Geretsried – Kurz vor Weihnachten treffen die Einwohner in Pusztavám eine schwere Entscheidung. Es ist Dezember 1944, die russische Armee kommt immer näher, die Schreckensgeschichten sind schon da. Die Dorfbewohner packen ihre Habseligkeiten, mit 31 Pferdegespannen mit 73 Personen machen sie sich auf den Weg ins Ungewisse, die Tiere bleiben ungemolken im Stall, der Hofhund bleibt an der Grundstücksgrenze stehen. Viele glauben, sie kämen bald wieder zurück.
Anni Hahns Vater Franz Stammler ist damals 46 Jahre alt, er führt den Tross an als kommissarischer Bürgermeister. Seine Tochter darf in den Kriegswirren nicht mit, sie wird mit zwei anderen Mädchen evakuiert, „Kinder Land-Verschickung“ heißt das damals. Insgesamt dürften damals etwa 600 bis 800 Personen in vier Transporten aus Pusztavám Richtung Westen geflohen sein. Die Eltern kommen mit Pferd und Wagen bis Zillingdorf in Österreich und dann per Zug nach München. Es ist eine dramatische Reise über einen ganzen Monat. Bei Fliegeralarm stürmen alle aus dem Zug und verstecken sich im Wald, nur von den Baumwipfeln geschützt vor den Bomben. Durch Bestechung mit Speck, Tabak und Wein kommen sie später mit einer Lok einen Tag vor einer Bombardierung Münchens aus dem Hauptbahnhof. Sie fahren am 7. Januar 1945 bis Beuerberg im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen, acht Kilometer von Geretsried entfernt. „Durch einen Zufall finde ich meine Eltern wieder“, sagt Anni Hahn heute, als sie die Geschichte der Familie erzählt. Handy oder Telefon gibt es nicht, aber Anni schreibt Feldpost mit ihrem Bruder. Denn die Elfjährige weiß, dass der in der Offiziersschule in Mecklenburg stationiert sein muss. Die Eltern machen das Gleiche, sodass Eltern und Tochter über dieses Dreieck ihre Adressen herausfinden. Franz Stammler fährt los, holt Anni und führt viele weitere Familien zusammen. Anni sieht ihre Mutter am 1. März 1945 in Beuerberg nach drei Monaten wieder. „Es war die größte Freude meines Lebens“, sagt sie, „da war mir alles wurscht.“
Zuerst wohnt Familie Stammler in einem Zimmer bei einer älteren Frau, das Verhältnis ist aber gut, sie dürfen mit in die Stube. Im Herbst 1946 zieht die Familie ein Stück weiter ins Gut Schwaigwall, Franz Stammler hat dort im Wohnzimmer auch Platz für seine Schuhmacher-Werkstatt. Die Familie lernt auch viele Geretsrieder kennen, die seit 1946 vor allem in Baracken im Lager Buchberg bei Geretsried wohnen. 1949 zieht Familie Stammler nach Geretsried und baut einen Bunker aus, der zuvor von den Amerikanern demontiert worden war. Geretsried wird zur Heimat. dor