Schweden: Fürs Umsteuern ist es zu spät

von Redaktion

Die Schweden leben in der Corona-Krise freier als der Rest Europas. Es gibt kaum Einschränkungen und die meisten Bürger haben trotz vieler Toter weiter Vertrauen in ihre Regierung. Auch Asa Westlund. Die dreifache Mutter sagt: „Ich finde es richtig, wie wir das machen.“

ANDRÉ ANWAR, KLAUS RIMPEL UND WOLFGANG HAUSKRECHT

Stockholm – Ein Morgen in Stockholm. Asa Westlund (47) sitzt mit ihrem Mann Erik (44) und den drei Kindern beim Frühstück. Es gibt Haferbrei und frisch gepressten Orangensaft. Dann gehen alle getrennte Wege. Die Kinder gehen in die Schule, Asa ins Büro, nur Erik macht Homeoffice. Denn der Jazzclub, den er betreibt, hat wegen Corona geschlossen. Bis zu 50 Besucher wären erlaubt, der Club fasst mehrere hundert. Zu groß.

Seit Beginn der Krise beschreitet Schweden einen Sonderweg. Fast alles ist erlaubt, alle Geschäfte haben offen, Schulen bis zur 9. Klasse, Kindergärten, Büros, Bars, Restaurants, Fitnessstudios, Büchereien, sogar einige Kinos. In den Altenheimen hingegen gilt ein Besuchsverbot.

Schweden setzt auf die Eigenverantwortung. Auch die Westlunds leben nicht so wie vor Corona. Wo es keine Verbote gibt, beschränken sie sich selbst. Nach dem Frühstück bringen Odd und Ingrid ihren kleinen Bruder Henning zur Schule, denn Eltern dürfen nicht mehr ins Gebäude. In der Schule sitzen „die Kinder fast wie eh und je zusammen“, erzählt die Mutter. Schweden folgt damit Studien, nach denen Kinder das Virus seltener übertragen als Erwachsene. In Deutschland gibt es aber auch Virologen, die das Gegenteil sagen. In der Schulmensa wird das Essen wegen des Virus verteilt, die Kinder müssen Abstände einhalten. Nur ab der 10. Klasse und an Hochschulen hat Schweden auf Fernunterricht umgestellt.

„Die Kinder sind froh, dass sie ihre Freunde treffen können, nach der Schule sind sie teils im Hort. Wir holen sie gegen 17.30 Uhr ab, manchmal kommen Freunde mit zum Spielen“, sagt Asa Westlund. Das entlastet sie, denn die H&M-Designerin hat gerade viel zu tun im Büro. „Anfänglich gab es einen Coronafall in der Schule. Wir mussten zwei Tage zuhause bleiben und Schulaufgaben mit allen dreien machen, da blieb kaum Zeit zum Arbeiten“, erzählt sie. Zur Arbeit fährt sie mit der U-Bahn. Weil viele freiwillig im Homeoffice sind, ist die „Tunnelbana“ derzeit so leer, dass jeder einen Vierersitz für sich allein findet. Mundschutz trägt kaum jemand, aber man hält Abstand. In den Restaurants darf man nicht mehr an der Bar stehen, die Tische werden auseinandergerückt, so gut es geht, manchmal mehr, manchmal weniger. Der Umsatz in der Gastronomie ist um mehr als die Hälfte eingebrochen. Immerhin ist auf.

Auch in Westlunds Abteilung sind die meisten im Homeoffice. „Im Büro sind überall Schilder, die ans Händewaschen und in die Armbeuge niesen erinnern“, sagt die Designerin. Die Familie ist insgesamt vorsichtig. „Wir gehen zu niemandem nach Hause, ich gehe nur einkaufen und auch da ist Abstand angesagt“, erklärt die Designerin. Ihr Mann sei sogar noch vorsichtiger, sagt sie und lacht. H&M hat gerade alle Mitarbeiter im Hauptquartier auf Corona getestet. „Ich hatte es leider noch nicht, keine Antikörper, das war etwas ernüchternd, ich dachte, dass ich schon krank war“, sagt die 47-Jährige.

Die schwedische Strategie ist auf schnelle Herdenimmunität ausgerichtet. Ein Weg, den Anders Tegnell, Chefepidemiologe der Regierung, eisern verteidigt. Getestet wird wenig, deshalb sagt auch die Infiziertenzahl wenig aus. Rund 27 300 wurden bisher offiziell gemeldet. Aber für Schwedens Metropole Stockholm sagen Untersuchungen, dass bis Anfang Mai schon ein Viertel der Einwohner Corona hatte und immun ist. „Leider wissen wir noch nicht viel darüber, ob das wirklich für Immunität sorgt“, sagt Thomas Schimke.

Schimke ist vor 14 Jahren aus Deutschland nach Schweden ausgewandert und Chefarzt der Krankenstation in Pajala, einem abgelegenen Ort in Lappland. Schimke steht dem schwedischen Sonderweg eher kritisch gegenüber. Auf einen anderen Kurs umzuschwenken, dafür sei es aber nun zu spät. Was ihn vor allem stört: „Es gibt anders als in Deutschland zu wenig Transparenz und zu wenig Kritik an den Gesundheitsbehörden. Die Bevölkerung glaubt, dass alles gut ist, und ist voll Vertrauen in ihren Staatsepidemiologen. Dass aber enorme Probleme bestehen in der Gesundheitsversorgung, wird nicht ausreichend öffentlich diskutiert.“

Nach schwedischen Angaben lag die Zahl der Intensivpatienten stets unter der Zahl der Beatmungsplätze. So musste ein in Stockholm errichtetes Feldlazarett nie geöffnet werden. o Aber manche Krankenhäuser sind überlastet, die Verteilung auf oft weit entfernte Kliniken ist nötig. In Pajala zum Beispiel gibt es nur einen Beatmungsplatz, weswegen mehrere Erkrankte in eine 300 Kilometer entfernte Spezialklinik gebracht werden mussten, wie Schimke berichtet. Wenn ausgewählt werden muss, wer sofort beatmet werden kann oder erst verlegt werden muss, treffe es die Risikopatienten: über 80-Jährige und über 60-Jährige mit relevanten Vorerkrankungen. Zudem, sagt der Arzt, fehle es an Narkosemitteln, Beatmungsschläuchen und qualifiziertem Personal.

Kritiker verweisen auf die hohe Zahl der Toten in Schweden. Über 3300 sind es bisher bei nur 10,2 Millionen Einwohnern. Das ist bezogen auf die Einwohner drei Mal mehr als in Deutschland und auch deutlich mehr als in den restriktiven Nachbarländern Dänemark und Norwegen, die gemeinsam weniger als 800 Tote haben. Schweden geht aber davon aus, dass es durch Herdenimmunität einer zweiten oder sogar dritten Welle entgeht, die dann in anderen Ländern wieder Todesopfer fordern.

Die hohe Zahl an Opfern dürfte mit einem Versagen in den Pflegeheimen zusammenhängen. Man habe es nicht geschafft, die Älteren hinreichend zu schützen, räumte Ministerpräsident Stefan Löfven jüngst ein. Einem Bericht der „Tagesschau“ zufolge waren über 2900 der schwedischen Corona-Opfer über 70 Jahre alt, die meisten sogar zwischen 80 und 90. Viele befanden sich in häuslicher oder stationärer Pflege. Dort fehlt es an Schutzkleidung und qualifiziertem Personal. In 541 Altenheimen gab es Corona-Tote. Eingeschleppt haben dürften das Virus Pfleger ganz am Anfang der Krise.

Umfragen zufolge steht eine große Mehrheit der Schweden hinter der Linie der Regierung – die Kritik aus dem Ausland kontert. „Wenn die Leute sagen, wir in Schweden machen ein Experiment mit unserem Sonderweg, würde ich antworten, dass es ein äußerst, äußerst kniffliges Experiment ist, die gesamte Bevölkerung eines Landes vier bis fünf Monate einzusperren“, sagte Johan Carlson, Chef der Gesundheitsbehörde. Man müsse auch bedenken, dass sich die Erkrankungs- und Sterblichkeitsrate für Menschen in gesundheitsschädlicher Isolation und mit wirtschaftlichen Problemen deutlich erhöhe.

Zustimmung kam zuletzt von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). „Schwedens Art zu reagieren kann ein zukünftiges Modell sein, wie man einer Pandemie begegnet“, sagte WHO-Nothilfedirektor Michael Ryan. Dass Schweden völlig unkontrolliert die Ausbreitung der Krankheit zulasse, sei weit von der Wahrheit entfernt.

Asa Westlund sagt, sie sei anfangs skeptisch gewesen, aber offenbar gehe es ohne Verbote. „Ich finde es richtig, wie wir das machen. Wenn es schlechter wird, können wir immer noch Verbote erlassen.“ Und: „Mit der Freiwilligkeit und dem Verantwortungsbewusstsein ist es natürlich so eine Sache, und das geht vielleicht nicht in allen Ländern gleich gut. Aber ich habe großes Vertrauen in unsere Gesundheitsbehörde.“

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