Die Wut der Abgestempelten

von Redaktion

VON ALEXANDER SCHÄFER

Telgte – Die ersten Kunden warten bereits um 8 Uhr vergeblich vor verschlossenen Türen. „Erneuter Lockdown in Telgte“ steht auf dem Zettel an der Glastür zum „BodyButler“, einem Fitnessstudio. Wir sind im tiefsten Münsterland und weit weg von Rheda-Wiedenbrück, wo sich über 1500 Tönnies-Mitarbeiter im Schlachthaus mit dem Coronavirus infiziert haben.

Hier in Telgte, zwölf Kilometer östlich von Münster, stagniert seit dem 4. Juni die Zahl der Infizierten. In dem beschaulichen Wallfahrtsort mit rund 20 000 Einwohnern gibt es gerade 42 bestätigte Fälle. „Wir sind super durch die Pandemie gekommen“, sagt Olaf Gericke, der Landrat des Kreises Warendorf, zu dem Telgte gehört. Doch das „BodyButler“ sowie alle anderen Fitnessstudios, Museen, Kinos und Bars sind erneut geschlossen. Schulen und Kitas sind wieder zu.

Schuld an dem Schlamassel, so der Landrat, ist „das Verhalten der Firma Tönnies“. Seit dem Ausbruch in Deutschlands größtem Schlachtbetrieb sind die Corona-Zahlen in der Region in die Höhe geschnellt (siehe Grafik). Gericke sagt: „Ich spüre bei den Bürgern eine Wahnsinnsenttäuschung und Wut.“ In den Kreisen Warendorf und Gütersloh leben 640 000 Menschen. Sie sind es, die ausbaden müssen, was ihnen ein Fleisch-Gigant eingebrockt hat.

„So ein leeres Fitnessstudio ist deprimierend“, sagt Joel Krause. Der Geschäftsführer muss seinen 1000 Kunden nun erneut eine Schließung verkaufen. „Dabei hatten wir in der vergangenen Woche erstmals wieder einigermaßen Normalität.“ Im ersten Lockdown war das Studio acht Wochen dicht, vier Festangestellte und elf 450-Euro-Kräfte waren betroffen. Der Verlust lag im höheren fünfstelligen Bereich. „Wir haben hier in Telgte keinen Neuinfizierten“, sagt Krause. Er ärgert sich über die neuen Maßnahmen. Einerseits. Andererseits, sagt er, haben sie ihre Berechtigung, wenn dadurch auch nur ein Menschenleben gerettet werden könne.

Geöffnet hat dagegen Songül Calik. Die Friseurmeisterin sitzt vor ihrer „FrisierBar“ im Herzen der malerischen Altstadt. „Heute ist es spürbar ruhiger als an den vergangenen Tagen“, sagt sie. Dabei kann sie wegen der Auflagen derzeit nur etwa ein Drittel der Kundenplätze anbieten. „Wir werden jetzt abgestempelt“, sagt sie über den Lockdown. Sie erzählt von einem Bekannten aus Telgte, der nach Münster zur Arbeit pendelt und sich dort schon dumme Sprüche anhören musste. In Münster gilt für alle Bewohner der Kreise Warendorf und Gütersloh jetzt eine allgemeine Maskenpflicht. Ein Stück Stoff als Ausdruck der Stigmatisierung. So empfinden es die Menschen hier.

Songül Calik genießt die Pause an der frischen Luft, sie muss bei der Arbeit die ganze Zeit eine Maske tragen. Wegen des Lockdowns hat sie dieses Jahr keinen Urlaub mehr geplant. Bei ihr geht es um die Existenz, falls die Maßnahmen noch strenger werden. „Wenn ich noch einmal sechs Wochen den Laden schließen muss, dann werde ich nicht wieder aufmachen.“

Ein paar Meter weiter sitzt Maria Busch auf ihrem Rollator. Die 85-Jährige wartet vor einer Physiotherapie-Praxis. Im Wartezimmer sei kein Platz, erzählt sie. Von den neuen Einschränkungen hat Maria Busch noch nichts gehört. Wie ergeht es ihr in diesen Zeiten? Nun, am Anfang sei es noch gegangen. „Jetzt aber packt das einen innerlich. Man wird depressiv“, sagt sie.

In Telgte sind die Wege kurz. Gleich gegenüber vom Physiotherapeuten befindet sich eine Kinderarztpraxis. Auch hier müssen die Patienten draußen warten. Und: Sogar die Kleinen unter sechs Jahren müssen Maske tragen. „Das war beim letzten Besuch noch nicht so“, sagt Nicole Böttner. Die Mutter von drei Kindern ist mit ihrer jüngsten Tochter Stella da. Die Dreijährige lässt die Maske an, ihre Mutter hat sie ihr als „ein Kostüm“ schmackhaft gemacht.

Die erneute Schließung der Kitas und Schulen hat die Familie hart getroffen. In der Kita fiel die geplante Abschlussfeier für die künftigen Grundschüler ins Wasser. Der Sohn, der die fünfte Klasse besucht, darf sich nur noch sein Zeugnis abholen. „Das ist komplett nervig“, sagt die Mutter. Der große Lockdown ab Mitte März sei eine Katastrophe gewesen. Sie hofft, dass das erneute Runterfahren des Landkreises tatsächlich nur wie geplant eine Woche dauern wird. Doch vorhersagen kann das niemand. Mitte Juli will die Familie Böttner wie jedes Jahr nach Portugal reisen. Doch mit WAF als Autokennzeichen und Telgte als Wohnort im Pass könnte das schwierig werden.

In mehreren beliebten Urlaubsregionen in Deutschland werden negative Corona-Tests von den Menschen aus den betroffenen Landkreisen gefordert – ansonsten gilt teilweise ein Beherbergungsverbot. In Bayern, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern wurden generelle Beschränkungen für Touristen aus Corona-Hotspots verhängt, in Niedersachsen explizit für die Kreise Gütersloh und Warendorf.

Keine Berührungsängste mit Menschen aus Telgte hat das Ehepaar Beuntker. Die beiden sind heute extra aus dem 30 Kilometer entfernten Emsdetten nach Telgte gekommen, um sich die „Alltagsmenschen“ anzuschauen. Die Skulpturen einer Künstlerin stehen an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet. „Der Lockdown schreckt uns nicht ab. Hier gibt es doch gar keine Infizierten“, sagen sie.

Die Bedienung im Eis-Café gegenüber der Wallfahrtskapelle hofft, dass die Touristen in Telgte trotz Corona-Ausnahmezustand nicht ausbleiben werden. Aber: „Es war schon einmal mehr los“, sagt sie. Gemäß der Schutzverordnung lässt sie die Gäste Namen, Anschrift und Telefonnummer auf einen Zettel notieren – um im Fall der Fälle Infektionsketten rückverfolgen zu können. „Wir mussten aber noch nie einen Gast anrufen.“ Das soll auch so bleiben. Denn Telgte ist nicht Tönnies. Telgte ist ein Kollateralschaden. So fühlt es sich für die Menschen hier an.

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