Die wahren Helden der Berge

von Redaktion

VON KLAUS MERGEL

August 1957: Das Wunder von Grindelwald – die erste Lebendrettung an der Eiger-Nordwand

Bis heute hat sie über 70 Menschenleben gefordert. „Mordwand“ nennt man deshalb die 1800 Meter hohe, fast senkrechte Hohlkehle, die zum 3967 Meter hohen Gipfel des Schweizer Eiger führt. 1957 kommt es zu einem Drama. Die Italiener Claudio Corti und Stefano Longhi bilden mit den Deutschen Günther Nothdurft und Franz Mayer eine Seilschaft. Doch Longhi stürzt ins Seil, Corti trifft ein Stein. Hier beginnt die Geschichte der ersten Lebendrettung an der Eiger-Nord – durch die Bergwacht Bayern.

Am 9. August hört der Münchner Bergwacht-Pionier Wiggerl Gramminger im Radio die Meldung: Vier Bergsteiger an der Nordwand verunglückt – Rettung unmöglich. Gramminger ruft Kameraden an. Darunter Hermann Huber. Huber, heute 89, ist kein Bergwachtler – aber einer der besten Bergsteiger der Region. „Der Wiggerl sagte: Das kann nicht sein, das probieren wir“, erinnert sich Huber. Die Bayern machen sich am selben Tag im VW-Bus auf den Weg, im Gepäck 500 Meter Stahlseil und eine Seilwinde. In Grindelwald schließen sich weitere Helfer an: aus Italien, Frankreich, Holland, Polen. Darunter die Top-Alpinisten Lionel Terray und Riccardo Cassin. „Es war beeindruckend, dass spontan eine internationale Rettungsmannschaft entstand“, erzählt Huber, einer der letzten Überlebenden der Rettergruppe.

Sie steigen über den Westgrat auf. „Gemeines Absturzgelände, nicht gut, wenn du im Rucksack eine Trommel Stahlseil hast.“ Es schneit und regnet, als man ein Biwak bezieht. Am nächsten Morgen reißt das Wetter auf – nun heißt es schnell handeln. Sie verankern die Seilwinde. Der Münchner Alfred Hellepart lässt sich über 300 Meter im von Wiggerl Gramminger entwickelten „Grammingersitz“ hinab. Über Hellepart sagt Huber: „Ein körperlich unglaublich starker Kerl.“

Hellepart erreicht Corti, nimmt ihn Huckepack. Oben ist jeder Muskel gefragt. „Wir haben angezogen wie die Ochsen“, sagt Huber. Zwei Leben hängen an einem sechs Millimeter starken Stahlseil. Es gelingt. Oben fragt Corti als Erstes nach einer Zigarette und Essen. „Ein Wunder, dass der noch gelebt hat.“

Bei Longhi dreht sich das Glück. Der Franzose Terray versucht, ihn zu bergen. Doch das Funkgerät versagt – und das Wetter kippt. Terray erreicht Longhi nicht, von den beiden Deutschen fehlt jede Spur. Die Retter brechen ab. Corti wird vom bärenstarken Terray getragen, teils im Trageschlitten über die Felsen gezogen. „Es war eine Schinderei“, sagt Huber. Eine zweite eiskalte Nacht im Biwak folgt – in dieser Nacht, da ist man sich heute sicher, erfriert Longhi, den Huber oben noch gesehen hatte. Als makabres Fanal hängt er noch zwei Jahre in der Wand – deutlich erkennbar an seinem roten Pullover. Nothdurft und Mayer werden erst 1961 in der Westflanke der Wand gefunden.

Juli 1971: Restrisiko in der Ostwand – Rettung am Watzmann

Am 23. Juli 1971 steigen bei Sonnenschein zwei Einheimische in die Watzmann-Ostwand. „Erfahrene Bergsteiger, keine Leichtsinnskandidaten“, sagt Berti Kastner, 85. Der frühere Polizeibergführer war an ihrer Rettung beteiligt: eine der schwierigsten Aktionen in seinen 65 Jahren Bergwacht. Wetterereignisse kommen meist von Westen, sind in der steilen Ostwand nicht zu erkennen. „Außerdem ist die Orientierung in der Wand sehr schwierig.“

Am Nachmittag geraten die Alpinisten auf 2500 Meter in einen Steinschlag. Einer stürzt zehn Meter ab, erleidet einen offenen Beinbruch. Sein Seilgefährte kann ihn halten – aber keine Hilfe holen. Zum Glück kommt Minuten später der Bergführer Albert Steinbacher mit zwei anderen zur Unfallstelle, versorgt den Verletzen, schickt seine Begleiter zur Biwakschachtel 500 Meter tiefer. Aber alle Hilferufe bleiben ungehört – „und Handy gab es ja noch nicht“, sagt Kastner. Der Bergführer verbringt die Nacht bei dem Verletzten. „Unglaublich, was der Mann geleistet hat.“

Erst am nächsten Morgen kann der Seilgefährte zur Wimbachgrieshütte absteigen und die Bergwacht alarmieren. Die Hubschrauber-Crew ist machtlos. Schlechte Thermik. Die Männer werden auf 2000 Meter in die Wand abgeseilt, müssen mit schwerem Rettungsgerät noch 250 Meter aufsteigen. Der Verletzte soll in der Gebirgstrage abgeseilt werden. Kastner erinnert sich: „Es war nicht klar, ob das so funktioniert. Die anderen mussten absteigen und aufpassen, dass die Last – der Verletzte und ein Bergwachtler – nicht hängen bleibt.“ Doch es gelingt.

Auch das Wetter spielt jetzt mit. Der Pilot kann den Mann mit der Winde hochziehen. Die Retter selbst haben weniger Glück: Ein schweres Gewitter kommt auf. Die Wand verwandelt sich in einen Sturzbach mit Steinschlag, mehrere werden leicht verletzt. Doch eine halbe Stunde später reißt der Himmel auf und der Hubschrauber kann sie abholen. „Da waren wir froh“, sagt Kastner heute, „das wären noch einmal sechs Stunden Abstieg mit schwerem Gepäck gewesen.“

Juli 2005: Höhenkrank am Jubiläumsgrat – Rettung an der Zugspitze

Es ist wohl eine folgenschwere Verwechslung: Zwei Frauen und drei Männer aus Tschechien halten den hochalpinen Jubiläumsgrat bei der Zugspitze für den eher leichten Jubiläumsweg im Allgäu. Die Tour überfordert sie. Am 4. Juli 2005 schlägt zudem das Wetter um: Nach zwei Tagen und einer Nacht in der Biwakschachtel kommt die Gruppe mit ihren schweren Rucksäcken in Neuschnee. Einer verletzt sich am Bein, nichts geht mehr. Gegen 20 Uhr setzen sie einen Notruf ab.

Die Bergwacht will sie aus der Luft holen. Armin Berner, Anästhesist am Klinikum Garmisch, sitzt mit im Hubschrauber. „Der Pilot sagte: Tut mir leid, geht nicht bei dem Wetter“, erinnert sich der 53-Jährige. Also eine Rettung zu Fuß. Man ist mit den Tschechen per Handy in Kontakt. Doch die Verständigung ist schwierig, nur einer spricht gebrochen Deutsch.

So machen sich am nächsten Morgen vier Bergsteiger der Bergwacht auf den Weg – und werden von den Tschechen jubelnd empfangen. Man versucht, alle auf einmal mitzunehmen. Acht weitere Bergwachtler, darunter zwei Ärzte, kommen als Verstärkung. „Doch der Euphorie folgte die Erschöpfung“, sagt Berner. Über den Klettersteig der Vollkarspitze geht es noch, beim Abstieg ins Grieskar ist dann Schluss: Ein Tscheche ist nicht mehr ansprechbar. „Wir versuchten, ihm Tee einzuflößen. Überlegten sogar, eine Infusion zu legen. Ich dachte mir: Der Mann liegt im Sterben“, sagt Berner. Doch sie haben Glück: Nach eineinhalb Stunden tut sich ein helles Wetterauge auf – der Hubschrauber kann starten. Der Patient wird per Winde transportiert.

Auch die anderen vier können geholt werden. Im Krankenhaus stellt sich heraus: Der Mann war höhenkrank und hatte ein Höhenlungenödem. Berner: „Das ist in unseren Breiten selten.“ Durch die Gabe von Sauerstoff erholt er sich wieder. Berner erinnert sich an die Rettung auch wegen der Gruppenleistung gerne. Denn wenn ein Einziger nicht mehr kann, betrifft das alle: „Es ist nicht selten, dass alle zu langsam werden – und eine ganze Gruppe sterben kann.“

Dezember 2019: Mehr Glück als Verstand – Rettung aus dem Sperrbachtobel

Luggi Lacher aus Oberstdorf hatte sich am 12. Dezember 2019, einem Donnerstag, auf eine ruhige Woche gefreut. „Der Sommer war vorbei, für Winterbergsteiger war es zu früh“, sagt der 63-Jährige. Doch dann folgte ein Einsatz, wie ihn Lacher in 40 Jahren als Bergwacht-Einsatzleiter noch nicht erlebt hatte: Ein 33-Jähriger unterschätzt den Weg zur Kemptner Hütte. Er übernachtet in einer Kapelle, geht weiter. Irgendwann steckt er im Schneetreiben im Sperrbachtobel fest. Er schickt eine SMS an seine Frau, die sie auch erreicht. „Glück gehabt“, sagt Lacher, „da gibt es sonst kein Netz.“

Das Sperrbachtobel ist eine 50 Meter breite Schlucht, deren Flanken bis 2000 Meter hoch reichen. „Wenn Schnee abgeht, gibt es keine Fluchtmöglichkeit“, erklärt Lacher. Per Hubschrauber fliegen die Retter zum Tobel, folgen fast verwehten Fußspuren, entdecken ein Taschenlampenlicht. Doch Gelände und Wetter lassen keine Bergung zu. Zudem verläuft oben eine Materialseilbahn, was es noch gefährlicher macht. Der Helikopter dreht ab und die Männer beraten sich.

Gegen zwei Uhr nachts kommen sie wieder: mit einem Hubschrauber aus Liechtenstein, der den Bedingungen besser gewachsen ist. An einem Seil, 350 Meter lang, lassen sie dem Mann einen Rucksack hinab: warme Kleidung, Verpflegung, Klettergurt, Karte, Funkgerät. Nun können sie kommunizieren. Sie schicken den 33-Jährigen zu einer Höhle 200 Meter talwärts – was er auch schafft.

Um acht Uhr startet der Hubschrauber. Doch im Tobel ist ein Föhnsturm – Lawinengefahr! Und: „Als ich mich zu ihm abseile, stelle ich fest: Der hat den Klettergurt falsch angelegt“, sagt Lacher. Wieder dauert es. Doch nach mehreren Versuchen klappt es. Der Verunglückte ist erschöpft und unterkühlt, aber unverletzt. Lacher. „Vier Stunden später schlug das Wetter um, da wäre eine Rettung unmöglich gewesen.“ „Eine irrsinnig gute Mannschaft und eine Riesenportion Glück“ hätten dem Mann das Leben gerettet. Und das an einem Freitag, den 13.

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