Ein letzter Besuch beim geliebten Bruder

von Redaktion

VON CLAUDIA MÖLLERS

Regensburg – Als Benedikt XVI. gestern Nachmittag kurz das Haus seines Bruders in Regensburg verließ, „strahlte er über das ganze Gesicht“, berichtet Clemens Neck, Pressesprecher des Bistums Regensburg. Ein lächelnder Papa emeritus trotz der traurigen Nachricht vom besorgniserregenden Gesundheitszustand seines geliebten, drei Jahre älteren Bruders Georg? „Es war schlicht die Tatsache, dass sich die beiden Brüder wiedergesehen haben“, erklärt Neck. „Es ist eine Herzensangelegenheit der beiden Brüder.“

Still und heimlich war der ebenfalls gesundheitlich stark beeinträchtigte frühere Papst um 11.57 Uhr mit einer gecharterten Privatmaschine auf dem Flughafen München gelandet. Auch der Flughafen war nicht über den prominenten Besuch informiert worden. Begleitet wird der 93-Jährige von seinem Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein, seinem Arzt, einem Pfleger und einer Ordensfrau.

Am Tag zuvor hatte das Regensburger Ordinariat erfahren, dass Benedikt XVI. die strapaziöse Reise auf sich nehmen wird, um seinen schwerkranken Bruder zu besuchen. „Es ist vielleicht das letzte Mal, dass sich die beiden Brüder, Georg und Joseph Ratzinger, in dieser Welt sehen“, sagt Clemens Neck. Bischof Rudolf Voderholzer fuhr gestern zum Flughafen und begleitete Benedikt und seine Entourage nach Regensburg. In die Stadt, in der das frühere Oberhaupt der katholischen Weltkirche viele glückliche Jahre verlebt hatte. Wo Joseph Ratzinger von 1968 bis 1976 als Professor für Dogmatik an der Universität Regensburg gelehrt hatte. Die Stadt an der Donau, die er zuletzt bei seinem Papstbesuch 2006 gesehen hatte. In Deutschland war er zuletzt im Jahr 2011 gewesen.

Nach seinem überraschenden Rücktritt vor mehr als sieben Jahren war immer wieder spekuliert worden, ob Benedikt noch einmal Bayern besuchen werde. „Zu Bayern bekommt man nie Distanz, das ist so in der Seele verwurzelt, dass das gar nicht sein kann“, hat Benedikt XVI. selber sein inniges Verhältnis zum Freistaat beschrieben. Bayern trägt er in seinem Herzen, hat er bei vielen Gelegenheiten betont.

In den vergangenen Jahren, seit er sich nach seinem überraschenden Amtsverzicht 2013 in das Kloster Mater Ecclesiae hinter die Mauern des Vatikans zurückgezogen hatte, war Bayern eigentlich eher zu ihm zu Besuch gekommen: Zu Geburts- und anderen Festtagen machten sich Reisegruppen mit Gebirgsschützen und Trachtlern, mit Politikern und Geistlichen auf den Weg nach Rom, um ihm bayerische Schmankerl zu bringen, ihm das Neueste aus dem Freistaat zu berichten und ihre enge Freundschaft zu beweisen. Nichts aber ist über all die Jahre stärker gewesen als die enge Verbindung der beiden Brüder Joseph und Georg. Die beiden Ratzingers sind seit Kindertagen ein Herz und eine Seele. Gemeinsam besuchten sie das Priesterseminar in Freising – der „Bücher-Ratz“ Joseph und der „Orgel-Ratz“ Georg. Gemeinsam empfingen sie 1951 die Priesterweihe von Kardinal Michael Faulhaber. Und während Joseph die universitäre Karriere einschlug, später dann Erzbischof von München und Freising, dann oberster Glaubenswächter der katholischen Kirche und schließlich 2005 der erste deutsche Papst seit über 450 Jahren wurde, verschrieb sich Bruder Georg der geistlichen Musik. Als Leiter der Regensburger Domspatzen führte er den ältesten Knabenchor der Welt zu künstlerischen Höhen.

Georg Ratzinger hatte immer davon geträumt, dass er mit seinem Bruder gemeinsam einen beschaulichen Ruhestand – am liebsten in Bayern – verleben könnte. Gemeinsam musizieren, Joseph würde theologische Bücher schreiben. Doch der 19. April 2005 änderte schlagartig alles: Joseph Ratzinger, der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, wurde zum Papst gewählt. Für Bruder Georg brach eine Welt zusammen. „Ich hatte gehofft, dass der Kelch an ihm vorüber- geht“, hatte er damals gesagt.

Trotz der Belastungen durch das Papstamt hatten die Brüder immer wieder Zeit füreinander. Georg Ratzinger, der damals schon im Ruhestand war, reiste regelmäßig nach Rom, verbrachte Weihnachten, Geburtstage und Jahreswechsel mit seinem Bruder. Sie telefonierten täglich miteinander. Und sie unterstützten sich auch in schwierigen Zeiten – als Georg Ratzinger einräumen musste, bis Ende der 1970er- Jahre in den Chorproben wiederholt Ohrfeigen verteilt zu haben. 2017 bescheinigte ihm der Abschlussbericht über Missbrauch und Gewalt bei den Domspatzen, Ratzinger müsse sich vor allem vorwerfen lassen, dass er weggeschaut habe und trotz Kenntnis von Gewaltvorfällen nicht eingeschritten sei. Oder als Benedikt XVI. zunehmend unter der Last des Amtes litt.

In den vergangenen Jahren verschlechterte sich der Gesundheitszustand des älteren Ratzinger-Bruders immer mehr. Fast völlig blind und im Rollstuhl sitzend konnte Georg zuletzt die Beschwerden einer Reise in den Vatikan nicht mehr auf sich nehmen.

Die Mühen der Reise konnten nun aber den emeritierten Papst nicht zurückhalten, zu seinem Bruder ans Krankenlager zu fliegen. Die Reise sei auch mit dem amtierenden Papst Franziskus abgesprochen. Benedikt XVI. werde so lange bleiben, wie es notwendig sei, erklärte Vatikan-Sprecher Matteo Bruni.

Untergebracht ist der emeritierte Papst im Regensburger Priesterseminar, das von vermummten Personenschützern gesichert wird. Das Bistum Regensburg bittet die Öffentlichkeit, „diese zutiefst persönliche Begegnung in ihrem privaten Rahmen zu belassen“. Es gebe keine Fotos, keine öffentlichen Begegnungen. Man möge für die Brüder beten. Auch das Münchner Erzbistum, wo Joseph Ratzinger von 1977 bis 1981 Erzbischof war, „ist im stillen Gebet mit den beiden Brüdern verbunden“, sagt Pressesprecher Bernhard Kellner. Ein Gebet für zwei Unzertrennliche.

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