Unterhaching – Corona ist eine Katastrophe, keine Frage. Aber Ilse Ida Röthig war vorbereitet. Ihrer Familie hat sie ihren letzten Wunsch hinterlassen. Handschriftlich und mit roten Unterstreichungen. „Trauerfeier mit Sarg“, hat sie geschrieben. Später hat sie Sarg durchgestrichen und „Urne“ hingeschrieben. Weiter steht auf dem Zettel: „Schönen Urnenschmuck mit langstieligen Blumen in 2 Vasen“. Und: „Schönes Schleifenband mit Namen der Kinder und Enkelkinder“. Und: Die CD abspielen, die beigelegt ist. Darauf findet man die Lieder „Hab’ Ehrfurcht“ und „Time to say goodbye“.
Anschließend, schreibt Röthig, könne, wer will, eine Tasse Kaffee trinken. Ihr Vorschlag: im Gasthaus zur Post in Unterhaching. Später hat sie die „Post“ wieder durchgestrichen und „Grieche, der Neue“ hingeschrieben, „aber vorher bestellen“.
In Oberbayern gibt es inzwischen 1005 Corona-Tote. 1005 Schicksale. 1005 Zufallsopfer, wenn man so will. Ilse Röthig ist eines davon, gestorben am 5. April im Alter von 96 Jahren in einem Seniorenheim in Unterhaching, in dem es einen Massenausbruch gab. Aber den Zufall konnte sie noch nie leiden. Ihr Sohn Thomas Röthig sitzt in seinem Makler-Büro in München-Bogenhausen und kramt in der Beerdigungskiste, die neben ihm steht. Darin hat die Mutter alles hinterlassen, was in ihrem Leben wichtig war. Plus genaue Regieanweisungen für die eigene Bestattung.
Sie hat notiert, wer alles per Karte zur Trauerfeier eingeladen wird und wer zusätzlich einen Anruf bekommen soll. Sie hat einen Zettel hinterlassen, auf dem steht, dass die Urnenbeisetzung an einem Freitag stattfinden soll. „Damit möglichst viele Menschen kommen können“, sagt ihr Sohn. Er muss immer wieder lachen, wenn er von seiner Mutter erzählt. Weil sie so lustig war, so herzlich. Und er muss immer wieder weinen. Weil es so traurig ist, dass sie nicht mehr da ist. Er durfte sie zuletzt nicht mehr sehen, Besuchsverbot. Als sie vor ein paar Wochen im Sterben liegt, bekommt der Sohn einen Anruf vom Heim. Die Familie fährt so schnell wie möglich zu ihr. Aber sie kommen zu spät, nur ein paar Minuten. „Corona raubt den Angehörigen die Möglichkeit, Abschied zu nehmen“, sagt der Sohn. Eine Pflegerin hat in den letzten Minuten die Hand der Mama gehalten.
Röthig war geistig fit. An ihrem 95. Geburtstag hat sie Champagner mit der ganzen Familie getrunken. „Corona war zuletzt ein ganz großes Thema für sie“, sagt der Sohn. Sie hat sich sogar beim Heimleiter beschwert, dass eine Pflegerin in Österreich im Urlaub war und dann wieder gearbeitet hat. „Irgendeinen Tod stirbt eine 96-jährige Dame, das ist klar“, sagt Thomas Röthig, „aber sie hing am Leben. Sie freute sich jeden Morgen, dass sie aufgewacht ist.“ Das ist es, das Corona zehntausenden Familien auf der Welt nimmt – den richtigen Augenblick des Todes.
Röthig, Jahrgang 1924, war eine Frau, die gerne lachte, gärtnerte, strickte und Karten spielte. Sie ist in Thüringen auf einem Bauernhof aufgewachsen. Die Eltern sterben früh. Später arbeitet sie als Altenpflegerin in Leipzig und heiratet ihren Mann Otto. Mit 20 Jahren flieht ihr Sohn mit gefälschten Papieren in den Westen. „Das war für die Mutter sehr bewegend“, sagt er. Auch Ilse Röthig geht mit ihrem Ehemann in den Westen, aber viel später. Als Rentner, Anfang 1989. Sie ziehen zu ihrem Sohn nach Oberbayern. „Unterhaching wurde der Nabel ihrer Welt“, sagt Thomas Röthig. Seine Mama findet schnell Anschluss – und die Liebe zu Bayern. Bis zu ihrem 80. Lebensjahr arbeitet sie in der „Strumpf-Vitrine“, einem Dessous-Geschäft in Unterhaching. Unendlich viele Geschichten bringt sie von dort mit nach Hause. Ortsansässige Nonnen kaufen immer wieder bei ihr ein. „Die wollten keine Dessous, sondern Wollsocken haben“, erzählt der Sohn und muss lachen. „Aber dafür haben sie immer um den Preis gefeilscht.“ Röthigs Ehemann ist vor 20 Jahren gestorben, nach einem Schlaganfall pflegte sie ihn zuvor ein Jahrzehnt lang.
Die vierfache Oma und zweifache Mutter hat ein Leben geführt, für das andere zwei Leben brauchen. Sie hat den real existierenden Sozialismus in der DDR überstanden und in den 1990er-Jahren sogar einen Banküberfall in Unterhaching. „Sie war Geisel“, sagt ihr Sohn. Ein Maskierter hält ihr eine Pistole an den Kopf und schreit: „Geld her!“ Mit 28 000 Mark flüchtet er. Nach dem ersten Schock freut sich Röthig, dass alle Zeitungen über den Fall und die 74-jährige Geisel berichtet haben. In ihrer Beerdigungskiste finden sich noch einige Kopien davon.
Das mit dem Sterben hat Röthig sogar schon einmal geprobt. Vor zwei Jahren ruft plötzlich jemand aus dem Altenheim bei Thomas Röthig an und sagt: „Ihre Mutter will, dass sofort alle zu ihr kommen.“ Ihr gehe es schlecht. Kurz darauf sitzen Kinder, Enkelkinder und weitere Angehörige an ihrem Bett. Ilse Röthig zeigt, als die Familie eintrifft, den Pflegerinnen bereits die geklöppelten Tischdecken, die sie nach ihrem Ableben einmal bekommen sollen. Ihren Kindern befiehlt sie, die CD aus der Bestattungskiste einzulegen und ihre Hände zu greifen. Ohne ein Wort zu sagen, hören alle zusammen die Lieder, Tränen fließen. „Das dauerte bestimmt eine Stunde“, erzählt der Sohn. Dann macht die Mutter einen schweren Atemzug und sagt: „Jetzt hätte ich gerne ein Butterbrot.“
Jeder in der Familie spricht seitdem von Ilses erster Beerdigung. Damals hat sie den Tod ausgetrickst. Doch nächsten Freitag wird es ernst: Ilse Ida Röthig wird beerdigt. Auf der Einladung zur Trauerfeier stehen die letzten Worte, die sie für diesen Moment hinterlassen hat: „Denkt mit einem Lächeln an mich zurück und nicht mit so viel Tränen. Ihr wisst, ich hab immer gern gelacht. Jetzt bin ich erst mal bei meinem Otto. Er wird schon meckern, wo ich wieder einmal so lange war. Eigentlich müssen wir alle dankbar sein, dass ich so lange bei Euch sein durfte. In großer, unendlicher Liebe: Eure Mutti, Schwiegermutti, Oma. Ich liebe Euch!!!“