München – Sie kommt spät, aber sie kommt. Seit gestern Abend steht die Corona-Warn-App des Bundes zum kostenlosen Herunterladen für alle Smartphone-Besitzer bereit. Wir beantworten die zehn wichtigsten Fragen.
1. Wie funktioniert die Corona-App?
Smartphones, auf denen die App installiert ist, messen per Bluetooth-Funk kontinuierlich und automatisch ihren Abstand voneinander – zum Beispiel in der S-Bahn oder im Restaurant. Wenn sich zwei Handys, und damit ihre Besitzer, mindestens 15 Minuten lang auf zwei Meter oder weniger annähern, wird diese potenziell ansteckende Begegnung in einem „Kontakttagebuch“ auf den Smartphones gespeichert. Die Handys verwenden hierfür anonymisierte Nummern, die keinen Rückschluss auf die Besitzer zulassen. Wer in Kontakt mit einer Person gekommen ist, die positiv auf Covid-19 getestet wurde, wird per Smartphone-Alarm gewarnt – und kann sich dann selbst testen lassen und vorsorglich in Quarantäne gehen. Das soll weitere Ansteckungen verhindern.
2. Läuft die Corona-App auf meinem Smartphone?
Die App funktioniert auf praktisch allen Smartphones, die seit 2015 verkauft wurden. Mindestvoraussetzungen sind iPhone 6S und iPhone SE oder bei Samsung & Co. die Software-Version Android 6. Der Download erfolgt über die gewohnten App Stores von Apple und Android.
3. Wie wird meine Privatsphäre geschützt?
Nach langem Streit hat sich die Politik für eine dezentrale und damit datenschutzfreundliche Lösung entschieden. Die Daten werden nicht zentral auf einem Server gespeichert, der sich potenziell knacken lässt. Stattdessen bleiben sie auf den Smartphones der Nutzer. Der TÜV hätte sich vor dem Start allerdings mehr Zeit für seine Prüfung gewünscht, die nun nur eine Woche gedauert hat.
4. Wie werden Ansteckungen gemeldet?
Wer positiv getestet wird, bekommt vom Labor einen QR-Code. Oder er erhält von einer Hotline der Telekom eine Tan-Nummer. Mit Code oder Nummer meldet der oder die Infizierte in der Corona-App die Ansteckung. Die App verschickt an alle Nutzer regelmäßig die anonymen Daten der positiv getesteten Personen. Wer in seinem Kontakttagebuch die Begegnung mit so einer Person gespeichert hat, wird alarmiert. Alle Beteiligten bleiben dabei komplett anonym.
5. Wird der Handy-Akku mit der Corona-App schneller leer?
Das kann passieren, soll aber nicht passieren. Weil Apple und Google die Schnittstelle programmiert haben, läuft die App im Hintergrund, ohne dass sie überhaupt geöffnet ist. So soll sie die Akku-Laufzeit nicht beeinträchtigen. Falls doch, wollen die Entwickler dieses Problem in den nächsten Wochen mit Aktualisierungen lösen.
6. Wie zuverlässig ist die App?
Bluetooth ist eigentlich nicht dafür gedacht, permanent Distanzen zwischen Smartphones zu messen. Außerdem können zum Beispiel Glasscheiben zwischen zwei Handys die Resultate verfälschen. Die Ergebnisse sind also nicht exakt – dürften aber im Alltag brauchbare Werte liefern. Generell, so Informatik-Professor Stefan Brunthaler von der Bundeswehr-Universität München, soll die App „im Ernstfall besser zu viele Personen von einem potenziellen Infekt benachrichtigen als zu wenige“.
7. Wie viele Menschen sollten die App installieren?
60 Prozent der Bevölkerung sollten die App nutzen, damit sie die Gefahr von Ansteckungen wirklich reduziert. Auf solche Traumquoten kommt sonst nur WhatsApp. Laut Uni Oxford helfen aber auch schon niedrigere Werte: „Selbst dann gehen wir davon aus, dass die Zahl der Infektionen und Todesfälle sinkt.“ Weil die App eigentlich zwei Monate zu spät kommt, hat Gesundheitsminister Jens Spahn die Erwartungen zurückgeschraubt: „Wenn wir in den kommenden Wochen einige Millionen Bürger von der App überzeugen, bin ich schon zufrieden.“ Wichtig: Wer die Corona-Warn-App installiert hat und Bedenken bekommt, kann sie wie jede andere App wieder löschen.
8. Was hat die App gekostet?
Die Entwicklung bei Telekom und SAP sowie die wissenschaftliche Begleitung haben die Kosten auf bisher 20 Millionen Euro getrieben. Dazu kommen 2,5 bis 3,5 Millionen Euro monatlich für den Betrieb. 20 Millionen Euro würden bedeuten, dass drei Monate lang rund 500 Entwickler mit einem Jahresgehalt von jeweils 150 000 Euro an der App geschraubt haben. So ein extrem hoher Aufwand ist aber kaum realistisch. Ob und wo hier Geld versickert ist, könnte noch zur spannenden Frage werden.
9. Kann die App durchs Hintertürchen doch Pflicht werden?
Die Politik beteuert, dass die Nutzung freiwillig ist und bleibt (siehe Artikel unten) – auch im Fall einer zweiten Infektionswelle. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber warnt davor, Kunden nur zu akzeptieren, wenn sie die App installiert haben: „Ich kann Inhaber von Geschäften oder öffentlichen Verkehrsmitteln nur dringend warnen: Versucht es erst gar nicht!“
10. Und was ist mit Menschen, die kein Smartphone haben?
Sie sollen indirekt profitieren. Denn wenn Millionen die App installieren, schützt das schlussendlich die gesamte Bevölkerung.