„Das Verhalten in Deutschland ist gewagt“

von Redaktion

VON KATHRIN BRAUN

Wuhan – In Deutschland wächst die Ungeduld. Mehrere Bundesländer diskutieren jetzt über ein Ende der Maskenpflicht. In Wuhan hingegen wäre diese Debatte undenkbar. Auch drei Monate nach dem Ende des Lockdown in der chinesischen Metropole hat Corona die Stadt noch im Griff. „Wir haben das Virus noch lange nicht vergessen“, sagt Silja Zhang, 36, am Telefon. „Und das ist auch gut so.“

76 Tage lang haben Silja Zhang, ihr Mann und ihre zwei Hunde die Wohnung nicht verlassen. Die Münchnerin lebt seit acht Jahren in der Stadt, in der das Virus ausgebrochen ist. „Als ich das erste Mal nach draußen gegangen bin, hat mich das erschlagen“, erzählt sie. „Die ganzen Eindrücke draußen, das war ich nicht mehr gewohnt. Das Autofahren ist mir zum Beispiel sehr schwergefallen.“

Erst ist die Radiologin deshalb nur zwischen ihrer Wohnung und der Arbeit gependelt. „Es war merkwürdig, wieder nach draußen zu gehen. Aber es war sehr bewegend, meine Kollegen wieder-zusehen. Und man hat gemerkt: Der ganz normale Alltag, der einem mal langweilig vorkam, ist doch sehr schön.“

Heute, drei Monate später, hat sich Silja Zhang wieder an ihren Alltag gewöhnt. Wie früher ist es aber nicht mehr. Jedes Mal, wenn sie ihre Wohnanlage verlassen will, muss sie ihre Temperatur messen lassen. „Und die Corona-App ist Pflicht“, sagt sie.

Dafür gebe es aber immerhin keine Kontaktbeschränkungen. „Wir müssen uns nicht isolieren, können uns auch mit Freunden zum Grillen verabreden.“

In der Öffentlichkeit trägt jeder einen Mundschutz – egal, ob beim Einkaufen, in der Bahn oder an der frischen Luft. „Das macht uns schon zu schaffen, denn es hat bis zu 40 Grad draußen“, sagt Zhang. „Aber die meisten hier sind der Meinung: Lieber zu streng als zu locker.“ Vor allem, weil es wieder eng werde in der Metropole. „Seit die Menschen wieder nach draußen gehen dürfen, ist es sehr voll in der Stadt“, sagt sie. „Mit elf Millionen Einwohnern ist es nicht leicht, immer genug Abstand zu halten.“

Die Restaurants sind nur zum Teil geöffnet. „Viele sind pleitegegangen“, erzählt Zhang. „Alle versuchen gerade, finanziell wieder auf die Beine zu kommen.“ Selbst in den Krankenhäusern kehrt nur langsam wieder Normalität ein. „Wir haben viel weniger Patienten“, sagt die Ärztin. „Viele sind noch sehr vorsichtig, wollen die Kliniken lieber meiden.“ Dabei seien vor allem dort die Regeln besonders streng. „Wenn jemand stationär aufgenommen werden muss, wird er in der Ambulanz erst einmal auf Corona getestet.“ Bis zu einem Tag müsse der Patient auf das Ergebnis warten.

Genau diese Vorsicht habe die Stadt aber gebraucht, findet Zhang. „Dass Wuhan nur so langsam geöffnet wurde, war unsere Rettung.“ Deshalb sei auch die Lage in Wuhan entspannt geblieben, als Peking Mitte Juni wegen eines neuen Corona-Ausbruchs mehrere Bezirke sperrte. „Natürlich sind wir besorgt. Aber wir sind auch gut tausend Kilometer von der Hauptstadt entfernt.“ Man fühle sich zwar nicht sicher vor dem Virus, vertraue aber in die Disziplin der Bürger. „Ich glaube, wir alle haben im Hinterkopf, dass es jederzeit wieder passieren kann.“ In Deutschland sei das nicht so. Die Münchnerin sagt aber auch: „Ich kann es auch nachvollziehen, dass viele die Lage in Deutschland nicht ganz so ernst nehmen wie hier. Immerhin sind die Lebensbedingungen und die gesundheitliche Versorgung in Deutschland einfach besser.“

Zhang verfolgt regelmäßig die Nachrichten in ihrem Heimatland: Tausende Menschen, die auf der Straße demonstrieren, auf Partys gehen, an sonnigen Wochenenden dicht an dicht am See liegen. „Ich halte das Verhalten in Deutschland für gewagt“, sagt sie. „Wir haben hier unsere Ruhe, weil wir komplett eingesperrt waren. Und die Bevölkerung stand dahinter.“ In westlichen Ländern hingegen ließe man sich das nicht gefallen.

Es wird trotzdem noch lange dauern, bis in Wuhan wieder Normalität einkehrt. Silja Zhang nimmt das in Kauf. 76 Tage lang hat sie in ihrer Wohnung ausgeharrt, so wie elf Millionen andere Menschen. Die Angst vor einer zweiten Welle bleibt. „Wir wissen nicht, was passiert, wenn es kälter wird“, sagt sie. Bis dahin bleibt die Stadt geduldig. Was anderes bleibt auch nicht übrig.

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