München – Marco Brust hat schon Einiges gesehen. Seit Jahren nimmt er als vereidigter Sachverständiger im Auftrag von Staatsanwaltschaften und Gerichten Elektroräder unter die Lupe. Manchmal staunt er aber dennoch, was er so alles bei seiner Firma Velotech in Schweinfurt angeliefert bekommt. „Es kommt vor, dass wir unseren Prüfstand voll ausreizen und die Räder noch nicht am Limit sind“, sagt er. Pedelecs, die auf über 60 Stundenkilometer beschleunigen, seien keine Seltenheit mehr.
Dabei müsste die Motorunterstützung bei Pedelecs, die rechtlich Fahrräder sind, schon bei 25 Stundenkilometern aussetzen. Das geschieht über die Motorsoftware. „Die auszutricksen, ist aber oft zu einfach“, sagt Brust.
Viele Modelle messen die Geschwindigkeit durch Zählen der Radumdrehungen. Erfasst wird dabei, in welchen Zeitabständen ein an der Felge befestigter Magnet einen Sensor im Rahmen passiert. Wird nun die Impulsübertragung zwischen Magnet und Sensor gestört und beispielsweise jeder zweite Impuls unterdrückt, glaubt die Motorsoftware, das Pedelec ist 20 Stundenkilometer schnell, während es real schon 40 fährt. Dann ist es aber laut Gesetz kein Pedelec mehr, sondern ein Kleinkraftrad, mit allen rechtlichen Konsequenzen (siehe Kasten oben).
„Die Motorleistung gibt die höheren Geschwindigkeiten meistens her“, sagt Brust. Genutzt würden Leistungsreserven, die eigentlich zum Anfahren oder für Steigungen im Gelände gedacht sind. Bei deutlich erhöhten Geschwindigkeiten kann das, neben allen rechtlichen Aspekten, zum Sicherheitsproblem werden, sagt der Gutachter. Die Räder seien dafür in der Regel nicht ausgelegt. „Bei der Entwicklung geht es um Gewichtsreduktion durch Materialeinsparung. Deshalb sind einige Pedelecs nur für 100 Kilogramm Gesamtgewicht ausgelegt und zugelassen. Wenn 25 Kilo allein schon auf das Rad entfallen, dürfte ich mich da mit meinem Gewicht schon gar nicht mehr draufsetzen.“ Komme dann noch die Geschwindigkeit dazu, werde es für das Material kritisch. Auch die Bremsen seien nicht für hohes Tempo gebaut.
Ganz verhindern ließen sich solche Manipulationen kaum, sagt Brust. Mit ausreichend Wissen und krimineller Energie finde sich immer ein Weg. Aber den Bastlern werde es von einigen Herstellern zu leicht gemacht, die Motordrosselung zu umgehen. Bei manchen Modellen reiche ein kleines Kästchen aus dem Internet – gerade mal 80 Euro teuer –, das einfach mit einem Gummiband am Rahmen montiert werde.
„Dabei dürfte das von Gesetzes wegen gar nicht möglich sein“, sagt Brust. Ein Pedelec sei eine Maschine, und die müsse laut europäischer Maschinenrichtlinie so gebaut sein, dass sie sich technisch nicht verändern lasse. Trotzdem habe sich in den letzten vier Jahren die Zahl der Pedelecs, die er von den Behörden zur Untersuchung bekommt, jährlich verdoppelt. Vier bis fünf Räder im Monat sind es mittlerweile. Aber nur ein verschwindend geringer Teil der Manipulationen an Pedelecs werde auch festgestellt.
Denn äußerlich lässt sich der Eingriff nicht immer erkennen. Manchmal sind die nötigen Geräte im Rahmen verbaut. Einige Pedelecs verfügen über eine Bluetooth-Schnittstelle. Dann lässt sich unter Umständen per Smartphone-App in die Motorsoftware eingreifen.
„Wenn manche Medien davon sprechen, dass jedes dritte Pedelec auf deutschen Straßen manipuliert ist, würde ich das glatt unterschreiben“, sagt Brust. Vermutlich liege die Zahl sogar höher. Manche Händler würden ihm berichten, dass die Mehrzahl der Räder, die sie zur Wartung in ihre Werkstatt bekämen, manipuliert seien. STEFAN REICH