Homeoffice, Kurzarbeit, Lockdown: Das Coronavirus hat die Menschen wochenlang ihrer sozialen Kontakte beraubt – und viele Paare in die Krise getrieben. Der Bedarf an Beratung sei spürbar gestiegen, sagt Johannes Schauer, Diplompsychologe bei „pro familia“ in München. Und häufiger als sonst bekomme er von eskalierten Paarkonflikten und Trennungsabsichten zu hören. Ein Gespräch über die Überdosis Zweisamkeit.
In China hat die Corona-Pandemie eine Scheidungswelle ausgelöst. Auch in Deutschland sind laut einer Umfrage viele Beziehungen zerbrochen. Was ist passiert?
Eine gesellschaftliche Krise führt unweigerlich zu Folgen auch in privaten Beziehungen, weil sich die Lebensbedingungen ändern. Beruf, Kinder, Schule, soziale Kontakte – all das wird plötzlich reduziert auf eine fast schon haftähnliche Situation. Wir sind ja eigentlich eine individualistische Gesellschaft – und auf einen Schlag musste kollektivistisch gehandelt werden.
Welche Altersgruppen sind besonders betroffen?
Interessanterweise hatten wir mehr Beratungen in allen Altersstufen. Es haben sich viele junge Paare gemeldet, aber auch Paare kurz vor oder im Rentenalter, die auf einmal Trennungsgedanken hatten. Das verdeutlicht, wie Corona den Normalbetrieb in Beziehungen betrifft.
Was sagen die Menschen, die bei Ihnen anrufen?
Den einen Corona-spezifischen Konfliktpunkt gibt es nicht. Es geht um bekannte Themen, zum Beispiel, dass die Kommunikation nicht mehr funktioniert. Betroffene sprechen von wachsenden Streitereien über Kleinigkeiten. Häufig wird zu wenig miteinander geredet, aber es kann auch sein, dass ein Partner plötzlich zu viel vom anderen will. Das ständige Zusammensein wurde im Lockdown zur unabsehbaren Talsohle. Ein Paar kommt dann in die Krise, wenn es keine positive Bezogenheit mehr gibt. In vielen Fällen spiegelt sich auch der Verlauf der Coronakrise wieder. Das kommt ja nicht auf einen Schlag.
Können Sie das erklären?
Wenn ein Paar plötzlich rund um die Uhr miteinander konfrontiert ist, verstärken sich zum Beispiel unangenehme Eigenheiten eines Menschen, die der Partner ohne entlastende Unterbrechung erleben und kompensieren muss. Wenn Lösungsversuche nicht funktionieren, ist man noch gestresster. Der Zustand, dauernd miteinander zu sein, ist wie ein Beschleuniger. Man ist überreizt vom Partner und vom eigenen Beziehungsmuster.
Kurzarbeit oder Homeoffice – plötzlich ist der Partner permanent zu Hause…
Oder die Kinder können nicht in die Schule. Gerade in Familien mit Kindern war die Lockdown-Belastung extrem. Man kann natürlich auch sagen: Das ist bereichernd und schafft Möglichkeiten. Der Vater kann mehr für die Kinder da sein, man kann mehr miteinander unternehmen. Viele Eltern konnten beruflich aber nicht so einfach pausieren. Wer Schulkinder hat, musste sich auch noch um die Bildung kümmern – und es gab keine Perspektive, wann die Kinder wieder betreut werden.
Die Krise trifft auch Paare, die glücklich waren.
Unter so einer Belastung merken Paare, ob sie passende Bewältigungsstrategien haben. Es gibt viele, die bisher nie eine Schräglage bewältigen mussten, es aber in der Corona-Krise nicht schaffen.
Zu viel Zweisamkeit ist grundsätzlich nicht gut?
Jeder Mensch trägt eine Vorstellung von einer guten Beziehung in sich. Situationen wie der Lockdown sind ein großer Prüfstein, weil man scheinbar mehr als sonst füreinander da sein muss. Es gibt keine Ablenkung, man bekommt kein Feedback mehr aus anderen sozialen Kontakten. Das betrifft ganz besonders Paare unter 30. Junge Menschen testen noch viel mehr aus: Wie gut kann ich mich binden? Wann ist Bindung angenehm? Und sie sind stark mit sich selbst beschäftigt. Dann setzt das Virus eine Glocke über Menschen, die so mit der eigenen Entwicklung beschäftigt sind. Ein Teil der Paare genießt die exklusive Präsenz des Gegenübers und erlebt eine Vertiefung der Beziehung. Von anderen wird diese Glocke aber fast als Romantikzwang empfunden, aus dem sie ausbrechen wollen, es örtlich aber nicht können. Man ist gereizt, sucht Konflikte. Die Folge kann ein emotionaler Shutdown sein.
Und Paare, die schon länger zusammen sind?
Uns alle treibt die Frage um: Was macht mein Leben gut? Wenn es von außen kein ablenkendes Rauschen mehr gibt, spüre ich deutlicher, wenn es da nicht stimmt. Man betrachtet sein eigenes Leben und kommt unter Umständen zu dem Schluss, dass es eine Lücke zwischen dem eigenen und einem wirklich guten Leben gibt. Und weil Selbstreflexion vielen schwer- fällt, wird schnell der Partner als Ursache ausgemacht.
Ablenkung von außen ist für Beziehungen wichtig…
Ich nenne das Erfahrungsvielfalt. Das bringt Lebendigkeit ins eigene Leben und verringert den Druck, sie ständig in der Beziehung erfahren zu müssen. Weil ich eben auch sonst viele schöne Dinge erlebe. Die Beziehung wird nicht so stark mit dem Glücksversprechen überfrachtet. Wenn man sich emotional oder räumlich vom Partner wegbewegen kann, gibt es auch wieder eine Annäherung zu ihm hin. Menschen erleben die Beziehung besonders in diesen Momenten als positiv. Kann man den Abstand nur schwer herstellen, fällt diese Annäherung weg.
Wie kommt man da heraus?
Viele Paare haben sich eine feste Struktur geschaffen während des Lockdowns. Beispiel Homeoffice: Da kann man vereinbaren, dass man zwar zusammen zu Hause arbeitet, sich aber erst zum Mittagessen sieht. So bekommen Paare den nötigen Abstand, der nötig ist, um wieder zum Gemeinsamen zu finden.
Viele sprechen auch von einer Entschleunigung durch den Lockdown, die ihnen gutgetan hat.
Der Lockdown war eine künstliche Zäsur, die es ermöglicht hat, über sich selbst und seine Wünsche nachzudenken: Wie geht es mir? Was brauche ich? Was habe ich übersehen? Das betrifft dann auch die Beziehung, wenn er oder sie sagt: Es wäre schön, wenn wir anders miteinander sprechen. Oder wenn Probleme in der Sexualität auf den Tisch kommen. Die Corona-bedingte Ruhe wird zur Chance – wenn man diese Bedürfnisse äußert.
Also mehr miteinander kommunizieren.
Wobei gute Kommunikation mehr ist als nur Sprechkontakt. Auch ein hingestelltes Glas Wasser ist Kommunikation. Es geht darum, was ich durch mein Handeln mitteile. Ob man den anderen wahrnimmt, sich für ihn interessiert. Ich nenne das Tröpfchenbewässerung, die eine Beziehung auch Dürren wie Corona überstehen lässt.
Also ist das Mitbringen der Lieblingsschokolade gute Kommunikation?
(lacht) Das würde ich sagen.
Die Angst vor einer zweiten Welle ist groß. Wie viel Lockdown hält eine Gesellschaft aus?
Das ist eine spannende Frage. Was wir wissen, ist: Wenn grundlegende soziale Bedürfnisse nicht erfüllt sind, geraten Menschen unter eine Spannung, die sich irgendwann entlädt.
Also wenn ich niemanden treffen oder ins Freie darf.
Ja, das sind Bedürfnisse, die die eigene Identität berühren. Wo ist meine Position in der Gesellschaft? Aus jedem sozialen Kontakt bekomme ich ein Feedback, wer ich bin, was ich kann, was mich ausmacht.
Der Partner kann soziale Verluste schwer ersetzen.
Es gibt Menschen, die wenig sozialen Kontakt brauchen. Sie holen sich Zufriedenheit auf anderen Ebenen, zum Beispiel über Natur, Kunst, Musik, Spiritualität. Andere können das nicht. Sie brauchen Resonanz von außen.
Ein zweiter Lockdown wäre also schwierig?
Das wäre ein massiver Rückschlag. Den Menschen würde es viel schwerer fallen als beim ersten Lockdown, zu hoffen. Weil sich das Gefühl verstärkt, selber nichts tun zu können, damit die Situation besser wird.
Das heißt, da würden vermutlich noch mehr Beziehungen kaputtgehen?
Das würde ich auf jeden Fall mit Ja beantworten. Es ist so: Wenn es zu viele Dämpfer gibt, wird die Selbstanstrengung weniger. Menschen nutzen irgendwann als Lösungsversuch das Aufgeben.
Interview: Wolfgang Hauskrecht