von Redaktion

München – Die tödliche Polizeigewalt gegen den Afroamerikaner George Floyd, die Diskussion über Rassismus bei der Polizei auch in Deutschland, der „Traum von einer Zukunft ganz ohne Polizei“, den (angeblich) manche(r) träumt – all das mag „taz“-Mitarbeiterin Hengameh Yaghoobifarah vor einer Woche dazu bewogen haben, laut darüber nachzudenken, in welche Branchen man Ex-Ordnungshüter dann „überhaupt noch reinlassen“ könne. „All cops are berufsunfähig“, lautete der Titel ihrer Kolumne, die satirisch gemeint, aber nicht so geschrieben war und dem Blatt viel Ärger bescherte.

Für jeden anderen Job untauglich sei diese Berufsgruppe, „scherzte“ Yaghoobifarah, nicht einmal „Keramik bemalen“ lassen dürfe man Ex-Polizisten, würden sie dann doch vermutlich Teetassen mit Hakenkreuzen verzieren und sich damit „das nächste Terrornetzwerk querfinanzieren“. Spontan falle ihr nur eine geeignete Option ein, schloss Yaghoobifarah allen Ernstes, und zwar die Mülldeponie, „auf der Halde, wo sie wirklich nur von Abfall umgeben sind“.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Die Deutsche Polizeigewerkschaft erstattete Anzeige wegen Volksverhetzung, im Netz tobte ein Shitstorm. „SIE will Polizisten als Abfall auf der Müllhalde entsorgen!“, twitterte die CSU und zeigte ein Foto der Autorin vor Szenen von Krawallen beim G-20-Gipfel in Hamburg vor drei Jahren. Auch daran gab es heftige Kritik, der Tweet wurde gelöscht. In den sozialen Netzwerken wurde und wird die Kolumne seit Tagen kontrovers diskutiert, die Meinungen reichen von „Geht gar nicht!“ bis zu Auslegungen wie der von „FAZ“-Mann Patrick Bahners, derzufolge es sich bei dem Text doch nur um ein „dystopisches Gedankenspiel“ handele.

Andererseits sah sogar die „taz“ selbst Klarstellungsbedarf. „Menschen als Müll zu bezeichnen, widerspricht dem Selbstverständnis einer Zeitung, die sich einer menschlicheren Gesellschaft verschrieben hat“, schrieb Chefredakteurin Barbara Junge. Wer allerdings selbst schon Rassismus erfahren habe, sehe das möglicherweise anders. Mit Blick auf die jüngsten Krawalle in Stuttgart („Nicht selten werden aus Worten auch Taten“) prüft nun Bundesinnenminister Horst Seehofer ebenfalls eine Anzeige gegen Yaghoobifarah. Und handelte sich damit prompt den Vorwurf eines Angriffs auf die Pressefreiheit ein. Wie groß der Schaden ist, den unangemessene Reaktionen auf beiden Seiten anrichten, brachte „Spiegel“-Journalist Mathieu von Rohr auf den Punkt. Gewinnerin, twitterte er, sei die Polarisierung, Verliererin die Vernunft. RUDOLF OGIERMANN

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