Oxford – Nach erfolgversprechenden Ergebnissen zum Einsatz des Entzündungshemmers Dexamethason bei schweren Corona-Verläufen warnen Experten vor verfrühter Euphorie. Eine echte Einschätzung sei erst möglich, wenn die Originaldaten ausführlich gesichtet seien, sagte Maria Vehreschild, Leiterin der Infektiologie am Universitätsklinikum der Goethe-Universität Frankfurt. Prof. Michael Pfeifer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, warnt zudem davor, Dexamethason vorbeugend einnehmen.
Vorläufige Ergebnisse der „Recovery“-Studie weisen darauf hin, dass die Sterberate bei Patienten, die künstlich beatmet werden und Dexamethason bekommen, um ein Drittel sinken könnte. Die Daten sind allerdings bisher weder veröffentlicht noch von anderen Experten begutachtet. Die Universität Oxford hatte das lediglich in einer Mitteilung verkündet.
Zu bedenken sei unter anderem, dass Dexamethason die Immunantwort gegen das Virus bremst und so dazu führen könnte, dass das Virus langsamer eliminiert wird, sagte Bernd Salzberger, Bereichsleiter Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Laut Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie am München Klinik Schwabing, müsse auch geprüft werden, inwieweit die Wirkung von Dexamethason bei Covid-19-Patienten mit schweren Infektionen anderer Art – sogenannten Superinfektionen – erkauft werde. Dexamethason gehört zu den Glucocorticoiden, zu denen etwa auch Kortison zählt. Der Wirkstoff wird seit mehr als 50 Jahren eingesetzt. Die Ergebnisse der „Recovery“-Studie weisen darauf hin, dass im Mittel von je acht schwerkranken Covid-19-Patienten ein Todesfall verhindert werden könnte.
Das Medikament als Schutz vorsorglich zu nehmen, mache keinen Sinn, warnte Pfeifer. Dexamethason sei ein hochpotentes Kortison, das die Körperabwehr schwäche und damit den Körper generell anfälliger für Infektionen mache. dpa