Von Ischgl zurück ins Leben

von Redaktion

seiner Rettung beteiligt.

VON ANDREAS BEEZ

München/Aying – In ganz Deutschland gehen immer mehr Menschen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen auf die Straße. Allein auf dem Münchner Marienplatz standen am letzten Samstag 3000 Demonstranten Schulter an Schulter – ohne Sicherheitsabstand und meist ohne Maske. Solche Bilder lassen Sebastian Vogl den Kopf schütteln. „Dafür habe ich kein Verständnis“, sagt der 52-jährige Ayinger und stellt nüchtern fest: „Wenn’s dumm läuft, liegst du so wie ich auf der Intensivstation und kämpfst um dein Leben.“

Anders als die meisten Verschwörungstheoretiker und Corona-Leugner weiß Vogl, wovon er spricht: Nach einem zunächst milden Verlauf verschlechterte sich sein Zustand binnen weniger Stunden so dramatisch, dass er direkt auf die Intensivstation der München Klinik Harlaching eingeliefert werden musste. Dort wurde er 30 Tage lang beamtet und mit allen Möglichkeiten behandelt, die die moderne Intensivmedizin zu bieten hat: „Ich war dem Tod näher als dem Leben – und das obwohl ich keine Vorerkrankungen hatte“, sagt der Handwerksmeister und Geschäftsführer einer Heizungs- und Sanitärfirma. Dass er sich so rasch erholt hat, verdankt Vogl auch den hoch spezialisierten Experten in der München Klinik. Unterm Strich waren über 100 Mitarbeiter an seiner Rettung beteiligt.

Vogls Geschichte beginnt in Ischgl. Dort ist er Stammgast. Bereits seit 15 Jahren verbringt Vogl seine Skiurlaube im Tiroler Paznauntal. Heuer rief der Ayinger einige Tage vor seiner Anreise am 7. März im Hotel an, erkundigte sich über die Corona-Lage. „Wir haben hier keinen einzigen Fall, mach’ dir bitte keine Sorgen“, bekam Vogl zur Antwort – und noch eine Beruhigungsmail des örtlichen Tourismusvereins zu sehen.

Wie sich später herauskristallisierte, war Ischgl einer der heißesten Corona-Hotspots in Europa. Auch Vogl infizierte sich dort. Es folgten 52 Tage in der Klinik. Von Ischgl zurück ins Leben – das ist die Chronologie:

Samstag, 7. März: Vogl kommt in Ischgl an. Am selben Tag wird bekannt, dass ein Barkeeper der Après-Skibar „Kitzloch“ positiv auf das Sars-CoV-2-Virus getestet worden ist – der erste bestätigte Fall in Ischgl.

Sonntag, 8. März: Die Bar wird desinfiziert, neues Personal eingesetzt. Die Skiurlauber feiern erst mal munter weiter.

Montag, 9. März: Das Kitzloch wird geschlossen, nachdem 16 Mitarbeiter und Kontaktpersonen positiv getestet worden sind.

Dienstag, 10. März: Vogl reist ab – einen Tag früher als geplant.

Mittwoch, 11. März: Zurück in Aying hat Vogl keine Symptome. Er ruft bei der Hotline seiner Krankenkasse an. Sie rät ihm zum Abwarten.

Donnerstag, 12. März: Vogl arbeitet im Büro. Am späteren Nachmittag spürt er erstmals leichte Erkältungssymptome, hat aber kein Fieber.

Freitag, 13. März: Er bleibt zu Hause, ruht sich aus.

Samstag, 14. März: Vogl ruft beim medizinischen Notdienst unter der Nummer 116 117 an.

Sonntag, 15. März: Ein Arzt kommt an Vogls Haustür und nimmt einen Rachenabstrich.

Mittwoch, 18. März: Vogl erfährt das positive Ergebnis, fühlt sich aber nicht sonderlich krank. „Auch zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, Covid-19 würde wie eine Erkältung an mir vorbei gehen“, sagt er heute.

Freitag, 20. März: Dem Corona-Patienten geht’s schlechter: „Ich musste ständig husten.“ Er telefoniert mit seiner Hausärztin. Sie verschreibt ihm ein Hustenmittel. Vogls Schwester Silvia besorgt das Medikament in der Apotheke.

Sonntag, 22. März: Vogl fühlt sich besser. „Gegen 22.30 Uhr habe ich meiner Schwester am Telefon gesagt, dass sie sich keine Sorgen machen soll“, sagt er.

Montag, 23. März: Zwischen 7.30 und 9.30 Uhr versucht Silvia mehrfach, Sebastian zu erreichen. Doch er reagiert weder auf Anrufe noch auf WhatsApp-Nachrichten. Seine Schwester ruft den gemeinsamen Bruder Anton zu Hilfe. Der Schreiner holt aus seiner Werkstatt einen Asbest-Schutzanzug, sperrt mit einem Zweitschlüssel Sebastians Wohnung auf. Er findet seinen Bruder apathisch im Bett. Er ist kaum ansprechbar, reagiert nur noch auf lautes Schreien. Die Geschwister alarmieren den Sanka.

Die Rettungssanitäter packen Vogl auf einen Stuhl, um ihn die enge Wendeltreppe aus dem Schlafzimmer im Dachgeschoss hinunter zum Sanka zu tragen. Jetzt zählt jede Minute, denn Vogls Sauerstoffsättigung im Blut liegt nur noch bei lebensgefährlich niedrigen 55 Prozent. In der München Klinik Harlaching kommt Vogl direkt auf die Intensivstation.

„Wir mussten ihn sofort beatmen“, erinnert sich Chefarzt Professor Dr. Joachim Meyer und erklärt den Hintergrund: „Es ist typisch für schwere Covid-19-Verläufe, dass die Patienten anfangs gar nicht merken, dass sie zu wenig Sauerstoff im Blut haben. Sie versuchen dann oft unbewusst, dieses Defizit durch vermehrtes Atmen auszugleichen. Irgendwann wird der Sauerstoffanteil aber so niedrig, dass die Patienten akute Luftnot bekommen.“ Diese Sauerstoffarmut nennt man Hypoxämie.

Dienstag, 24. März: Vogl wird weiter beatmet – am Ende 30 Tage lang. Nach Komplikationen muss er an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden.

Sonntag, 12. April: Jeden Tag kümmern sich insgesamt über 20 Mitarbeiter um Vogl. Immer wieder wird er vorübergehend in Bauchlage gedreht, um die Sauerstoffaufnahme zu verbessern. Allein für diese Lagerungsmanöver braucht man ein vier- bis fünfköpfiges Team.

Donnerstag, 23. April: Gemeinsam gelingt es drei Therapeuten, Vogl – weiterhin mit voller Beatmungstechnik ausgestattet – aus dem Bett zu heben und an einen Gehwagen zu stellen. Sie schaffen eine Strecke von sechs Metern. In den nächsten Tagen wird auf 16 Meter gesteigert, dann auf 32. „Wie kämpfen um jeden einzelnen Meter“, sagt Reha-Chefin Dr. Kinga Petery. „Den geschwächten Patienten verlangt das Höchstleistung ab.“

Freitag, 24. April: Vogl atmet wieder selbstständig.

Mittwoch, 6. Mai: Vogl darf auf die „normale“ Pandemie-Station umziehen.

Donnerstag, 7. Mai: Erstmals kann Vogl wieder ohne fremde Hilfe mehrere Schritte gehen. „Das war für mich ein bewegender Moment.“ Vogl wird nach 52 Tagen wieder aus der Klinik entlassen. Doch noch hat er Corona nicht hinter sich gelassen. Am Montag beginnt seine Reha. „Ich hoffe, dass ich bis Ende des Jahres gesundheitlich voll auf dem Posten bin“, sagt er.

Nächsten Winter möchte er wieder Skifahren. Aber jetzt ist der Handwerksmeister erst mal froh, wieder auf den Beinen zu sein.

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