Mehr Sicherheit bei der Gelenkersatz-OP

von Redaktion

Herzleiden, Diabetes, Übergewicht, Keime: Was Risikopatienten heute alles beachten sollten

VON ANDREAS BEEZ

München – Der letzte Ausweg aus der Arthrosefalle kann auch eine große Chance sein: Allein in Deutschland lassen sich jedes Jahr mehrere Hunderttausend Patienten ihre zerstörten Gelenke durch sogenannte Endoprothesen ersetzen – und die allermeisten Menschen gewinnen dadurch viel Lebensqualität zurück. „Generell gehört der moderne Gelenkersatz zu den erfolgreichsten Prozeduren der Medizin“, sagt Professor Dr. Rüdiger von Eisenhart-Rothe, der Chef der Klinik für Orthopädie und Sportorthopädie des Uniklinikums rechts der Isar.

Seine vielversprechende Aussage untermauert er mit Statistiken: Weit über 90 Prozent der Patienten sind mit ihrer neuen Hüfte und 80 bis 90 Prozent mit ihrem künstlichen Kniegelenk zufrieden. Unterm Strich ist auch die Gesamtkomplikationsrate mit circa fünf Prozent gering, in professionell geführten Kliniken müssen nur etwa ein bis zwei Prozent der Patienten erneut operiert werden.

Zur Wahrheit gehört allerdings: Für die Wenigen, bei denen etwas schiefgeht, sind die Folgen oft bitter. „Man darf als Arzt nie vergessen: Für uns mag manche Operation vielleicht ein Routine-Eingriff sein. Aber für jeden einzelnen Patienten geht es um viel – um seine Gesundheit, um Mobilität und um seine Lebensqualität. Deshalb ist auch jeder Prozentbruchteil, um den man die Komplikationsrate verringern kann, von entscheidender Bedeutung“, sagt von Eisenhart-Rothe.

Wie aber lassen sich die Erfolgschancen erhöhen und die Risiken reduzieren – insbesondere auch bei Patienten, die zusätzlich an anderen Erkrankungen leiden? Das erklärt der erfahrene Spezialist heute in unserem großen Gesundheits-Schwerpunkt.

Lassen Sie sich nicht zur OP drängen

Nur in wenigen Fällen ist eine Gelenkersatz-Operation ein Notfall. Zwar sollte man den Eingriff nicht ewig hinausschieben, weil man sonst Gefahr läuft, dass sich die Erfolgschance für die OP verschlechtert. Aber: Auf ein paar Wochen früher oder später kommt es in der Regel nicht an. Von Eisenhart-Rothe sagt: „Ausschlaggebend ist der Leidensdruck des Patienten. Der Patient allein kann beurteilen, wann der richtige Zeitpunkt für den Gelenkersatz gekommen ist. Eine Faustregel dafür gibt’s nicht. Wenn allerdings die konservative Therapie keine Besserung mehr bringt, man gar nicht mehr ohne Schmerzmittel auskommt, im Alltag immer mehr eingeschränkt wird oder seine Hobbys nicht mehr ausüben kann, dann spricht vieles für den Eingriff.“

Fragen Sie nach den Fallzahlen

Übung macht den Meister, das belegen auch Studien. Danach ist die Komplikationsrate geringer, wenn sowohl in der Klinik als auch vom Operateur selbst mehr als 50 Operationen pro Jahr durchgeführt werden. Erfahrene Spezialisten übertreffen diese Mindestmenge oft sehr deutlich. Übrigens: Erfahrung ist wichtig, aber nicht alles. Es hilft relativ wenig, wenn der Operateur zwar früher einmal tausende Hüften eingesetzt hat, diese Routine allerdings seit Jahren Geschichte ist. „Um den Patienten eine hohe Qualität zu garantieren, lassen sich Vollprofis zertifizieren“, erklärt von Eisenhart-Rothe. In den angeschlossenen Kliniken checken unabhängige Prüfer des Experten-Netzwerks endocert, ob ein Krankenhaus auch wirklich alle Qualitätskriterien erfüllen. Mehr Informationen dazu gibt’s unter www.endocert.de

Schutz vor Infekten

Eine seltene, aber zugleich meistgefürchtete Komplikation bei Gelenkersatz-Operationen ist eine Infektion. Sie hat meist gravierende Folgen: So muss häufig die Prothese wieder ausgebaut werden, das Gelenk mit einem Platzhalter versorgt und mitunter mehrmals unter Narkose gespült werden. Wenn die Keime hoffentlich besiegt sind, geht die gesamte OP-Prozedur von vorne los.

Diese Gefahr lässt sich nie zu hundert Prozent ausmerzen. Theoretisch kann es auch noch Jahre nach dem Einsetzen zu einem sogenannten Prothesenspätinfekt kommen. Dabei gelangen Bakterien – beispielsweise infolge einer scheinbar harmlosen Zahnentzündung – durch den Blutkreislauf zur Prothese.

Das Risiko beim ersten Einsetzen eines Kunstgelenks schwankt je nach Klinik zwischen 2,5 und einem Prozent, bei einem späteren Prothesenwechsel ist es höher. In guten Häusern wird eine „präoperative Dekolonisation“ vorgenommen. Bedeutet: Die Patienten bekommen einen antiseptischen Waschlappen, mit dem sie sich am Tag vor der OP von Kopf bis Fuß reinigen müssen. Das Ziel: zu vermindern, dass Keime vom Körper des Patienten in die Wunde gelangen.

Machen Sie vor der OP einen großen Check

Wenn Sie an Vorerkrankungen leiden, ist es sinnvoll, diese vor der OP noch mal kontrollieren zu lassen. Denn es gibt Erkrankungen, die das Komplikationsrisiko in der Endoprothetik steigern. Dazu gehören insbesondere Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen. Bei Patienten, die zur Dialyse müssen, ist die Gefahr beispielsweise um etwa 60 Prozent erhöht. Auch Bluthochdruck ist ein Risikofaktor. Auch bei einer Schlafapnoe, an der immerhin zehn Prozent der Hüftpatienten leiden, steigt das Risiko für eine Infektion und für eine Lungenentzündung.

Klinikaufenthalt soll möglichst kurz sein

Gehen Sie nicht zu früh vor der OP in die Klinik. Bei der Aufnahme am Vortag liegt das Wundinfektionsrisiko bei 1,1 Prozent. Es verdoppelt sich binnen einer Woche – möglicherweise durch den Kontakt mit anderen Patienten, Ärzten und Pflegepersonal. „Wichtig ist allerdings auch: Man braucht keine übertriebene Angst zu haben. In guten Kliniken wird streng auf Hygiene geachtet – und infolge der Corona-Pandemie sind die Sicherheitsmaßnahmen zusätzlich verschärft worden“, sagt von Eisenhart-Rothe.

Überprüfen Sie Ihre Diabetes-Medikamente

Diabetes ist auch für Gelenkersatz-Experten ein Warnsignal. „Studien zeigen, dass Diabetespatienten ein signifikant erhöhtes Infektionsrisiko haben“, erklärt von Eisenhart-Rothe. „Deshalb sollte der Blutzucker-Spiegel vor und auch nach der OP engmaschig kontrolliert werden.“ Allerdings könnten Diabetiker bei Einhaltung aller Vorsorgemaßnahmen trotzdem sehr sicher operiert werden.

Allergien unbedingt erwähnen

Beim Gelenkersatz kann beispielsweise eine Nickelallergie zum Problem werden. Wenn der Arzt von dem Problem weiß, setzt er möglicherweise eine spezielle Allergie-Prothese ein. „Dies ist insbesondere in der Knieendoprothetik öfter der Fall“, sagt von Eisenhart-Rothe.

Mindestens fünf Kilo abnehmen

Bei Übergewicht gilt: Nehmen Sie vor der OP unbedingt ab. Ein paar Pfund zu viel sind in der Regel kein Problem. Doch Adipositas ist nicht zu unterschätzen. Schon bei einem Body-Mass-Index ab 27 bis 31 ist das Wundinfektionsrisiko bei einer OP um das Vierfache erhöht, bei einem BMI größer als 31 sogar um das Achtfache. Abgesehen davon ist Übergewicht auch für die spätere Prothese Gift. „Beim Stolpern wirkt das bis zu zehnfache Körpergewicht auf das Gelenk ein. Bei einem 100 Kilo schweren Mann muss ein künstliches Knie also beispielsweise eine Belastung von bis zu 1000 Kilo aushalten“, rechnet von Eisenhart-Rothe vor.

Rauch-Stopp vier Wochen vor der OP

„Zigaretten erhöhen das Risiko für Wundkomplikationen massiv. Deshalb sollten Sie mindestens vier Wochen vor der OP mit dem Rauchen aufhären. Grundsätzlich gilt: Je länger vor dem Eingriff Sie die Glimmstängel weglassen, desto besser“, rät von Eisenhart-Rothe.

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