Tourismusminister Charis Theocharis von der regierenden konservativen Nea Dimokratia konkrete Ideen entwickelt, wie der Strandurlaub in Hellas doch noch klappen könnte. Demnach sollen Gesundheitsprotokolle für die landesweit rund 10 000 Hotels sowie ferner für Yachthäfen, Flugzeuge und Reisebusse erstellt werden. Inzwischen steht auch fest, wann die diesjährige Saison losgehen wird. „Wir werden am 1. Juli den Tourismus für das Ausland öffnen“, sagte der griechische Staatsminister Georgios Gerapetritis.
Griechenland setzt dabei auf internationale Zusammenarbeit. Die Regierung erwartet, dass die EU-Kommission diese Woche einheitliche Regeln für Reisen in Europa ankündigt. „Die freie Bewegung ist eine der Grundlagen der EU und kann nicht länger ignoriert werden“, sagte gestern ein Regierungssprecher.
Hintergrund der Forderung ist, dass Griechenland eine Katastrophe in der Tourismusindustrie befürchtet, obwohl sich das Coronavirus im Vergleich zu anderen EU-Ländern viel weniger ausgebreitet hat. In dem traditionellen Urlaubsland gibt es gemessen an der Bevölkerung auch nur wenige Opfer im Zusammenhang mit dem Virus. Im Moment gibt es in Griechenland nur knapp über 2700 bestätigte Corona-Fälle und 151 gemeldete Tote.
Der Knackpunkt ist aber: Die sechs wichtigsten Herkunftsländer der Griechenland-Touristen waren 2019 Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, die USA und Russland. Bis auf Deutschland sind diese Länder erheblich bis stark von der Pandemie betroffen.
Für den Fall, dass die EU sich nicht auf einheitliche Regeln einigen wird, hat Athen nach Regierungsangaben Kontakte mit Israel, Zypern, Österreich, Australien, Bulgarien und anderen Staaten aufgenommen. Ziel ist es, auf bilateraler Ebene Regeln für Reisen auszuhandeln, damit der Fremdenverkehr wieder starten kann. So wie Griechenland haben auch diese Länder bislang wenige Corona-Fälle gehabt. mit dpa