Langen/München – Das Rennen um einen Impfstoff, der vor einer Infektion mit dem Erreger Sars-CoV-2 schützt, ist in vollem Gange. Jetzt schließt mit dem Tübinger Pharmahersteller CureVac ein zweiter Kandidat aus Deutschland zur Weltspitze auf – nach dem Mainzer Unternehmen Biontech, das bereits Ende April eine Zulassung für klinische Tests bekommen hat.
„Es ermutigt uns, dass wir von den Behörden grünes Licht erhalten haben und diese klinische Studie mit unserem Covid-19-Kandidaten starten können“, sagte Dr. Franz-Werner Haas, Vorstandsvorsitzender des Unternehmens. Mit der Behörde ist das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gemeint, das in Deutschland für die Zulassung von Impfstoffen zuständig ist – und gerade im Eiltempo arbeitet. Nur 14 Tage habe es vom eingereichten Antrag bis zur Zulassung gedauert, sagte PEI-Präsident Klaus Cichutek.
Überhaupt geht bei Sars-CoV-2 alles schneller als man das sonst von der Impfstoff-Entwicklung kennt (siehe Grafik). Erst im Januar hatte man bei CureVac mit der Suche nach einem geeigneten „Antigen“ begonnen, also einem Eiweiß, das eine schützende Immunreaktion im Körper erzeugt. Noch im Juni, nur ein halbes Jahr später, soll eine Phase-1-Studie mit gesunden Probanden starten. Zum Einsatz kommt ein Impfstoff-Kandidat auf Basis von „mRNA“, einem biologischen Botenmolekül. Darin steckt die Bauanleitung für das „Spike-Protein“ des Virus. Das dient dem Erreger als eine Art Türöffner, um in menschliche Zellen einzudringen. Nach der mRNA-Impfung soll der Körper dieses fremde Protein selbst herstellen – und so eine Immunreaktion auslösen. Klappt das, bildet das Abwehrsystem Abwehrzellen und vor allem „neutralisierende“ Antikörper. Sie sollen das Virus unschädlich machen – und so vor einer Infektion schützen.
In Tierversuchen mit Mäusen ist es offenbar gelungen, eine solche Immunantwort zu erzeugen. Diese sei „sehr ausgewogen und einer natürlichen sehr ähnlich“ gewesen, erklärt Dr. Mariola Fotin-Mleczek, für Technologie zuständiges Vorstandsmitglied von CureVac. Man habe die RNA so optimieren können, dass geringe Mengen für eine starke Immunantwort ausreichen – ohne Wirkverstärker.
Wie wirksam und sicher der Impfstoff ist, soll jetzt an gesunden Freiwilligen geprüft werden. Insgesamt sollen 168 Probanden im Alter von 18 bis 60 Jahren an der Studie teilnehmen. 144 von ihnen erhalten den echten Impfstoff in verschiedenen Dosierungen. 24 Probanden wird ein wirkstofffreier Placebo-Impfstoff gespritzt – sie dienen als Kontrollgruppe.
Diese Tests werden in vier Zentren durchgeführt. Dazu gehören CureVac zufolge neben dem Institut für Tropenmedizin in Tübingen, der Medizinischen Hochschule Hannover und dem Uniklinikum im belgischen Gent auch das Tropeninsitut des Klinikums der Münchner Ludwig-Maximilians Universität (LMU).
Haas setzt darauf, dass bereits im September oder Oktober „auswertbare Daten“ vorliegen – und sich sofort eine Phase-2-Studie mit mehr Probanden anschließt. Er hofft auf eine Marktzulassung des Impfstoffs bis Mitte nächsten Jahres. Der könnte schnell in Massen hergestellt werden: Aktuell werde eine weitere Produktionseinheit in Tübingen gebaut, gefördert durch ein Darlehen der EU-Kommission in Höhe von 75 Millionen Euro. Erst am Montag hatte das Wirtschaftsministerium bekannt gegeben, sich mit 300 Millionen Euro an CureVac zu beteiligen und rund 23 Prozent der Anteile zu übernehmen. Man wolle es so auch gegen eine mögliche Übernahme aus dem Ausland absichern, auf Geschäftsentscheidungen aber keinen Einfluss nehmen. (mit Material von dpa)