Hätte man früher auf sie gehört, könnte die Welt jetzt eine andere sein – und zehntausende mit dem Coronavirus Infizierte noch am Leben: Zu diesem Schluss kommen Autoren der „New York Times“. Sie beziehen sich dabei auf eine Münchner Oberärztin: Dr Camilla Rothe, stellvertretende Leiterin der Abteilung für Tropen- und Reisemedizin am Klinikum der Ludwig Maximilians Universität (LMU) München. Rothe hatte Ende Januar den ersten Infizierten in Deutschland positiv auf Sars-CoV-2 getestet und eine brisante Beobachtung gemacht. Doch ihre Warnungen wurden ignoriert – monatelang.
Sie haben erkannt, dass auch symptomlos mit dem Coronavirus Infizierte ansteckend sein können. Wie kamen Sie darauf?
Das war eine sehr schlichte Beobachtung: Mancher erinnert sich vielleicht noch an die ersten Fälle in Deutschland, ein Ausbruch unter Mitarbeitern des Autozulieferers Webasto. Alles Menschen, die vorher nicht im Ausland waren. Sie hatten Besuch von einer Geschäftspartnerin aus China, die in München Workshops abgehalten hat. Sie wirkte dabei nicht krank, flog am Mittwoch zurück. Am Montag darauf informierte sie die Firma, sie sei positiv auf das neue Coronavirus getestet worden. Darauf haben sich mehrere Webasto-Mitarbeiter bei uns gemeldet, am 27. Januar. Den ersten, der positiv getestet wurde, habe ich selbst gesehen und sehr intensiv befragt, auch weil ich neugierig war.
Was hat er erzählt?
Es ging ihm gut. Er machte sich aber Sorgen, weil er am Wochenende mit Husten und Fieber im Bett lag. Ich habe gefragt, ob die Kollegin aus China bei ihrem Besuch beeinträchtigt wirkte. Er sagte: ,Nein, überhaupt nicht.‘ Ihr war nichts anzumerken. Am folgenden Tag kamen drei weitere Mitarbeiter, die positiv auf Covid-19 getestet wurden. Sie kannten die Kollegin aus China gut, sie war öfters in München. Auch ihnen war nichts aufgefallen. Als letztes Puzzleteil waren wir mit Kollegen des Münchner Gesundheitsamts in einer Sitzung. Einer hatte die Chinesin intensiv am Telefon befragt. Sie sagte, sie habe sich wie immer gefühlt, nur ein bisschen müde, was sie selbst als Jetlag gedeutet hat. Auf dem Rückflug war ihr ein wenig kalt, sie nahm eine halbe Paracetamol. Sie hatte nichts, was sie selbst als Krankheitssymptom gedeutet hätte. Erst am Donnerstag nach der Landung in Shanghai ging es mit Fieber und Husten los.
War Ihnen die Brisanz der Beobachtung sofort klar?
Ja, das hat uns gereicht zu sagen: Diese Nachricht müssen wir jetzt unters Volk bringen. Ich dachte zuerst an Kollegen, die wie ich erkrankte Reise-rückkehrer sehen. Sie sollten wissen, dass sie vorsichtiger sein müssen, dass es vielleicht nicht reicht, eine Schutzmaske nur bei der Behandlung von Patienten mit Symptomen aufzusetzen. Ich habe erst mein eigenes Netzwerk an Kollegen informiert. Dann habe ich mich mit meinem Chef entschlossen, das in einem Fachjournal zu publizieren. Denn: Ist jemand ohne Symptome infektiös, ist eine Infektion ungleich schwerer einzudämmen.
Was war die Reaktion?
Kollegen, auch klinisch tätig, haben die Botschaft klar verstanden. Dann gab es aber ein negatives Echo. Ein Journalist hatte uns für einen Artikel im Science-Magazin interviewt und argumentiert, wir hätten das nicht behaupten können, weil wir nicht selbst mit der Dame gesprochen haben. Das war zu dem Zeitpunkt korrekt, aber irrelevant: Die Dame fühlte sich nicht krank. Die Informationen waren aus zweiter Hand, aber von den Gesundheitsbehörden. Andere Gruppen u. a. vom Robert-Koch-Institut (RKI) haben die Dame befragt, ob das wirklich ein Jetlag war. Man hat sich in dieser semantischen Debatte verloren, was nun „Symptom“ zu nennen ist. Wenige Tage später konnte ich selbst mit der chinesischen Geschäftspartnerin sprechen. Ich glaube, ich habe noch nie jemanden so ausführlich nach Symptomen befragt. Diese haben wir später unserem Artikel beigefügt. Eigentlich war die Botschaft darin klar: Eine Übertragung findet ohne subjektive und objektive Krankheitszeichen statt. Aber man hat sich in der Wortklauberei verloren, irgendwie ist das dann versackt – obwohl es weitere Hinweise gab.
Welche waren das?
Eine Kollegin in München hat den Webasto-Cluster aufgearbeitet, Infektionsketten genau nachverfolgt. Da gibt es überraschende Ansteckungsereignisse, etwa als ein Mitarbeiter einen anderen in der Kantine angesteckt hat. Sie saßen Rücken an Rücken, einer hat dem anderen den Salzstreuer gereicht. Beide fühlten sich gesund. Dennoch hat der eine den anderen angesteckt. Dann gab es Arbeiten, etwa aus Japan, die Beobachtung von dem Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ und andere Publikationen.
Dennoch passierte nichts?
Von Seiten der Gesundheitsbehörden hat man nicht reagiert – auch nicht auf europäischer Ebene oder von Seiten der WHO. Die Behauptung, dass eine asymptomatische Übertragung unwahrscheinlich sei, oder keine Rolle spiele, hat sich lange gehalten. Inzwischen gibt es Untersuchungen, wonach sich etwa 40 Prozent der Infizierten bei Menschen angesteckt haben, bevor diese Symptome hatten. Obwohl sich die wissenschaftliche Evidenz akkumulierte, haben die Behörden sehr lange gebraucht, um das überhaupt nur in Betracht zu ziehen – das ist etwas, das diskutiert werden muss.
Welche Konsequenzen haben Sie selbst gezogen?
Wir haben die Ambulanz umgestellt, allen Patienten und Besuchern Mund- und Nasenschutz aufgesetzt, auf gute Belüftung geachtet – und wir haben großzügiger getestet als die Richtlinien des RKI das damals vorsahen. Dabei haben wir uns gut geschützt. Ich leite diese Ambulanz und bin stolz, dass wir keinen Fall von Covid-19 unter den Mitarbeitern hatten – auch niemanden mit Antikörpern im Blut.
Was hätte Ihrer Ansicht nach anders laufen sollen?
Hinterher ist man natürlich immer schlauer. Ich verstehe auch, dass die Entscheidungsträger extrem unter Druck standen. Man wusste ja nicht, wie es ausgeht – und wir sehen jetzt auch, dass strenge Auflagen zu einer gewissen Corona-Müdigkeit führen. Man hätte aber vorsichtige Maßnahmen treffen können, die vielleicht ein bisschen was bringen, aber keinem wirklich wehtun: etwa Plexiglasscheiben an Theken und Kassen anbringen oder Desinfektionsspender großzügig aufhängen. Auch Maskentragen. Das wurde lange abgelehnt –wahrscheinlich auch, weil es die Masken lang nicht gab. Man hat zu wenig überlegt, ob es unbedingt medizinisch zertifizierte Masken sein müssen oder ob man die Bürger auch durch selbstgemachte Masken schützen kann.
Hätte man dadurch viele Tote verhindern können?
Das ist die große Frage – und darüber will ich nicht spekulieren. Man müsste dazu eine sehr komplizierte Rechnung aufmachen. Hätte man früher mit strengen Maßnahmen begonnen, hätte man als Politiker wohl auch früher Gegenwind bekommen – und einen Lockdown vielleicht nicht verwirklichen können. Anfangs war das Infektionsgeschehen ja auf China beschränkt. Es gab kleine Ausbrüche. Wir haben alle insgeheim gehofft, dass es dort bleibt. Dass es sich über Italien derart ausbreiten würde – das ist eine Dynamik, die mich bis heute überrascht. Worüber ich mich in der Tat gewundert habe: wie man mit Massenveranstaltungen umgegangen ist. Als das Ganze näher kam, hat man noch diskutiert, ob eine Grenze von 1000 Leuten sinnvoll sei, wo wir schon dachten, dass 20 zu viel sind.
Wie sehen Sie die aktuelle Strategie mit Tests für alle?
Es ist ein sehr gutes Konzept, dass man niederschwellig testet und kleine Ausbrüche im Keim erstickt. Wir werden noch länger Einschränkungen hinnehmen und wachsam hinschauen müssen. Grundsätzlich sind Tests für alle ein großartiges Angebot, ein Schritt in die richtige Richtung. Auch wenn man wohl nicht jeden täglich testen muss. Besonders anfällige Gruppen sollte man großzügig testen: Mitarbeiter von Alten- und Pflegeheimen, von fleischverarbeitenden Betrieben oder anderen Betrieben, in denen sich Ausbrüche mehren. Es ist ein großzügiges Angebot, auch an besorgte Bürger.
Interview: Andrea Eppner