657 Infizierte in Schlachtbetrieb

von Redaktion

Fleischfabrik Tönnies geschlossen – Schulen und Kitas machen vorsorglich zu

Rheda-Wiedenbrück – Der Corona-Ausbruch beim Fleischfabrikanten Tönnies in Rheda-Wiedenbrück in Nordrhein-Westfalen hat sich ausgeweitet. Mindestens 657 Mitarbeiter sind mit Sars-CoV-2 infiziert. Die Produktion in dem Schlacht- und Zerlegebetrieb wurde vorerst eingestellt. Die Folgen gehen aber über die Fabrik hinaus. Der Kreis Gütersloh schließt Schulen und Kindertagesstätten und stellt gut 7000 Menschen unter Quarantäne.

Das Familienunternehmen ist Deutschlands größter Schlachtbetrieb für Schweine. Geführt wird es von Clemens Tönnies und seinem Neffen Robert. Clemens Tönnies ist auch wegen seiner Arbeit beim Fußball-Bundesligisten Schalke 04 bekannt. Der 64-Jährige ist dort Vorsitzender des Aufsichtsrats.

Seit Anfang der Woche hatte sich die Zahl der Infizierten in dem Betrieb ständig erhöht. Gestern verfügte Sven-Georg Adenauer (CDU), Landrat des Kreises Gütersloh, deshalb die Schließung. Er geht davon aus, dass der Produktionsstopp zwischen zehn und 14 Tagen dauern wird.

Als mutmaßliche Gründe für die Infektionen nannte das Unternehmen die Rückkehr von Arbeitern aus Heimaturlauben sowie die Kühlung. Gekühlte Räume beförderten offenbar das Übertragen des Virus auf viele Personen, sagte Tönnies-Vertreter Gereon Schulze Althoff. Viele der häufig aus Rumänien und Bulgarien stammenden Beschäftigten hätten die langen Wochenenden für einen Heimaturlaub genutzt. „Wenn ein oder zwei oder auch fünf eine Infektion mitbringen und die dann zum falschen Moment am falschen Platz sind und diese Infektion verbreiten, kann das dazu führen, dass man damit einen Herd ausgebildet hat.“

Laut Landrat Adenauer wurden 1050 Tests gemacht, wobei bis gestern Abend mehr als 650 positiv ausgefallen waren. Weitere Befunde stünden aus. Der Test besage aber nicht, dass die Betroffenen aktuell noch erkrankt und ansteckend seien.

„Wir können uns nur entschuldigen“, sagte Tönnies-Sprecher Andre Vielstädte gestern. Man habe „intensiv“ daran gearbeitet, das Virus „aus dem Betrieb zu halten“. Dem Unternehmen zufolge ist noch nicht ganz klar, ob es einen oder mehrere Infektionsherde gebe.

Als Folge des Ausbruchs schließt der Kreis Gütersloh alle Schulen und Kitas bis zu den nordrhein-westfälischen Sommerferien, die am 29. Juni beginnen. Dadurch soll eine Ausbreitung vermieden werden. Unter den Tönnies-Beschäftigten seien viele Eltern von Schulkindern.

Zudem wurden 7000 Menschen unter Quarantäne gestellt. Betroffen seien alle Personen, die auf dem Werksgelände gearbeitet hätten, sagte der Landrat. Einen allgemeinen Lockdown für den Kreis gebe es nicht, obwohl die wichtige Marke von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in sieben Tagen deutlich überschritten sei.

Durch die Schließung fehlen laut Adenauer 20 Prozent der Fleischprodukte auf dem deutschen Markt. Auch die Schweinezüchter seien durch den Stopp des Schlachtbetriebs vor Probleme gestellt, weil ihre Schweine so gezüchtet werden, dass sie zu einem bestimmten Termin schlachtreif seien. Die Tönnies-Gruppe bemüht sich nach eigenen Angaben, an anderen Standorten die Produktion zu steigern.

Politiker von Grünen und SPD kritisierten erneut die Zustände in der Fleischindustrie. „Die Gesundheit der Beschäftigten wird für die Profite der Fleischbarone aufs Spiel gesetzt“, erklärte der Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. SPD-Fraktionsvize Katja Mast nannte es „schlimm, dass es jetzt schon wieder einen so massiven Ausbruch gibt“. Es dürfe nicht sein, „dass lokale Lockerungen durch die Pandemieherde in der Fleischindustrie wieder gefährdet werden“.

Derweil stellte das Land Nordrhein-Westfalen laut einem Bericht des „Kölner Stadt-Anzeigers“ bei Überprüfungen katastrophale Mängel in den Unterkünften von Mitarbeitern in der Fleischindustrie fest. Das Blatt berief sich auf Daten des NRW-Arbeitsministeriums. Grundlage sind demnach Überprüfungen von landesweit 650 Sammelunterkünften und Werkswohnungen, in denen über 5300 Menschen leben. dpa/afp

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